Georg Trakl- Noch ein Jahrhundertautor

Österreich- Zentrum der Kunst um die Jahrhundertwende.

Fotografie von C.P. Wagner um 1910Georg Trakl ist heute vor 100 Jahren, am 3. November 2014, bei Krakau gestorben. Bis heute ist er kein Vergessener, im Gegenteil: sein Werk erfährt auch heute noch wachsende Wertschätzung.
Wien war um die Jahrhundertwende schon länger eines der Zentren der Kunst in Europa, jetzt wurde es neben Berlin auch noch das Literatur-Mekka im deutschsprachigen Bereich. In Deutschland hatte der aufkommende Naturalismus eine neue Epoche angekündigt. Die österreichischen Künstler aber waren weniger dogmatisch und es herrschte eine große Vielfalt an Entfaltungsmöglichkeiten. Das Nebeneinander unterschiedlicher Stilkonzeptionen und Auffassungen von der Funktion der Literatur war entschieden ‚modern‘.

Das kurze Leben

Georg Trakl hatte schon früh mit dem Schreiben begonnen, erstaunlicherweise mit Theaterstücken.
Er wurde 1887 in Salzburg als Sohn eines Eisenhändlers geboren. In der Schule, die er nach der Mittleren Reife beendete, fiel er wegen seiner Zurückgezogenheit und Menschenscheu auf. 1892 war seine Schwester Margarete geboren worden, mit der ihn eine tiefe, zum Teil inzestuöse Liebe verband, die bis zu seinem Tode andauerte. Nach der Schule machte er eine Apothekerlehre und schloss daran ein Pharmaziestudium an, welches damals noch ohne Matura absolviert werden konnte. Nebenher schrieb er, zwei seiner Theaterstücke wurden, allerdings ohne Erfolg, im Salzburger Stadttheater aufgeführt. Bereis als Jugendlicher machte er Erfahrungen mit Drogen. Zu Beginn des ersten Weltkrieges meldete er sich als Militärapotheker. Die erlebten Gräuel während der Schlacht bei Grodek stießen ihn in tiefe Verzweiflung, er erlitt einen Nervenzusammenbruch und starb nach einer Überdosis Kokain.

Ein Außenseiter blieb der 1887 geborene Autor, weil er fernab vom Getümmel der literarischen Zentren seine Werke verfasste. Und er wäre wahrscheinlich gänzlich unbekannt geblieben, hätte nicht Ludwig von Ficker, der Herausgeber der Zeitschrift ‚Der Brenner‘ (Innsbruck, 1910-1954) sein Talent entdeckt und eine erste Gedichtauswahl veröffentlicht. Seine frühen Werke könnte man am ehesten dem Impressionismus zuordnen, wir sehen Jahreszeitengedichte, etwas resignative, traurige Verse. Die einsamen, nur halb bewussten Regungen und Gedanken.

Die bunte dunkle Landschaft der Gedichte

Für viele sind seine Werke hermetisch. Ich kann mich erinnern, wie ich als junger Gymnasiast mir einzelne Verse oder Strophen von Trakl-Gedichten notierte, so als sei er nur in Bruchstücken ohne Schaden zu nehmen ‚genießbar‘. Aber das ist nur eine nachträgliche Erklärung, Trakl passte einfach an vielen Tagen zu pubertären Befindlichkeiten.
Es ist die Melancholie und die Musikalität seiner Verse, die so anziehend ist, auch wenn das Verstehen sich auf den ersten Blick nicht immer einstellt. Ein Trakl-Gedicht kann man wie einen Song ziemlich leicht erkennen, wenn man sich einmal mit einigen seiner Werke vertraut gemacht hat.
Schwarzer Regen, blaue Finsternis, weißer Schlaf, blaues Lachen, roter Wind, diese Farbbilder finden wir bei ihm.
Wenn bei Trakl ein Gedicht mit ‚Romanze der Nacht‘ betitelt ist, kann man schon erahnen, welche Art von Romantik jetzt folgt:
…Die Mutter leis‘ im Schlafe singt.
Sehr friedlich schaut zur Nacht das Kind
Mit Augen, die ganz wahrhaft sind.
Im Hurenhaus Gelächter klingt…

Die Welt ist voll Trauer und Beklemmung, rätselhafte Angst geht um.

Das Gedicht ‚Heiterer Frühling‘ enthält Zwiespältiges:

…An Weiden baumeln Kätzchen sacht im Wind,
Sein traurig Lied singt träumend ein Soldat…

Es sieht fast danach aus, als wolle uns der Dichter an der Nase herumführen. Oder zurufen: hegt ja keine falschen Hoffnungen!
Trakls Werk ist so schmal wie das von Rimbaud, von dem er offensichtlich beeinflusst war.
Nicht aus Vaterandsliebe, aus Verzweiflung oder gar Todessehnsucht ist er freiwillig in den Krieg gezogen. Kurz nach seinem Tod ist sein zweiter Gedichtband erschienen, ‚Sebastian im Traum‘. Bei einigen dieser Gedichte verschwimmt die Grenze zur Prosa, Wörter sind nach ihrem Klang geordnet:
Stille wohnt
An deinem Mund der herbstliche Mond,
Trunken von Mohnsaft dunkler Gesang;

Blaue Blume,
Die leise tönt in vergilbtem Gestein.
(aus:’Verklärung‘)

Die schwierige Beziehung zu seiner Schwester hat sich bestimmt in Trakls Dichtung niedergeschlagen. Die Figur der Schwester begegnet einem immer wieder.

Es gibt zahlreiche Vertonungen seiner Gedichte , möglicherweise ein Versuch, ein Klärungsmoment ins Dunkel zu bringen.
„Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht“, schrieb er ein Jahr vor seinem Tod an einen Freund.
Er fand keine Heimat in der Welt des Dinglichen oder Vernünftigen. Deshalb haben wir seine Verse, deshalb haben wir seine blaue Landschaft, die Sehnsucht nach Heilung.grab2

Sein Grab hat der Dichter auf dem Mühlauer Friedhof, wenige Kilometer von Innsbruck entfernt.

Über den weißen Weiher
sind die wilden Vögel fortgezogen.
Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.