Honore de Balzac: Vater Goriot

 Literatur des Realismus

 Nachdem es Honore de Balzac mit Verlorene Illusionen letztes Jahr sogar in einer Neuübersetzung von Melanie Walz noch einmal in die SWR Bestenliste geschafft hat und  damit seine Aktualität bewies, habe ich jetzt  in meinem ungelesenen Bestand  auch wieder zu diesem Klassiker gegriffen und den Roman Vater Goriot ausgewählt. Balzac, dieser unermüdliche Schriftsteller, der mit der Comedie Humaine ein vielfältiges und umfangreiches Werk hinterlassen hat, das immer noch im Kanon der Französischen Literatur weit oben steht und zur Weltliteratur zählt, hat diesen Roman in weniger als sechs Wochen vollendet; er erschien erstmals 1834/35  als Fortsetzungsgeschichte in der Revue de Paris, der gleichen Zeitung, in der zwanzig Jahre später auch Madame Bovary erschien.

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Honore de Balzac, Archiv: Diogenes Verlag

 Honore de Balzac wurde 1799 als Sohn eines Rechtsanwaltes in Tours geboren, wurde früh an eine Amme abgegeben und erhielt Unterricht in einer Klosterschule. Er studierte in Paris Jura, weigerte sich aber, eine Stelle als Notar anzutreten. Zuerst schrieb er unter den verschiedensten Pseudonymen bis 1825 Unterhaltungsromane, um zu etwas Geld zu kommen. Er war schon früh auf eine Gelegenheit aus, eine reiche Geliebte zu heiraten. Legendär waren seine Verschwendungs- und Prunksucht, es häuften sich riesige Schuldenberge an. Obwohl er seit 1892 großen literarischen Erfolg hatte, fieberhaft schrieb und viele treue Leser hatte, war er bis zuletzt  in Geldnöte verstrickt. Kurz vor seinem Tod 1850 heiratete er noch die Gräfin Evelina Hanska, als er schon schwer krank war.

Der Hauptschauplatz der Geschichte von Vater Goriot ist eine schäbige Pension im Paris des Jahres 1819. Hier hausen verarmte, teils zwielichtige Mieter und Kostgänger unter der Obhut von Madame Vauquer. Wie in einem Drehbuch mit peniblen Regieanweisungen  schildert Balzac, detailverliebt, vom Fußboden mit seinen Dellen und Löchern bis hin zu den verblichenen künstlichen Blumen auf dem Kamin die Bühne für das Spektakel, das sich abspielen wird.

Kein Stadtteil von Paris ist hässlicher, keiner weniger bekannt. Besonders die Rue Neuve-Sainte-Genevieve wirkt wie ein eiserner Rahmen, der diese Geschichte zusammenhält. Eine Geschichte, auf die man den Geist gar nicht genug mit schmutzigen Farben und düsteren Gedanken vorbereiten kann; es ist wie mit dem Tageslicht, das von Stufe zu Stufe abnimmt, während man der widerhallenden Stimme des Führers immer tiefer in die Katakomben hinabfolgt. Der Vergleich stimmt nur zu sehr! Welcher Anblick ist grausamer: vertrocknete Herzen oder hohle Totenschädel?

Balzac hat sich also hinab begeben zur Unterschicht der Stadt Paris. Obwohl im Laufe der Handlung auch vornehmere Viertel ins Blickfeld rücken, hier keimen die Hoffnungen, auf Reichtum vornehmlich, hier hat der Schriftsteller den Raum, sich von der Romantik zu lösen und Lebenswirklichkeit zu zeigen.  In einem Handlungsstrang träumt der mittellose, vom Lande kommende Jurastudent Eugene de Rastignac vom gesellschaftlichen Aufstieg und unternimmt auch gleich die ersten Schritte zu diesem Ziel, indem er erfolgreich  Bettelbriefe an Mutter und Schwester schreibt.

Auf einer zweiten Handlungsebene wird der titelgebende Vater Goriot vorgestellt, ein ehemaliger Nudelfabrikant, der es während der Revolution zu Reichtum und Ansehen gebracht hatte und aus blinder, ja zwanghafter Zuneigung zu seinen Töchtern, die beide in die vornehme Gesellschaft eingeheiratet haben, nach und nach fast sein ganzes Vermögen für sie aufgebraucht hat. Zu diesen zwei Hauptpersonen gesellt sich noch Vautrin, der sich zunächst als einstiger Kaufmann ausgibt und später als Verbrecher verhaftet wird. Seine Funktion entspricht der Mephistos, mit dem man besser keinen Pakt eingeht. Es herrscht Unsicherheit über manchen Personen, über Herkunft und Lebensgeschichte. Das gibt natürlich Stoff für Gerüchte oder Klatsch. Und für den Leser eröffnen sich spannende „Enthüllungen“. Diese schrittweise bis zur vollständigen Aufklärung verfolgte Sichtbarmachung und Erhellung der Charaktere hat etwas von der Methodik eines Kriminalromans und ist als Fortsetzungsgeschichte mit Schnitten an der richtigen Stelle noch zusätzlich mit Spannung geladen. Während man schon denkt, Vater Goriot sei moralisch als Einziger ohne Tadel, erfahren wir, dass sein Aufstieg als Unternehmer während der Hungersnot zur Zeit der Revolution kaltschnäuzig durchgezogenen Getreidespekulationen zu verdanken war.

Das Leben dieser Menschen war im Kleinen das Abbild der menschlichen Gesellschaft im Großenschreibt der Autor.

Die Beschreibung der Atmosphäre in der Pension Vauquer samt dem Personal empfand ich beim Lesen als ein Meisterstück an Beobachtungs-und Darstellungsgabe. Vautrin will Rastignac, natürlich nicht ohne Eigennutz, den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen: Mademoiselle Victorine Taillefer, Mieterin im besseren Teil der Pension, ist verliebt in  den jungen Studenten. Nach dem verbrecherischen Plan Vautrins solle der Bruder von Victorine „beseitigt“ werden, damit diese in den Besitz des väterlichen Vermögens gelangen könne. Rastignac allerdings hat Skrupel und versucht sein Glück zunächst bei den Töchtern von Vater Goriot, Anastasie, jetzt Gräfin de Restaud, und Delphine, jetzt Baronin und Frau des Großbankiers Nucingen. Letztere erhört ihn schließlich und Eugene de Rastignac bekommt ausreichend Gelegenheit hinter die glänzende Fassade des angeblich so vornehmen Salonlebens zu blicken. Desillusioniert muss er mit seinem Freund, dem jungen Arzt Bianchon mitverfolgen, wie die raffsüchtigen und egoistischen Töchter ihrem Vater Goriot, der inzwischen schon im armseligsten Winkel der Pension unterm Dach haust,  buchstäblich das letzte Hemd ausziehen. Am Ende stirbt er einsam wie ein Hund.

Schreiben und Suggestion

Immer wieder liest man, dass realistische Schriftsteller Distanz zu Geschehen und Personal herstellen, das gegenteilige Gefühl hatte ich zumindest bei diesem Roman gerade durch die vielen Kommentare, die Balzac zum Geschehen beisteuert. Und eine Darstellungsweise, die man heutzutage als politisch unkorrekt bezeichnen würde, aber auch heute noch viele praktizieren, ist ebenfalls allgegenwärtig: mit der materiellen Schilderung der Personen wird gleich eine moralische Charakterisierung suggeriert, wenn er z.B. die Pensionsinhaberin Madame Vauquer beschreibt:

Bald darauf erscheint die Witwe, angetan mit einer Tüllhaube, aus der ein schlecht aufgesteckter falscher Haarzopf hängt, in ausgetretenen Pantoffeln, die über den Boden schlurfen. Ihr ältliches, dickliches Gesicht, aus dem die Nase wie ein Papageienschnabel hervorsticht, ihre kleinen, fleischigen Hände, ihre Figur, feist wie eine Kirchenratte, ihr zu volles, wabbelndes Mieder, all das stimmt überein mit diesem Raum, aus dessen Wänden das Unglück sickert, in dem die Spekulation kauert und dessen stinkig laue Luft sie atmet ohne sich zu ekeln.

Die machtvolle Triebkraft allen Handelns ist das Geld und damit das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung. Sicher kann man hier Bezüge zur Gegenwart herstellen, zur Lust-und Leistungsgesellschaft unserer Tage, wenn wir die französische Salonkultur mal vergessen. Insbesondere den jungen Rastignac habe ich als moderne Figur gesehen. Der unbedarfte, naive junge Mann vom Land kommt in die Stadt und soll erstmals eigenverantwortlich mit dem Leben konfrontiert werden. Er wird ausgewildert , um die Kriterien und moralischen Wertungen zu lernen, um ihn „verkehrsfähig“ zu machen. Und an jeder Ecke stehen die Beeinflusser und vermeintlichen Ratgeber. Haben wir nicht noch die Berichte über die Plagiatsdoktoren im Kopf? Berechnung ist in den zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Roman ein vorherrschenden Merkmal. Also, das ist für mich ein Hauptkriterium für einen Klassiker: dass zeitlose Themen präsentiert werden.  Dieses Salonleben allerdings der sogenannten vornehmen Gesellschaft von Paris mit den vielen förmlichen Dialogen war mir beim Lesen doch zu sehr überlebte Vergangenheit, um das in seiner Breite im Roman als interessant oder gar spannend zu finden.

Es gibt Passagen, die sind schwülstig,  übertrieben melodramatisch und beinahe peinlich für heutiges Verständnis: ein Beispiel:

Wenn die Pariserinnen falsch sind, eitel, selbstsüchtig, kokett und kühl, so opfern sie doch, wenn sie wirklich lieben, ihrer Leidenschaft mehr als andere Frauen. All ihre Charakterschwächen wandeln sich im Feuer der Liebe und werden erhaben. 

Aber Balzac schafft eine reiche Welt , vielfarbige Persönlichkeiten, ausdruckstarke Milieuschilderungen und spannende Abläufe. Es wäre unseriös, diesen einen Roman für das Gesamtwerk zu nehmen, er schrieb oft unter großem Zeitdruck, war in seinem privaten Leben häufig einem regelrechten Ansturm der Gläubiger ausgesetzt, da kann es nicht ausbleiben, dass es in Texten zu einem Qualitätsabfall oder zu Ungereimtheiten kommt. Ich hatte auch wie schon lange nicht mehr bei einem Erzähler beim Lesen die konkrete Vorstellung von einem auktorialen Erzähler: auch wenn er die Realität des Dargestellten eindringlich mehrfach betont: Balzac ist es, der die Fäden in der Hand hat, er bringt die Figuren zum Tanzen und auch in tiefe Not.

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Originalmanuskript mit
persönlichen Haben und Schulden-Tabellen
Quelle:balzac.pagesperso-orange.fr

Und am Ende hat er in seinem gesamten Werk über 2000 Personen „erschaffen“.

Der Autor wendet sich an den Leser: Nachdem ihr die geheimen Leiden von Vater Goriot gelesen haben werdet, werdet ihr gut zu Mittag essen, eure Gleichgültigkeit werdet ihr dem Verfasser zur Last legen und ihm Übertreibung und Schönfärberei vorwerfen. Doch ihr sollt wissen: Das Erzählte ist weder Roman noch Erfindung. Alles ist Wahrheit, so wahr, dass jeder die gleichen Regungen in seinem eigenen Herzen wiederzufinden vermag. 

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Cover Vater Goriot, Diogenes Verlag

 

Vater Goriot, Roman, detebe 23993, 308 Seiten, Übersetzung Rosa Schapire,  Erschienen 2009, ISBN 978-3-257-23993-5, 9.90 €,

Bei weiterem Interesse:

Einen hervorragend recherchierten Beitrag findet ihr beim Literaturblog Leopoldsleselampe.

Interessante Seite über die Comedie Humaine(französisch).

 

 

 

Saul Bellow: Humboldts Vermächtnis

Der Verlag Kiepenheuer&Witsch bewirbt die Bücher von Saul Bellow mit dem Hinweis, dass dieser der Lieblingsautor von Barack Obama sei.

Das war natürlich nicht der Grund, warum ich seinen Roman Humboldts Vermächtnis zur Lektüre ausgesucht habe. Der Roman ist bereits 1975 erschienen, damals noch in der Übersetzung von W. Hasenclever. Davon besitze ich zwar ein Exemplar, ich habe mir jedoch die Neuübersetzung von Eike Schönfeld  besorgt, für die er 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung bekam. 

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Saul Bellow

 

Saul Bellow wurde 1915 in Lachine bei Montreal geboren, 2 Jahre nachdem seine jüdischen Eltern aus Russland emigriert waren. 1924 zog die Familie nach Chicago, die Stadt, die später den Hintergrund bildete für viele seiner Bücher. Er studierte Soziologie und Anthropologie, reiste nach dem Krieg 2 Jahre durch Europa und lehrte an der University of Chicago Literatur und Creative Writing. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war er einer der wichtigsten amerikanischen Autoren. Als einziger erhielt er den National Book Award for Fiction dreimal. Für den Roman Humboldts Vermächtnis, der 1975 erschien, erhielt der den Pulitzer Prize, 1976 wurde ihm der Nobelpreis verliehen. Seine wichtigsten Werke sind:

Die Abenteuer des Augie March (1953), Herzog (1964) und Humboldts Vermächtnis (1975).

Die Handlung erschien mir zunächst sehr chaotisch.  Das Buch beginnt mit einer verwirrenden Fülle an Informationen.  Charlie Citrine, die Erzählstimme Bellows, springt nur so zwischen den Jahrzehnten und Schauplätzen hin und her.  Es sind die Dreißiger Jahre in New York. Ein Theaterstück von Citrine läuft am Broadway mit großem Erfolg.  Bewundernd spricht Citrine vom großen Dichter Humboldt Fleisher, der sein Freund und Mentor war. Aber: „Ende der Vierziger Jahre begann sein Stern zu sinken, Ende der Fünfziger wurde ich selbst berühmt.“   Und gleich ein paar Seiten weiter lästert er über seinen ehemaligen Freund: „In seinen letzten Lebensjahren lief er, wenn er nicht gerade zu depressiv zum Reden war und nicht in der Klapse saß, in New York herum und erzählte bittere Sachen über mich und meine „Million Dollar“. In vielen  Episoden, weit ausholend, in überbordenden Szenen,  ab-und ausschweifend  , oft im Stil schwarzer Komik, erzählt Citrine vom Niedergang des manisch-depressiven Dichters Von Humboldt Fleisher, und  von seinem eigenen Leben, seinen Leidenschaften, Ängsten und Ideen.

Im Stimmungsraum zwischen Melancholie und Tragik mit einer beachtlichen Portion  Selbstironie kann sich der Leser gefasst machen auf eine bisweilen groteske Reise nach Chicago, New York, Madrid und Paris. Citrine ist inzwischen ein Mitfünfziger, Bürger von Chicago,  mit Ängsten vor dem Alter und er hat die Anthroposophie Rudolf Steiners entdeckt, die ihm Klarheit verschaffen soll über den Tod. Manche seiner wichtigsten Vorkommnisse in seinem Leben schildert er uns als „Meditation“, wie er seine Erinnerungen selbst nennt. Und so werden Zugreisen, Taxifahrten, Aufenthalte im Russischen Dampfbad, Gerichtssäle zum Ausgangspunkt spannender Berichte, wobei Sterben und Tod allgegenwärtig sind. Er möchte auf keinen Fall so enden wie Humboldt, vereinsamt, verarmt, bedeutungslos.

„In Chicago wurde Humboldt zu einem meiner bedeutendsten Toten. Ich verbrachte viel zu viel Zeit damit, über den Toten nachzudenken und mit ihm zu kommunizieren“.

Amerika, das große Unternehmen, braucht eigentlich keine Künstler, glaubt er. Und sie sind dem Untergang preisgegeben.

Denn schließlich hatte Humboldt das getan, was Dichter im groben Amerika tun sollen. Er lief Verderben und Tod noch konzentrierter hinterher, als er Frauen nachgelaufen war. Er pfiff auf sein Talent und seine Gesundheit und erreichte sein Zuhause, das Grab, in einer Staubwolke. Er buddelte sich selbst ein. Okay. Das tat auch Edgar Allen Poe, den man in Baltimore aus der Gosse zog. Und Hart Crane über die Reling eines Schiffs. Und Jarrell, der vor ein Auto fiel. Und der arme John Barryman, der von einer Brücke sprang. Aus irgendwelchen Gründen wird diese Schrecklichkeit vom geschäftlichen und technologischen Amerika seltsam geschätzt. Das Land ist stolz auf seine toten Dichter. Es empfindet durch das Zeugnis der Dichter, dass die USA zu hart, zu groß, zu viel, zu grob seien, dass die amerikanische Wirklichkeit einen überwältigt, eine ungeheure Befriedigung.

Citrine muss sich ständig seiner Jugendlichkeit und Fitness vergewissern, er spielt in einem Sportclub Chicagos Paddle Ball, eine Art Squash,  und er gibt auch zu, dass er sich damit vor einer jüngeren Frau aufspielt, Renata, Gefährtin und wie im weiteren Verlauf der Geschehnisse zu sehen: Intrigantin und Blutsaugerin. 

Charlie, der sich auch mit  dem Ganoven Cantabile einlässt,  hält sich für gewieft, in Wahrheit wird er von seiner Umgebung ständig übervorteilt und bedrängt.

Weil Citrine einen Scheck über Spielschulden platzen lässt, demoliert Cantabile  seinen Mercedes und demütigt ihn öffentlich. Seine Ex-Ehefrau Denise kommentiert:

„Du treibst dich mit deinen alten Chicagoer Schulkumpels herum, mit Irren. Das ist eine Art geistiger Selbstmord, ein Todeswunsch.“

Es geht ständig um Geld und Macht, in einer Schlüsselszene des Romans besiegeln Humboldt und Citrine eine Scheckbuchbrüderschaft. Beide stellen sich gegenseitig einen Blankoscheck aus, den der andere einlösen kann, „wenn er in der Klemme steckt“. Charlie Citrine berichtet:

Nun gaben wir uns die Hand- reichten uns alle vier Hände. Humboldt sagte: „Das macht uns zu Blutsbrüdern. Wir haben einen Bund geschlossen. Das ist ein Bund.“ Ein Jahr später hatte ich den Hit am Broadway, und er füllte meinen Blankoscheck aus und löste ihn ein. Er sagte, ich hätte ihn verraten, ich, sein Bruder, hätte einen heiligen Bund gebrochen, …, ich hätte ihn betrogen. Er hob sechstausendsiebenhundertdreiundsechzig Dollar und achtundfünfzig Cent von meinem Konto ab. Den Scheck, den er mir gegeben hatte, legte ich in eine Schublade unter ein paar Hemden. Wenige Wochen danach war er verschwunden und ist nie wieder aufgetaucht.

Hier und bei vielen anderen Gelegenheiten wird der gnadenlose Kapitalismus und der Niedergang der Amerikanischen Kultur dargestellt. Bellows Erzähler tut dies mal als Opfer sich betrauernd, mal ironisch selbstkritisch,  schließlich ist er zunächst selbst Nutznießer des Systems. Doch auch er gerät zunehmend in Schwierigkeiten, Denise, seine geschiedene Frau, lässt ihn nach und nach durch gewiefte Anwälte finanziell ausbluten, Renata, die Geliebte trachtet mit ihrer geldgierigen Mutter nach sorglosem Luxus in Europa. Er ist sehr um seine Anerkennung besorgt. Aus Angst vor dem Verlassenwerden lässt er sich über den Tisch ziehen.  Die ihn bejubeln wollen nur ihn oder sein Geld benutzen. Er sucht Hilfe in den anthroposophischen Anweisungen Rudolf Steiners Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?

Man dachte: Wie traurig, dieser ganze menschliche Unsinn, der uns von der großen Wahrheit abhält.

Als nach dem Tode Humboldts dessen Frau Kathleen mit einem Testament auftaucht, in dem auch Charlie Citrine bedacht wird,  kommt die Handlung erst richtig in Fahrt. Bei dem Vermächtnis handelt es sich um ein nach Meinung Charlies unbrauchbares Filmskript, Humboldt dagegen meint in seinem letzten Brief, es könne „Millionen einspielen.“

Das Geschehen verlegt sich nach Mailand,  Madrid und Paris, denn  Charlie Citrine soll einen Kultur-Baedecker für Europa verfassen. Er erfährt zu seiner großen Überraschung, dass aus dem Skript tatsächlich ein erfolgreicher Film gebastelt wurde. Ich möchte über den Ausgang des Romans nicht alles verraten, die Melancholie und Komik hält an bis zur letzten Seite. Der Handlungsreichtum im letzten Teil versöhnt etwas mit den  allzu häufig eingestreuten, manchmal schon Essay-Ausmaße annehmenden Reflexionen, das ganze Who is Who der Geistesgeschichte erscheint, oft konnte ich das mit dem aktuellen Romangeschehen in keinen rechten Zusammenhang bringen. Vielleicht aber mein Unvermögen.  

 

Einen unbekannteren Autor hätte man sicher vom Verlag zu Kürzungen verdonnert. 

Die Lektüre war ein echtes Leseerlebnis. Auch eine Herausforderung, bis ich die Zeitsprünge und Rückblenden mal in die Reihe gekriegt hatte am Anfang. 

Wäre noch nachzutragen: Als ich nach der Lektüre nach anderen Beiträgen suchte, erfuhr ich, dass die Figur Von Humboldt Fleisher offenbar dem realen Dichter namens Delmore Schwartz nachempfunden ist. Artikel hierzu.

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Cover

Saul Bellow

Humboldts Vermächtnis

Roman Taschenbuch

Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld

Preis € (D) 12,99 

ISBN: 978-3-596-17872-8

                                                      Leseprobe hier

 

 

 

 

 

 

Georg Trakl- Noch ein Jahrhundertautor

Österreich- Zentrum der Kunst um die Jahrhundertwende.

Fotografie von C.P. Wagner um 1910Georg Trakl ist heute vor 100 Jahren, am 3. November 2014, bei Krakau gestorben. Bis heute ist er kein Vergessener, im Gegenteil: sein Werk erfährt auch heute noch wachsende Wertschätzung.
Wien war um die Jahrhundertwende schon länger eines der Zentren der Kunst in Europa, jetzt wurde es neben Berlin auch noch das Literatur-Mekka im deutschsprachigen Bereich. In Deutschland hatte der aufkommende Naturalismus eine neue Epoche angekündigt. Die österreichischen Künstler aber waren weniger dogmatisch und es herrschte eine große Vielfalt an Entfaltungsmöglichkeiten. Das Nebeneinander unterschiedlicher Stilkonzeptionen und Auffassungen von der Funktion der Literatur war entschieden ‚modern‘.

Das kurze Leben

Georg Trakl hatte schon früh mit dem Schreiben begonnen, erstaunlicherweise mit Theaterstücken.
Er wurde 1887 in Salzburg als Sohn eines Eisenhändlers geboren. In der Schule, die er nach der Mittleren Reife beendete, fiel er wegen seiner Zurückgezogenheit und Menschenscheu auf. 1892 war seine Schwester Margarete geboren worden, mit der ihn eine tiefe, zum Teil inzestuöse Liebe verband, die bis zu seinem Tode andauerte. Nach der Schule machte er eine Apothekerlehre und schloss daran ein Pharmaziestudium an, welches damals noch ohne Matura absolviert werden konnte. Nebenher schrieb er, zwei seiner Theaterstücke wurden, allerdings ohne Erfolg, im Salzburger Stadttheater aufgeführt. Bereis als Jugendlicher machte er Erfahrungen mit Drogen. Zu Beginn des ersten Weltkrieges meldete er sich als Militärapotheker. Die erlebten Gräuel während der Schlacht bei Grodek stießen ihn in tiefe Verzweiflung, er erlitt einen Nervenzusammenbruch und starb nach einer Überdosis Kokain.

Ein Außenseiter blieb der 1887 geborene Autor, weil er fernab vom Getümmel der literarischen Zentren seine Werke verfasste. Und er wäre wahrscheinlich gänzlich unbekannt geblieben, hätte nicht Ludwig von Ficker, der Herausgeber der Zeitschrift ‚Der Brenner‘ (Innsbruck, 1910-1954) sein Talent entdeckt und eine erste Gedichtauswahl veröffentlicht. Seine frühen Werke könnte man am ehesten dem Impressionismus zuordnen, wir sehen Jahreszeitengedichte, etwas resignative, traurige Verse. Die einsamen, nur halb bewussten Regungen und Gedanken.

Die bunte dunkle Landschaft der Gedichte

Für viele sind seine Werke hermetisch. Ich kann mich erinnern, wie ich als junger Gymnasiast mir einzelne Verse oder Strophen von Trakl-Gedichten notierte, so als sei er nur in Bruchstücken ohne Schaden zu nehmen ‚genießbar‘. Aber das ist nur eine nachträgliche Erklärung, Trakl passte einfach an vielen Tagen zu pubertären Befindlichkeiten.
Es ist die Melancholie und die Musikalität seiner Verse, die so anziehend ist, auch wenn das Verstehen sich auf den ersten Blick nicht immer einstellt. Ein Trakl-Gedicht kann man wie einen Song ziemlich leicht erkennen, wenn man sich einmal mit einigen seiner Werke vertraut gemacht hat.
Schwarzer Regen, blaue Finsternis, weißer Schlaf, blaues Lachen, roter Wind, diese Farbbilder finden wir bei ihm.
Wenn bei Trakl ein Gedicht mit ‚Romanze der Nacht‘ betitelt ist, kann man schon erahnen, welche Art von Romantik jetzt folgt:
…Die Mutter leis‘ im Schlafe singt.
Sehr friedlich schaut zur Nacht das Kind
Mit Augen, die ganz wahrhaft sind.
Im Hurenhaus Gelächter klingt…

Die Welt ist voll Trauer und Beklemmung, rätselhafte Angst geht um.

Das Gedicht ‚Heiterer Frühling‘ enthält Zwiespältiges:

…An Weiden baumeln Kätzchen sacht im Wind,
Sein traurig Lied singt träumend ein Soldat…

Es sieht fast danach aus, als wolle uns der Dichter an der Nase herumführen. Oder zurufen: hegt ja keine falschen Hoffnungen!
Trakls Werk ist so schmal wie das von Rimbaud, von dem er offensichtlich beeinflusst war.
Nicht aus Vaterandsliebe, aus Verzweiflung oder gar Todessehnsucht ist er freiwillig in den Krieg gezogen. Kurz nach seinem Tod ist sein zweiter Gedichtband erschienen, ‚Sebastian im Traum‘. Bei einigen dieser Gedichte verschwimmt die Grenze zur Prosa, Wörter sind nach ihrem Klang geordnet:
Stille wohnt
An deinem Mund der herbstliche Mond,
Trunken von Mohnsaft dunkler Gesang;

Blaue Blume,
Die leise tönt in vergilbtem Gestein.
(aus:’Verklärung‘)

Die schwierige Beziehung zu seiner Schwester hat sich bestimmt in Trakls Dichtung niedergeschlagen. Die Figur der Schwester begegnet einem immer wieder.

Es gibt zahlreiche Vertonungen seiner Gedichte , möglicherweise ein Versuch, ein Klärungsmoment ins Dunkel zu bringen.
„Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht“, schrieb er ein Jahr vor seinem Tod an einen Freund.
Er fand keine Heimat in der Welt des Dinglichen oder Vernünftigen. Deshalb haben wir seine Verse, deshalb haben wir seine blaue Landschaft, die Sehnsucht nach Heilung.grab2

Sein Grab hat der Dichter auf dem Mühlauer Friedhof, wenige Kilometer von Innsbruck entfernt.

Über den weißen Weiher
sind die wilden Vögel fortgezogen.
Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.