Mayröcker zum Fest

Literaturblog SteibFriederike Mayröcker:


Sieben Tage vor Weihnachten

 

zwei Büschel Haare zwischen
den Buchseiten, schwarz, eine

weisze Vogelfeder dabei, auf ihren

Rädern drei junge Rauchfangkehrer

rudernd durch den Dezemberregen, die offenen

Leiber an Fleischerhaken im Innern

des Kühltransporters, daneben, auf dem Boden des

Fuhrwerks, ein Tannenzweig

 

Das Gedicht ist aus Friederike Mayröcker, Gesammelte Gedichte, Hrsg. Marcel Beyer, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-41631-6

 

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern und Literaturfreaks entspannte, frohe und friedliche Festtage und ein kommendes Jahr mit  vielen erfüllten Wünschen. Ich danke allen Blogger(inne)n, die mit ihren Beiträgen meine Tage bereichert haben.

Auf ein Wiedersehen in 2016 freut sich

herbertsteib

 

 

 

Bert Brecht: Frühe Tagebücher

Beeinflusst von einer gründlichen schulischen Überdosierung, nehme ich an, ist eine weiterführende Brecht-Lektüre bei mir lange auf Eis gelegen. Seine frühen Tagebücher, die ja erst in den Achtzigern öffentlich wurden, kamen mir beim Stöbern in der Stadtbibliothek in der hervorragend kommentierten Gesamtausgabe von 1994 in die Hände — und dies wurde jetzt doch ein größeres Leseprojekt als gedacht, denn wie wäre das Tagebuch zu verstehen, ohne seine Stücke Baal, Trommeln in der Nacht und  Im Dickicht der Städte zu kennen , mit denen sich der junge Brecht  nach dem ersten Weltkrieg herumschlug.

Brecht Literaturblog
Der junge Brecht in Augsburg

Die Eintragungen in Tagebüchern beginnen im Mai 1913, als Eugen Berthold Brecht als 15-Jähriger das Kgl. Bayerische Realgymnasium in Augsburg besuchte. Gleich in den allerersten Eintragungen ist zu lesen: Habe wieder Herzbeschwerden… Mein Herz ist sehr rebellisch. Ich hatte Angst. Eine schreckliche Angst. Der Junge leidet zeitlebens an einer Herzneurose,  ist in Kur mit seiner Mutter, die ebenfalls früh kränklich ist, in Bad Steben. Sein Vater, der sich hochgedient hat aus einfachen Verhältnissen zum Direktor einer Papierfabrik, erkrankt ebenfalls schwer. Dies alles hält der junge Eugen fest. Die Gedichte, die er einstreut, befasssen sich neben jahreszeitlichen Einträgen mit biblischen Themen, z.B. Judas Ischariot, Emaus, Gethsemane. Er arbeitet bereits an Dramenentwürfen und es gibt im Gedicht Arbeiter schon Hinweise auf eine sozialkritische Haltung und Sympathie mit den Proletariern; die Brechts wohnten  in Augsburg ja auch in einer Arbeitersiedlung der väterlichen Firma.   Brecht ist einer der Mitbegründer der Schülerzeitung Die Ernte und 1914 im Alter von 16 Jahren erscheint sein erstes Gedicht in den Augsburger Neueste Nachrichten, noch unter dem Pseudonym Berthold Eugen. Viel vaterländisch Gereimtes, viel Expressionismus noch. Die verfehlte Pädagogik dieser Zeit mit eindeutig deutsch- nationalem Einschlag zeigte seine Wirkung.

 

 Vorbilder: Die poetes maudits

 

Als der nächste große Abschnitt des Tagebuches einsetzt, Juni 1920,- der Krieg ist vorbei-, ist Brecht als Student der Medizin in München immatrikuliert. Er ist inzwischen Vater eines nach Wedekind benannten Sohnes Frank, den man im Allgäu versteckt aufwachsen lässt, um der Mutter Paula Banholzer die „Schande“ in Augsburg zu ersparen. Er hat das Stück Baal fertiggestellt und überarbeitet gerade Trommeln in der Nacht

Früh zeigt sich, dass Brecht nichts dem Zufall überlässt und nicht gewillt ist, für die Schublade zu schreiben. Nachdem er bereits in der Tageszeitung publiziert hat, fühlt er sich wie ein erwachsener Autor und mit entsprechender Arroganz betrachtet und beurteilt er seine Umwelt.

Wie mich dieses Deutschland langweilt! Es ist ein gutes mittleres Land, schön darin die blassen Farben und die Flächen, aber welche Einwohner! Ein verkommener Bauernstand, dessen Rohheit aber keine fabelhaften Unwesen gebiert, sondern eine stille Vertierung, ein verfetteter Mittelstand und eine matte Intellektuelle!  

Brecht liest Francois Villon, Rimbaud, Verlaine und er verehrt Frank Wedekind. Er will noch wilder dichten als diese. Er ist kein Bewohner des Elfenbeinturmes, in den letzten zwei Kriegsjahren trägt er seine Lyrik  buchstäblich auf die Straße. Mit Lampions zieht die Brecht-Clique zum Schrecken vieler Bürger um die Häuser, durch die Vorstadtkneipen mit Liedern und Balladen zur Klampfe. 

Er ist geheilt vom vaterländischen Taumel und Schwindel nachdem er in einem Lazarett als Sanitätssoldat Dienst getan hat und die Fronterlebnisse der Kameraden mit anhören musste. Er möchte nah an den Menschen sein, keinen Ideologien oder Theorien anhängen,  geht auf Volksfeste in Augsburg und München: Immer streune ich abends übern Plärrer, der einem seine Negermusiken mit Keulenschlägen eintreibt: Man bringt sie nachts nimmer aus den Hautfalten. Brecht scheint von seinem Genie voll überzeugt,  bespricht seine Entwürfe mit Lion Feuchtwanger, überhaupt versteht er es, seine Umgebung für sich dienstbar zu machen. Er war gut vernetzt, würde man heute sagen,  allerdings bleibt vieles im Entwurfstadium stecken und seine Sorge geht dahin, wie er mit dem Schreiben seine Existenz sichern kann. Er macht aus sich einen Typ mit Wiedererkennungswert, angefangen von seiner nachlässigen Kleidung,  in Lederjacke und Schiebermütze antibürgerliche Haltung ausdrückend, und er will auffallen, im Blickfeld bleiben. In der Dachkammer im elterlichen Haus, dem Kraal, dichtet und komponiert er mit seiner Clique Bänkellieder und Moritaten, die später teilweise in den Gedichtband Hauspostille aufgenommen werden. 

„Sie vermitteln den stärksten Eindruck, den unsereiner in der letzten Zeit in deutscher Lyrik gefunden hat. Es mag sich nun jeder seine Lieblingsstücke heraussuchen und auswendig lernen.“, schreibt Kurt Tucholsky zur frühen Brechtschen Lyrik.

Literaturblog
Bertolt Brecht (1898-1956)

1921 pendelt Brecht immer noch zwischen Augsburg und München, aber er belegt keine Vorlesungen mehr. Er ist in eine weitere Affäre verstrickt mit der Opernsängerin Marianne Zoff, die von ihm schwanger ist, er verspürt Verantwortung für seinen Sohn und dessen Mutter Paula Banholzer(genannt Bi), schreibt Filmdrehbücher, die aber abgelehnt werden, kommentiert Theateraufführungen in der Regionalpresse, um wenigstens ein paar Einnahmen zu erzielen. Sein Stück Baal, das er wieder und wieder umarbeitet, ist immer noch an keiner Bühne unterzubringen und bei all dem hat er auch noch einen Prozess wegen einer Beleidigungsklage am Hals. Und da ist auch der Vater, der die schriftstellerischen Ambitionen des Sohnes zunehmend misstrauisch betrachtet. Brecht wird oft beschrieben als kraftmeierischer Dandy und Angeber mit der aufdringlichen Neigung, andere zu schulmeistern, seine Tagebucheinträge relativieren dieses Bild allerdings: Ich bins müde. Die Affären verbrauchen mich, der Film deckt mich zu, die Feinde scharren mich ein. Was soll ich mit der schwangeren Frau? Und er hat nur noch die Tagträume: Ich muss mich angeilen zum Geldverdienen, sonst mag ich nicht. Die Tage sind grau, ich stehe nieder im Kurs…immerfort rechne ich in fabulösen Zahlen, „Brillantenfresser“ 10000, „Mysterium“ 5000, „Liebematch“ 5000, „Trommeln“ 50000, „Preisfilm“ 5000.
Wenn man Hunger hat, ist auch der Traum vom großen Geld  ein geeignetes Antriebsmoment für Dichter, das war schon immer so.

 

Schreiben ist Überleben 

 

Die Zeit von November 1921 bis April 1922 verbringt Brecht hauptsächlich in Berlin. Immerhin ist Trommeln in der Nacht inzwischen in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Eigentlich ist das Stück nicht fertig, er feilt immer weiter, er ist Perfektionist. Selbstzweifel und große Stimmungsschwankungen vertraut er dem Tagebuch an, schreibt er nicht, dann ist es nicht das wahre Leben:  Die Tage sind leer ausgespieene Pflaumenhäute. In Berlin richtet sich das Augenmerk Brechts auf die Großstadt. Er hat Upton Sinclair gelesen(The Jungle) und Kipling und in seiner hartnäckigen und gnadenlosen Menschenbeobachtung wird die Fremdheit zwischen den Menschen, die Orientierungslosigkeit und Einsamkeit im Dschungel der Großstadt zum Thema. Allerdings ist er im Gegensatz zu den Expressionisten mit Ethos und Pathos wesentlich haushälterischer.

Der blutjunge „Stückeschreiber“, wie er sich selbst nennt, erfährt bereits eine hohe Ehrung: Er erhält den Kleistpreis des Jahres 1922. Der Literaturkritiker und spätere Dramaturg Herbert Ihering schreibt: Der vierundzwanzigjährige Dichter Bert Brecht hat über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands verändert. Mit Bert Brecht ist ein neuer Ton, eine neue Melodie, eine neue Vision in der Zeit.  Es war für mich eine Entdeckung, wie souverän Bert Brecht über die Gattung Lyrik verfügte schon bei Beginn seines Schaffens. Auch wenn das Lesen keine Aufführung ersetzt: ich war auch begeistert von der Kraft und Experimentierlust seiner Stücke Baal und Trommeln in der Nacht, der Aufsässigkeit, der unerschrockenen, frechen Ausdrucksweise, mit der er die bürgerliche Welt herausfordert, vielleicht auch die Abwesenheit von Ideologie und Theorie. Dass er durchaus auch hie und da auf einen hilfreichen Skandal geschielt hat, manchmal etwas viel Testosteron im Spiel war, ist mir dabei egal. Auch dass er posthum noch mit Häme bedacht wurde als Staatsdichter der DDR und man ihn insbesondere nach dem Scheitern des realen Sozialismus vielfach totsagte,  kann meine Bewunderung für ihn nicht berühren. Seine Stücke werden nach wie vor gespielt und insbesondere seine Lyrik erfährt immer von Neuem eine Aufwertung. Brechts  Kalendergeschichten übrigens gehören heute noch zu den beliebtesten Büchern der Deutschen.

»Schreiben Sie, daß ich unbequem war und es auch nach meinem Tod zu bleiben gedenke. Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten.«

Brecht Geburtshaus und Museum, Augsburg
Brecht Geburtshaus und Museum, Augsburg

Aus der Hauspostille(veröffentlicht 1927) ein Gedicht, geschrieben 1921 im Zug nach Berlin:

 

Erinnerung an die Marie A.

1

An jenem Tag im blauen Mond September

Still unter einem jungen Pflaumenbaum

Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe

In meinem Arm wie einen holden Traum

Und über uns im schönen Sommerhimmel

War eine Wolke, die ich lange sah

Sie war sehr weiß und ungeheuer oben

Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

 

2

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde

Geschwommen still hinunter und vorbei

Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen

Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?

So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.

Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst

Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer

Ich weiß nur mehr: Ich küßte es dereinst.

 

3

Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen

Wenn nicht die Wolke dagewesen wär

Die weiß ich noch und werd ich immer wissen

Sie war sehr weiß und kam von oben her.

Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer

Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind

Doch jene Wolke blühte nur Minuten

Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

 

Tagebuchzitate und Gedicht aus:Bertolt Brecht, Werke, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Suhrkamp Verlag,

Bilder: Suhrkamp Verlag; Stadt Augsburg

Lesenswert:

http://brechtfestival-blog.de/?p=194(Zur Flüchtlingsproblematik)

https://mkammerspiele.wordpress.com/2015/05/20/bertolt-brecht-und-die-munchner-kammerspiele/

http://www.basisfilm.de/HJB/hundepdf/HJB-FB.pdf(Hundert Jahre Bertolt Brecht)

 

Friederike Mayröcker: Frühling

 

Zu den ersten Frühlingstagen, dachte ich mir, kann nur ein Lyrik-Beitrag passen. Ich wählte: Friederike Mayröcker.  Ein  bereits 1947 verfasstes Gedicht.

 

Frühling

 

Meine orangefarbenen                                                                                                                                                                                                                               Abende ruhen in Deinen                                                                                                                                                                                                                           Augen. Du bist eine leise                                                                                                                                                                                                                           Blume über dem Weg. Manchmal                                                                                                                                                                                                             verbergen Pappeln meine Stimme                                                                                                                                                                                                           zu Dir: dann zerbrechen gläserne

Stunden. Ich bekreuzige meine                                                                                                                                                                                                           hellblaue Ohnmacht. Meinen                                                                                                                                                                                                                 glatten Handflächen haften Monde an.                                                                                                                                                                                                      Wir haben alle violetten Winde

aus Nebel durchschritten und                                                                                                                                                                                                                      alle grünen aus Eis und alle roten                                                                                                                                                                                                              aus Sonne und sind geworden wie

ein Gestirn

 

Ließe man die von der Autorin vorgegebene Überschrift „Frühling“ weg, würde dem Leser trotz der Farbenvielfalt, den Blumen und dem vergangenem Eis wohl nicht unmittelbar die Assoziation Frühling  in den Sinn kommen.

Nach eisigen Winden vom Du über das Ich zum Wir : auch so kann man Frühling beschreiben, als Versöhnung und Neuanfang.

Die letztes Jahr 90 Jahre alt gewordene Friederike Mayröcker war bis 1969 Englisch-Lehrerin an Wiener Hauptschulen und hat zunächst in Zeitschriften Gedichte veröffentlicht. Seit 1954  bis zu seinem Tod war sie mit Ernst Jandl befreundet und arbeitete mit ihm zusammen, vorwiegend an Hörspielen. 1968 erhielten beide den begehrten Hörspielpreis der Kriegsblinden. Seit über sieben Jahrzehnten veröffentlicht sie jetzt Gedichte, Prosa, Bühnentexte, Hörspiele und auch Kinderbücher. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche nationale und internationale Literaturpreise, u.a. den Georg-Büchner-Preis 2001 und  den Hermann-Lenz-Preis 2009.

Ich hatte viele Jahre eher einen Bogen um Friederike Mayröckers Lyrik gemacht, die Texte erschienen mir zu hermetisch, manchmal auch manieristisch. Das lag sicher an meiner Herangehensweise, von der Schule im Interpretieren und Einordnen geübt und verdorben. Dadurch wurden die Texte zu etwas Statischem. Dabei erprobt sich die Dichterin ständig neu, alles Erlebte und Geträumte, Gesehene und Gewünschte findet Aufnahme; es erscheint mir wie ein fast ungestümer Versuch, die Welt in allen Schichten zu erfassen.

Nicht von ungefähr wird Friederike Mayröcker häufig abgebildet in ihrem Arbeitszimmer, umgeben von einer erdrückenden Masse von Ordnern, Papieren, Zetteln und Briefen. Und es scheint sie nicht zu stören, dieses Bild von Obsession und Sprachleidenschaft , das der Betrachter erhält.

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Friederike Mayröcker

 

 „Du hast keinen Platz mehr auf deinem Klavier“, schreibt sie in einem Text,„denn neben dem Fernseher ist dein kleines Postamt: eine alte Zigarrenschachtel, die dir Oswald Wiener einmal geschenkt hat, und links vorne der Plattenspieler und dahinter zwei Radioapparate, über der geschlossenen Klaviatur(Liddeckel).“

„Mir geht es immer nur um die Sprache. Um ihre Funktionsweise, vor allem ihre Schönheit. Handlung, Botschaft, interessiert mich alles nicht.“

Sie hat sich mit theoretischen Äußerungen zu Ihren Texten immer  zurückgehalten. Sie meldet Bedenken an gegen alle Theorien mit Ausschließlichkeitscharakter, gegen die Tendenz, ihren „poetischen Absichten und Ergebnissen eine fixierte Abkunft unterstellen“ zu wollen. Sie schlägt als Formeln für einen möglichen Zugang zu ihrem Werk „spielhaftes Anliegen, Mut zur Autorisierung subjektivistischer Weltsicht, Mut zur Privatsprache“ vor. Aber zu jedem dieser Vorschläge setzt sie gleich wieder ein Fragezeichen: Dem Spielerischen, obwohl es „oft zum ersten Antrieb verhilft“, möchte sie „nicht das Wort reden“. Und die Privatsprache dürfte nicht „zu leichtfertiger Willkür, Beliebigkeit, Egalisierung“ verführen. 

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Ernst Jandl und Friederike Mayröcker

 

Viele ihrer Gedichte sind Ernst Jandl gewidmet, beide haben sie den Schuldienst quittiert und ganz der Dichtung gelebt. Auch viele Lesereisen haben sie zusammen gemacht. Jandl konnte aus kleinen Ideen Gedichte machen, die nicht nur witzig waren. Wenn er sie auf der Bühne sprach, war es ein eindringliches Erlebnis: 

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht velwechsern

werch ein illtum!

(in: Laut und Luise 1966)

 

Nachdem Ernst Jandl im Jahre 2000 verstarb, trat in ihren Texten sozusagen eine neue Epoche in Erscheinung. Auch das Sterben ihrer Mutter hat sie sehr beeinflusst. Mehr denn je ging es ums Weitermachen, ums Überleben.

an diesem Morgen

umspucken                                                                                                                 den kleinen Gebetsteppich                                                                                     umlallen umhalsen                                                                                                   als sei ich jetzt ihre Mutter, sie                                                                               mein Kind .. so, sagt sie, kehre                                                                               sich alles um, von ihrem                                                                                           Alter habe sie mehr erwartet, die Welt sei nun                                                    nicht mehr schön

indes der Februar sprieszt                                                                                     im Mimosengefieder

Im Laufe der Jahrzehnte hat man sie immer wieder zugeordnet zu  Strömungen wie dem Surrealismus oder Dadaismus. Ich denke, Carola Wiemers von Deutschlandradio Kultur hat es auf den Punkt gebracht:

„Seit Jahren schreibt Friederike Mayröcker, die Grande Dame der deutschsprachigen Literatur, an einem rastlosen Endlos-Text. An einer entfesselten Poetologie, deren Bewegungen ein Möbiusband in Erinnerung rufen: scheinbar orientierungslos, ohne räumliche und zeitliche Koordinaten, doch in jedem Augenblick die größtmögliche Vielfalt assoziierend.“

 

 Für Interessierte,  weiterführende Links:

 

Interview mit dem Mayröcker-Kenner Marcel Beyer.
Interview von 2012 mit Tobias Haberl von der SZ.
Jörg Drews: Laudatio zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Uni Bielefeld.
Mehrere gute Beiträge zu Friederike Mayröcker bei https://pagophila.wordpress.com/category/bucher/friederike-mayrocker/
Ein sehr schöner Beitrag bei                                                                                      http://www.andreastift.at/2014/12/18/radio-mayroecker/
Die Wienerin Dr. Christiane Zintzen ist eine Kennerin und schreibt unter www.zintzen.org
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Gesammelte Gedichte

Die Gedichte Frühling und an diesem Morgen sind aus Friederike Mayröcker, Gesammelte Gedichte, Hrsg. Marcel Beyer, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-41631-6