Honore de Balzac: Vater Goriot

 Literatur des Realismus

 Nachdem es Honore de Balzac mit Verlorene Illusionen letztes Jahr sogar in einer Neuübersetzung von Melanie Walz noch einmal in die SWR Bestenliste geschafft hat und  damit seine Aktualität bewies, habe ich jetzt  in meinem ungelesenen Bestand  auch wieder zu diesem Klassiker gegriffen und den Roman Vater Goriot ausgewählt. Balzac, dieser unermüdliche Schriftsteller, der mit der Comedie Humaine ein vielfältiges und umfangreiches Werk hinterlassen hat, das immer noch im Kanon der Französischen Literatur weit oben steht und zur Weltliteratur zählt, hat diesen Roman in weniger als sechs Wochen vollendet; er erschien erstmals 1834/35  als Fortsetzungsgeschichte in der Revue de Paris, der gleichen Zeitung, in der zwanzig Jahre später auch Madame Bovary erschien.

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Honore de Balzac, Archiv: Diogenes Verlag

 Honore de Balzac wurde 1799 als Sohn eines Rechtsanwaltes in Tours geboren, wurde früh an eine Amme abgegeben und erhielt Unterricht in einer Klosterschule. Er studierte in Paris Jura, weigerte sich aber, eine Stelle als Notar anzutreten. Zuerst schrieb er unter den verschiedensten Pseudonymen bis 1825 Unterhaltungsromane, um zu etwas Geld zu kommen. Er war schon früh auf eine Gelegenheit aus, eine reiche Geliebte zu heiraten. Legendär waren seine Verschwendungs- und Prunksucht, es häuften sich riesige Schuldenberge an. Obwohl er seit 1892 großen literarischen Erfolg hatte, fieberhaft schrieb und viele treue Leser hatte, war er bis zuletzt  in Geldnöte verstrickt. Kurz vor seinem Tod 1850 heiratete er noch die Gräfin Evelina Hanska, als er schon schwer krank war.

Der Hauptschauplatz der Geschichte von Vater Goriot ist eine schäbige Pension im Paris des Jahres 1819. Hier hausen verarmte, teils zwielichtige Mieter und Kostgänger unter der Obhut von Madame Vauquer. Wie in einem Drehbuch mit peniblen Regieanweisungen  schildert Balzac, detailverliebt, vom Fußboden mit seinen Dellen und Löchern bis hin zu den verblichenen künstlichen Blumen auf dem Kamin die Bühne für das Spektakel, das sich abspielen wird.

Kein Stadtteil von Paris ist hässlicher, keiner weniger bekannt. Besonders die Rue Neuve-Sainte-Genevieve wirkt wie ein eiserner Rahmen, der diese Geschichte zusammenhält. Eine Geschichte, auf die man den Geist gar nicht genug mit schmutzigen Farben und düsteren Gedanken vorbereiten kann; es ist wie mit dem Tageslicht, das von Stufe zu Stufe abnimmt, während man der widerhallenden Stimme des Führers immer tiefer in die Katakomben hinabfolgt. Der Vergleich stimmt nur zu sehr! Welcher Anblick ist grausamer: vertrocknete Herzen oder hohle Totenschädel?

Balzac hat sich also hinab begeben zur Unterschicht der Stadt Paris. Obwohl im Laufe der Handlung auch vornehmere Viertel ins Blickfeld rücken, hier keimen die Hoffnungen, auf Reichtum vornehmlich, hier hat der Schriftsteller den Raum, sich von der Romantik zu lösen und Lebenswirklichkeit zu zeigen.  In einem Handlungsstrang träumt der mittellose, vom Lande kommende Jurastudent Eugene de Rastignac vom gesellschaftlichen Aufstieg und unternimmt auch gleich die ersten Schritte zu diesem Ziel, indem er erfolgreich  Bettelbriefe an Mutter und Schwester schreibt.

Auf einer zweiten Handlungsebene wird der titelgebende Vater Goriot vorgestellt, ein ehemaliger Nudelfabrikant, der es während der Revolution zu Reichtum und Ansehen gebracht hatte und aus blinder, ja zwanghafter Zuneigung zu seinen Töchtern, die beide in die vornehme Gesellschaft eingeheiratet haben, nach und nach fast sein ganzes Vermögen für sie aufgebraucht hat. Zu diesen zwei Hauptpersonen gesellt sich noch Vautrin, der sich zunächst als einstiger Kaufmann ausgibt und später als Verbrecher verhaftet wird. Seine Funktion entspricht der Mephistos, mit dem man besser keinen Pakt eingeht. Es herrscht Unsicherheit über manchen Personen, über Herkunft und Lebensgeschichte. Das gibt natürlich Stoff für Gerüchte oder Klatsch. Und für den Leser eröffnen sich spannende „Enthüllungen“. Diese schrittweise bis zur vollständigen Aufklärung verfolgte Sichtbarmachung und Erhellung der Charaktere hat etwas von der Methodik eines Kriminalromans und ist als Fortsetzungsgeschichte mit Schnitten an der richtigen Stelle noch zusätzlich mit Spannung geladen. Während man schon denkt, Vater Goriot sei moralisch als Einziger ohne Tadel, erfahren wir, dass sein Aufstieg als Unternehmer während der Hungersnot zur Zeit der Revolution kaltschnäuzig durchgezogenen Getreidespekulationen zu verdanken war.

Das Leben dieser Menschen war im Kleinen das Abbild der menschlichen Gesellschaft im Großenschreibt der Autor.

Die Beschreibung der Atmosphäre in der Pension Vauquer samt dem Personal empfand ich beim Lesen als ein Meisterstück an Beobachtungs-und Darstellungsgabe. Vautrin will Rastignac, natürlich nicht ohne Eigennutz, den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen: Mademoiselle Victorine Taillefer, Mieterin im besseren Teil der Pension, ist verliebt in  den jungen Studenten. Nach dem verbrecherischen Plan Vautrins solle der Bruder von Victorine „beseitigt“ werden, damit diese in den Besitz des väterlichen Vermögens gelangen könne. Rastignac allerdings hat Skrupel und versucht sein Glück zunächst bei den Töchtern von Vater Goriot, Anastasie, jetzt Gräfin de Restaud, und Delphine, jetzt Baronin und Frau des Großbankiers Nucingen. Letztere erhört ihn schließlich und Eugene de Rastignac bekommt ausreichend Gelegenheit hinter die glänzende Fassade des angeblich so vornehmen Salonlebens zu blicken. Desillusioniert muss er mit seinem Freund, dem jungen Arzt Bianchon mitverfolgen, wie die raffsüchtigen und egoistischen Töchter ihrem Vater Goriot, der inzwischen schon im armseligsten Winkel der Pension unterm Dach haust,  buchstäblich das letzte Hemd ausziehen. Am Ende stirbt er einsam wie ein Hund.

Schreiben und Suggestion

Immer wieder liest man, dass realistische Schriftsteller Distanz zu Geschehen und Personal herstellen, das gegenteilige Gefühl hatte ich zumindest bei diesem Roman gerade durch die vielen Kommentare, die Balzac zum Geschehen beisteuert. Und eine Darstellungsweise, die man heutzutage als politisch unkorrekt bezeichnen würde, aber auch heute noch viele praktizieren, ist ebenfalls allgegenwärtig: mit der materiellen Schilderung der Personen wird gleich eine moralische Charakterisierung suggeriert, wenn er z.B. die Pensionsinhaberin Madame Vauquer beschreibt:

Bald darauf erscheint die Witwe, angetan mit einer Tüllhaube, aus der ein schlecht aufgesteckter falscher Haarzopf hängt, in ausgetretenen Pantoffeln, die über den Boden schlurfen. Ihr ältliches, dickliches Gesicht, aus dem die Nase wie ein Papageienschnabel hervorsticht, ihre kleinen, fleischigen Hände, ihre Figur, feist wie eine Kirchenratte, ihr zu volles, wabbelndes Mieder, all das stimmt überein mit diesem Raum, aus dessen Wänden das Unglück sickert, in dem die Spekulation kauert und dessen stinkig laue Luft sie atmet ohne sich zu ekeln.

Die machtvolle Triebkraft allen Handelns ist das Geld und damit das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung. Sicher kann man hier Bezüge zur Gegenwart herstellen, zur Lust-und Leistungsgesellschaft unserer Tage, wenn wir die französische Salonkultur mal vergessen. Insbesondere den jungen Rastignac habe ich als moderne Figur gesehen. Der unbedarfte, naive junge Mann vom Land kommt in die Stadt und soll erstmals eigenverantwortlich mit dem Leben konfrontiert werden. Er wird ausgewildert , um die Kriterien und moralischen Wertungen zu lernen, um ihn „verkehrsfähig“ zu machen. Und an jeder Ecke stehen die Beeinflusser und vermeintlichen Ratgeber. Haben wir nicht noch die Berichte über die Plagiatsdoktoren im Kopf? Berechnung ist in den zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Roman ein vorherrschenden Merkmal. Also, das ist für mich ein Hauptkriterium für einen Klassiker: dass zeitlose Themen präsentiert werden.  Dieses Salonleben allerdings der sogenannten vornehmen Gesellschaft von Paris mit den vielen förmlichen Dialogen war mir beim Lesen doch zu sehr überlebte Vergangenheit, um das in seiner Breite im Roman als interessant oder gar spannend zu finden.

Es gibt Passagen, die sind schwülstig,  übertrieben melodramatisch und beinahe peinlich für heutiges Verständnis: ein Beispiel:

Wenn die Pariserinnen falsch sind, eitel, selbstsüchtig, kokett und kühl, so opfern sie doch, wenn sie wirklich lieben, ihrer Leidenschaft mehr als andere Frauen. All ihre Charakterschwächen wandeln sich im Feuer der Liebe und werden erhaben. 

Aber Balzac schafft eine reiche Welt , vielfarbige Persönlichkeiten, ausdruckstarke Milieuschilderungen und spannende Abläufe. Es wäre unseriös, diesen einen Roman für das Gesamtwerk zu nehmen, er schrieb oft unter großem Zeitdruck, war in seinem privaten Leben häufig einem regelrechten Ansturm der Gläubiger ausgesetzt, da kann es nicht ausbleiben, dass es in Texten zu einem Qualitätsabfall oder zu Ungereimtheiten kommt. Ich hatte auch wie schon lange nicht mehr bei einem Erzähler beim Lesen die konkrete Vorstellung von einem auktorialen Erzähler: auch wenn er die Realität des Dargestellten eindringlich mehrfach betont: Balzac ist es, der die Fäden in der Hand hat, er bringt die Figuren zum Tanzen und auch in tiefe Not.

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Originalmanuskript mit
persönlichen Haben und Schulden-Tabellen
Quelle:balzac.pagesperso-orange.fr

Und am Ende hat er in seinem gesamten Werk über 2000 Personen „erschaffen“.

Der Autor wendet sich an den Leser: Nachdem ihr die geheimen Leiden von Vater Goriot gelesen haben werdet, werdet ihr gut zu Mittag essen, eure Gleichgültigkeit werdet ihr dem Verfasser zur Last legen und ihm Übertreibung und Schönfärberei vorwerfen. Doch ihr sollt wissen: Das Erzählte ist weder Roman noch Erfindung. Alles ist Wahrheit, so wahr, dass jeder die gleichen Regungen in seinem eigenen Herzen wiederzufinden vermag. 

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Cover Vater Goriot, Diogenes Verlag

 

Vater Goriot, Roman, detebe 23993, 308 Seiten, Übersetzung Rosa Schapire,  Erschienen 2009, ISBN 978-3-257-23993-5, 9.90 €,

Bei weiterem Interesse:

Einen hervorragend recherchierten Beitrag findet ihr beim Literaturblog Leopoldsleselampe.

Interessante Seite über die Comedie Humaine(französisch).

 

 

 

Don DeLillo: Falling Man

Schöne Literatur nach 9/11?

Man sagt Nine Eleven und jeder hat dabei gleich eine ganze Bilderflut im Kopf. Man sagt Nine Eleven und es fallen Begriffswolken wie kollektives Trauma, Bedrohung der Identität Amerikas, Verwundbarkeit der freien Welt, Kampf der Kulturen usw. Das hat sich größtenteils auch fast eineinhalb Jahrzehnte nach den Anschlägen nicht geändert. Was aber hat sich auf dem Gebiet der amerikanischen Literatur seither zu diesem Thema getan?

Auch wenn Zeit und Umstände einen Vergleich mit der Stunde Null 1945 eigentlich nicht zulassen,  erinnerten sich manche Kommentatoren in den Feuilletons an Theodor Adornos berühmten Ausspruch: Nach Ausschwitz Gedichte zu schreiben, sei barbarisch.Es gab ja nach den Anschlägen eine wahre Flut an Theoriebildungen und Studien, jede Menge Sachliteratur, Essays, Blogbeiträge usw. Aber konnte man nach 9/11 noch „Schöne Literatur“ schreiben?

Don Delillo hat es als einer von Wenigen versucht in seinem 2007 erschienenen Roman Falling Man. 6 Jahre nach dem Anschlag hat er zuerst einmal ganz viel Pathos herausgenommen.  Über einen Zeitrum von etwa 5 Jahren hinweg schildert er uns das Leben einer New Yorker upper middleclass Familie nach der Katastrophe, wobei er  eine Wiederholung der Bilder und Vorstellungen zu vermeiden sucht, die uns allen medial eingebrannt worden sind. Wir bekommen jetzt die Innenansicht. In vielen Szenen mit Dialogen und inneren Monolog-Schnipseln der Beteiligten.

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Autor DeLillo

 

Keith Neudecker, ein geschiedener Anwalt um die Vierzig aus Manhattan ist gerade dem Inferno im Südturm entkommen. Er trägt eine Aktentasche bei sich, die ihm nicht gehört und er flüchtet sich vor der Staub-und Schmutzlawine ausgerechnet in die Wohnung seiner Ex-Frau Lianne, die dort mit dem gemeinsamen Sohn Justin lebt. Liannes Mutter Nina Bartos, emeritierte Professorin, die von Anfang an gegen die Heirat war und gelegentlich noch ihren aus Europa stammenden Liebhaber empfängt, verfolgt ein paar Häuserblocks weiter das Geschehen mit Argusaugen und ist anfangs als kritische Kommentatorin und auch schon mal als Gegenspielerin ihrer Tochter im Roman präsent. Die Spur der Aktentasche führt bald zu einer Beziehung zwischen Keith und Florence, die ebenfalls in den Türmen dem Tod entkommen ist und diese gemeinsame Erfahrung, so scheint es, verschafft den beiden eine fast verschwörerische Nähe, wobei ein zukuntsfähiges Sicherkennen letztlich nicht stattfindet.

In einer impressionistischen  Darstellungsweise mit häufigen Szene-, Orts-, und Perspektivwechseln und in klarer eindringlicher Sprache schildert der Autor das Geschehen.

Nach der Trennung hatte sich das Paar Keith und Lianne,  symmetrisch, wie es heißt,  Kleingruppen angeschlossen: Keith hatte mit fünf anderen Spielern wöchentlich seine Pokerrunde, Lianne widmete sich einigen Männern und Frauen mit Alzheimer im Frühstadium; mit diesen führt sie Erzählmal-Sitzungen durch. Während viele Menschen damit beschäftigt sind, Erinnerungen zu verdrängen, sind diese  geradezu erpicht darauf, nicht zu vergessen. Don DeLillo gibt uns in Falling Man keine Vorstellung von einem kollektiven Trauma, es geht um individuelle Verletzungen und Ängste und Trauer. Das kollektive Trauma  entspricht eher der Wahrnehmung der Politik, welche die Nation, gepuscht durch die immer wieder gleichen Bilder und Parolen  im Schmerz und Verlust sozusagen emotional vereint sehen will. 

DeLillo erzählt nicht chronologisch, der Roman beginnt und endet mit den Vorfällen von 9/11, dazwischen werden Zeiten davor und danach beschrieben. So werden nach und nach die verschiedenen Bewältigungsstrategien der Charaktere  dargestellt und – das war für mich als Leser angenehm herausfordernd – der Autor gibt sich nicht als Allwissender und Allesversteher aus. Am besten scheint Mutter Nina mit der Situation klarzukommen:

Die Leute lesen Gedichte. Leute, die ich kenne , lesen Gedichte, um den Schock und Schmerz abzumildern, sich irgendwie einen Raum zu eröffnen, mit etwas Wunderschönem aus Sprache, um sich Trost oder Fassung zu spenden. Ich lese keine Gedichte. Ich lese Zeitung.

Justin und die Nachbarkinder suchen mit dem Fernglas den Himmel nach Flugzeugen ab und tuscheln von einem Mann namens Bill Lawton, den richtigen Namen Bin Laden haben sie „verhört“, ein Freudscher Verhörer sozusagen. Keith und Florence, als unmittelbar betroffene Gerettete fühlen sich in einer Art Auserwähltheit, sie ergänzen sich in ihren Erinnerungen:

Ihm wurde klar, dass nur sie miteinander reden konnten, bis ins kleinste und ödeste Detail, aber zu öde oder zu detailliert würde es nie sein, denn es steckte jetzt in ihnen, und er musste unbedingt hören, was in seinen Erinnerungsskizzen fehlte. Dies war ihr gemeinsames Feld des Deliriums…

Aber es ist eine heikle, furchtbar anfällige Verbindung, die keinen unangekündigten Windhauch zu überstehen scheint. Keith hat ein stabiles Selbstkonzept verloren, Florence scheint recht zu haben, wenn sie sagt, die Wiedervereinigung mit Lianne sei nur eine gedankenlose Geste gewesen. Lianne sieht überall die Türme, selbst wenn zwei Flaschen nebeneinanderstehen. Auch die Alzheimer Patienten wollen jetzt über die Flugzeuge schreiben. Justin will sich nur noch in einsilbigen Worten ausdrücken und weigert sich hartnäckig an den Einsturz der Türme zu glauben. Verdrängung, Erinnerungszwang und freiwilliges Erinnern: der Autor schreibt alles so echt und passend zu den Personen, dass man als Leser bald nicht mehr glauben kann, dass es sich bei dem Erzählten um Fiktion handelt. Doch nicht alle Verhaltens-, Denk-, und Lebensweisen der Dargestellten  sind  Folge der Katastrophe. 

DeLillo zeigt auf, dass manche der seltsamen, skurrilen oder zwanghaften Verhaltensweisen der Personen zwar durch die Bilder und das Erleben des Anschlags verstärkt wurden, aber die entscheidenden Weichenstellung für die subjektiven Folgeerscheinungen längst vorher stattgefunden hat. Diese persönlichen Vorgeschichten, die ich hier nicht ausbreiten möchte, nehmen etwas den Fokus von 9/11 und führen die Protagonisten  weg von der Opferrolle, in der man sie als Leser aus Mitgefühl gleich sehen will.

Es klingt banal, wird aber doch oft übersehen: Auch schon vor 9/11 haben Menschen im amerikanischen Alltag vermehrt psychische Auffälligkeiten gezeigt, und zwar folgerichtig mit der Erweiterung der Diagnosen im DSM Manual of Mental Disorders.  Die posttraumatische Belastungsstörung ist sozusagen eine amerikanische Erfindung und die Zahl der Betroffenen stieg ständig. Vor 9/11!. Nach dem Anschlag leiden auch heute noch Zehntausende an dieser Krankheit.

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9/11

Alle Personen im Roman haben Bedürfnisse, die sie nicht verstehen und der Autor fängt glücklicherweise nicht an, darüber wie die Theoretiker zu dozieren. Wir hören kaum etwas von Tagespolitik, nichts vom Irakkrieg, wir haben eine private Welt, die schon brüchig war, als New York noch keinen Ground-Zero hatte. Wenn Lianne mit Kierkegaard längst vor 9/11 ausruft: Das ganze Dasein ängstigt mich, kann es auch durch einen Schock fast keine Steigerung mehr geben.  Und der Pokerspieler Keith hat schon zuvor paranoide Anwandlungen, er pflegte spät nach Hause zu kommen, ein bisschen verrückt, sein Gesicht glänzte. Das war die Phase, nicht lange vor der Trennung, als er die simpelste Frage als feindliches Verhör auffasste…Es war sein Charakter, sein angeborenes Gesicht, ohne das ausgleichende Element, die Ansprüche des sozialen Kodexes. 

Erst der dritte Hauptabschnitt ist dem symbolträchtigen Falling Man gewidmet, auch wenn er vorher schon in einer kürzeren Szene Lianne begegnet war. Es handelt sich um einen Performance-Künstler – der Autor nennt ihn David Janiak -, der unangemeldet an den verschiedensten Orten in der Stadt auf Dächern und Balkonen eine Begebenheit nachstellt, die der Fotograf Richard Drew aufgenommen hatte, und die um die Welt ging: den Todessturz eines Mannes, kopfüber vom Nordturm, aus seinem brennenden Büro. David Janiak wird aus  Liannes Sicht geschildert, zwei Jahre nach 9/11, 2003 hörten die Performances auf. Auch dieser Abschnitt war so lebensecht beschrieben, dass ich nach David Janiak gegoogelt habe: der Mann ist Fiktion. Aber die Welt ist so absurd geworden, als könnten jederzeit Menschen vom Himmel fallen.

Keith ist inzwischen als Pokerspieler in den Casinos der ganzen Welt unterwegs, schottet sich ab und geht im Pokerspiel auf: Das waren die Momente, wenn es draußen nichts gab, kein Aufblitzen von Geschichte oder Erinnerung. Und Lianne? Sie stritt mit sich selbst, aber das war kein Streit. Nur die Geräusche, die das Hirn macht. In mehreren   Abschnitten wird über das Pokerspiel berichtet, in der privaten Runde vor 9/11 und dann in den Spielhöllen. Wer sich mit Poker nicht auskennt, so wie ich, wird als Leser(in) in diesen Abschnitten etwas Mühe haben, aber die Schilderung dieser Männer mit ihren bis zur Absurdität verfeinerten Ritualen haben in ihrer Dichte und Eindringlichkeit etwas von Faulkner oder auch Beckett.

Und die Terroristen?Am Ende jeden Hauptabschnittes schildert sie der Autor bei den Vorbereitungen zum Anschlag. In Hamburg, in Nokomis, im Hudson-Korridor. Als Schläfer und unauffällige Überzeugte, ihre einzige Pflicht zu erfüllen, Amerikaner zu töten. 

Ja, es ist traurig, es ist melancholisch, es ist Blues. Wahrscheinlich ist die vergangene Zeit  zu kurz, um geglückte Liebesgeschichten in diesem Stoff unterzubringen. Das Buch habe ich diesen Sommer gelesen, ich kann es uneingeschränkt empfehlen, auch wenn uns gerade ganz andere Probleme berühren.

Der inzwischen fast 80jährige Don DeLillo (Biographie und Werk) war stofflich schon früher bei den Schattenseiten Amerikas angelangt und hat 1988 in Libra die Ereignisse und Machenschaften geschildert, die zur Ermordung Präsident Kennedys geführt haben. Der Autor wird wie manch anderer amerikanischer Autor immer wieder als Anwärter auf den Literatur- Nobelpreis genannt.

Literaturblog Herbert Steib
Cover Falling Man

Don DeLillo, Falling Man. Roman. 

Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert, Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln,
304 Seiten, € 19, 95.

 Für Interessierte: Auf dem Literaturblog zeichenundzeiten.com gibt es zwei hervorragende Rezensionen von 2 früheren Romanen DeLillos zu lesen, darunter wohl sein Hauptwerk Underworld(deutscher Titel:Unterwelt):

Rezension zu:  „Weißes Rauschen“

Rezension zu:„Unterwelt“

Lesetagebuch1

1966 als die Welt uns noch offenstand

Idee: Gott schreibt Tagebuch

Wehes Herz und wackelnde Zähne

…ein Nebelring von Gerede um die Realität(Psychologie)

Harold Pinter, (c) Martin Rosenbaum, honorarfrei.jpg.651526Harold Pinter: siehe kitchen-sink Melodrama, Godot-Verschnitt, in dem die Figuren in fatalistischer Resignation auf einen rettenden Messias warten.

Die Geburtstagsfeier, Das Zimmer: Das Interpretationsspektrum kann wie bei einem Rorschach-Test ins Unendliche tendieren.

Protestschrei gegen saturierte Spießer

Johannes Kühn, schizophrener Dichter: Füll dir das Aug/mit Sonntagen,/füll die Gläser mit Weinsorten,/vielen,bunten,/schlepp mit Rückgrat und Beinen/dein kurzlebiges Fleisch.