Literatur-Klassiker Neuübersetzungen-Vergleich

In meinem vorherigen post habe ich kritisch Stellung bezogen zu der Schwemme an Neuübersetzungen von Literatur-Klassikern. Habe in Zweifel gezogen, ob für den Leser tatsächlich so viel Mehrwert herauskommt, wie oft behauptet.

Ich habe einmal, zugegeben ganz ohne den Anspruch von Wissenschaftlichkeit, als gemeiner Leser sozusagen, die Neuübersetzung von Aldous Huxleys Brave New World in der Übersetzung von Uda Strätling  mit der „alten“ Übersetzung von Herberth E.Herlitschka verglichen und im Folgenden einige Stellen herausgesucht, bei denen letztlich kein Unterschied erkennbar ist oder sogar die neue Übersetzung eher schwerfälliger wirkt als die alte.

Burkhart Kroeber, preisgekrönter Übersetzer, äußert sich darüber, dass bei Neuübersetzungen oft darauf hingewiesen werde, dass „der Staub der Jahrhunderte auf einmal wie weggeblasen“ sei.

So ist es zweifellos in der Übersetzung von Herberth E.Herlitschka nicht angebracht, dass der Schauplatz nach Berlin verlegt und die Namensgebung der Protagonisten eingedeutscht wurde.

Es soll also wohl aus Sicht der Verlage der Sprachwandel im Übersetzerland berücksichtigt werden bei den Neuübesetzungen, es soll mehr „Frische“ hinein, mehr Lebendigkeit. Dabei hat natürlich in der Regel ja auch im Ursprungsland des Klassikers ein Sprachwandel stattgefunden, der aber unberücksichtigt bleibt.

Als Original habe ich benutzt:                  Brave New World, Vintage Classics, Random House 2004

Als ältere  Übersetzung:                          Schöne Neue Welt, Fischer Taschenbuch Verlag, 64.Auflage Juli 2007, Übersetzung Herberth E. Herlitschka

Als Neuübersetzung:                               schöne neue welt, S.Fischer Verlag, Frankfurt 2013, Übersetzung Uda Strätling

Übersetzungsbeispiele:

S.1: the World State´s motto, COMMUNITY, IDENITY, STABILITY                S.20: der Wahlspruch des Weltstaats:GEMEINSCHAFTLICHKEIT, EINHEITLICHKEIT, BESTÄNDIGKEIT                                                                                                           S.7: der Wahlspruch des Weltstaats: KOLLEKTIVITÄT, IDENTITÄT, STABILITÄT     Bemerkung: da es sich um hohle Phrasen handelt, scheint die Übersetzung nicht so wichtig zu sein, aber man könnte es zumindest auf Deutsch versuchen in der Neuübersetzung.

S.1: Wintriness responded to wintriness                                                          S.20: Kälte stieß auf Kälte                                                                                      S.7: Der einen Wintrigkeit entsprach die andere                                      Bemerkung: bei „Wintrigkeit“ wird einem kalt ums Herz

S.1: …and this is the fertilizing room                                                                 S.20: …und dies ist der Befruchtungsraum                                                            S.7: …und dies ist die Fertilisationsstation                                               Bemerkung: Übersetzungsverweigerung?

S.2: Not philosophers, but fret-sawyers and stamp collectors compose the backbone of society                                                                                            S.21: Nicht Philosophen, sondern Hobbybastler und Briefmarkensammler bilden das Rückgrat der Menschheit                                                                                        S.8: Nicht Philosophen, sondern Laubsäger und Briefmarkensammler bilden das Rückgrat der Gesellschaft.

S.15: INFANT NURSERIES, NEO PAVLOVIAN CONDITIONING ROOMS               S. 33: KLEINKINDERBEWAHRANSTALT, NEO PAWLOWSCHE NORMUNGSSÄLE     S.27: FRÜHLERNSTATION, NEOPAWLOWSCHER KONDITIONIERUNGSTRAKT Bemerkung: ist an dieser Übersetzung etwas besser? Ich lasse mich gerne belehren.

S.16: From the ranks of the crawling babies came little squeals of excitement, gurgles and twitterings of pleasure                                                                   S.36: Aus den Reihen der krabbelnden Kinder ertönten kleine aufgeregte Schreie, freudiges Lallen und Zwitschern                                                                          S.27: Von der krabbelnden Phalanx stiegen kleine, aufgeregte  Kiekser auf, gurgelnde, glucksende Freudentöne                                                          Bemerkung: muss hier das militärische Fremdwort „Phalanx“ hin?

S.23: Till at last the child´s mind is these suggestions, and the sum of these suggestions is the child´s mind. And not the child´s mind only. The adult´s mind too- all his life long. S.44: Bis schließlich der Geist des Kindes aus lauter solchen Einflüsterungen besteht und die Summe dieser Einflüsterungen den Geist des Kindes bildet. Und nicht nur der des Kindes, auch den des Erwachsenen- zeit seines Lebens.                                                                                                     S.37: Bis schließlich der Kindergeist mit den Einflüsterungen identisch ist, die Summe der Einflüsterungen mit dem Kindergeist. Und nicht nur dem Kindergeist, sondern auch dem des Erwachsenen- ein Leben lang.                              Bemerkung: soviel zur neugewonnenen „Frische“

S.25: The roses were in bloom, two nightingales soliloquized in the boskage, a cuckoo was just going out of tune among the lime trees. The air was drowsy with the murmor of bees and helicopters.                                                         S.45: Die Rosen blühten, im Gehölz sangen zwei Nachtigallen ihre Soli, und ein Kuckuck rief sich in den Linden heiser. In der Luft summten einschläfernd Bienen und Hubschrauber.                                                                                               S.38: Die Rosen blühten, zwei Nachtigallen monologisierten im Gehölz, in den Linden traf ein Kuckuck letzte Töne. Die Luft war trunken vom sirren der Bienen und Helikopter.                                                                                                 Bemerkung: das „monologisierten“ versaut die ganze Stimmung

S.62: By eight o´clock the light was falling. The loud-speakers in the tower began in a more than human tenor, to announce the closing of the courses.  S.83: Gegen acht Uhr begann es zu dunkeln. Die Lautsprecher auf dem Turm verkündeten mit übermenschlicher Stimme das Ende der Spielzeit.                     S.84: Gegen acht schwand langsam das Licht. Die Lautsprecher am Turm kündigten in mehr als nur- menschlichem Ton die Schließung der Platze an.                                                 Bemerkung: schwerfällig, das streicht jeder Lehrer an

S.128: The greater a man´s talents, the greater his power to lead astray. It is better than one should suffer than that many should be corrupted.              S.151: Je begabter ein Mensch, desto größer seine Macht, andre irrezuleiten. Besser dass einer leide, als dass viele verdorben werden.                               S.169: Je ausgeprägter jemandes Begabung, desto größer seine Macht, auf Abwege zu führen. Besser des einen Leid, als vieler Korrumpierung.         Bemerkung: Urteilen Sie selbst!

Leser haben zu verschiedenen Zeiten andere Erwartungen an Texte, auch was die jeweils zeitgenössische Ausdrucksweise angeht. Felix Philipp Ingold schrieb bereits 2007 in der NZZ, dass jede Neuüersetzung auch eine Nachübersetzung ist, deren Berechtigung der Neuübersetzer durch seine Arbeit erst ausweisen muss.

So kann der falsche Ehrgeiz des Neuübersetzers in eine Richtung gehen, welche die guten oder sogar hervorragenden Leistungen seiner Vorübersetzer nicht zur Kenntnis nehmen will.

In dem vorliegenden Fall der Neuübersetzung von Brave New World ist meines Erachtens nichts Neues gewonnen für den Leser außer der begrüßenswerten Rücknahme des Fauxpas´von Herberth E. Herlitschka, die Handlung in Berlin anzusiedeln. Der Text ist nicht leichter und angenehmer lesbar, schon gar nicht ist er eleganter übertragen.

Dies soll kein grundsätzliches Plädoyer sein gegen Klassiker-Neuübersetzungen, schon gar keine Grundsatzkritik an Übersetzern. Ich bin „nur“ ein normaler Leser. Aber Verlage sollten sich etwas zurücknehmen in ihren großspurigen Ankündigungen, dass all diese angeblich längst fälligen Neuübersetzungen allesamt auch ein neues Leseerlebnis mit sprachlichen Superlativen lieferten.

 

 

                             

 

 

Klassiker-Neuuebersetzungen-Schwemme

Seit einiger Zeit erleben wir in Deutschland einen regelrechten Boom von Neuübersetzungen, vornehmlich von Klassikern oder als solche eingestufte. Als Literaturliebhaber fragt man sich sorgenvoll: habe ich etwa jahrelang das Falsche gelesen oder gar nichtwissend falsch gelesen und verstanden?

Gibt es so viele neue Erkenntnisse, so viel mehr sprachliches Einfühlungsvermögen, dass man zum Beispiel Gontscharows Oblomow oder Faulkners Als ich im Sterben lag neu interpretieren muss? Ich glaube der Mehrwert liegt hauptsächlich bei den Verlagen, nicht beim Leser. Faulkners fast gefühlsfreie, trockene und schmucklose Satzmelodie, was gibt es daran zu verbessern?

Meistens heißt es in den Werbetexten unisono, dass eine „längst fällige Neuübersetzung“ nun vorliege. Das Buch erhalte eine „sprachlich zeitgemäße Gestalt“…

Warum ist das angeblich ein „Muss“(Motto: längst überfällig) bei fremdsprachigen Texten, nicht aber bei deutschen?

Warum wird nicht endlich Goethe, Hölderlin oder Kleist syntaktisch entschlackt und endlich mal an die Neuzeit angepasst? Läse sich nicht Manches flüssiger und hätte mehr Pep?

Wohlgemerkt: es geht hier gar nicht darum, an der oft großartigen und immer noch nicht hoch genug eingeschätzten Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern herumzukritisieren. Grundsätzlich sind von jedem Buch unendlich viele Übersetzungen möglich.

Gustav Flauberts Madame Bovary erschien 1858.

Die letzte Neuübersetzung von Caroline Vollmann war von 2001. Dann folgte bereits 2012 die wiederum Neue Übersetzung von Elisabeth Edl!

Nach 10 Jahren erfordert ein Werk wie Madame Bovary eine Neuanpassung an Sprache und Stil? Freuen wir uns über die hervorragenden Kritiken, die Elisabeth Edl zuteil wurden(Gelobt wurden in der NZZ vom 31.10.2012 vor allem die Übertragung einzelner Worte, die vielen Anmerkungen und das Nachwort!). 27 deutsche Übersetzungen gab es des als „unübersetzbar“(?) geltenden Werkes zuvor. Sollte man nicht auch all diesen Vor-Übersetzern etwas von diesem Lob zukommen lassen, sie haben doch erhebliche Vorarbeit geleistet, oder?

Warum ich erst jetzt auf diese Neuübersetzungs-Hype aufmerksam mache? Weil ich letzte Woche auf (wie sollte es anders sein)eine neue Übertragung von Aldous Huxleys Schöne neue Welt( Fischer Verlag, 2013, Übersetzung Uda Strätling) stieß und mir mal die Mühe machte, die alte Übersetzung von Herberth E. Herlitschka mit der von Uda Strätling zu vergleichen anhand des Originals von 1931. Ich sage es noch einmal: keinesfalls möchte ich die Leistungen der Übersetzer selbst kritisieren, sondern vielmehr die Hype, welche die Verlage um Neuübersetzungen machen, so als seien sie diejenigen, die mit hehren Absichten dem Leser einen Mehrwert verschaffen wollten.

Es geht doch eigentlich darum, den angestaubten Klassikern zu verbesserten Umsatzzahlen zu verhelfen. Könnte man von diesen Klassikern nicht vielleicht  besser bisher noch nicht übersetzte Werke herausbringen?

Stattdessen muss ich ja direkt die jetzigen und kommenden Schülergenerationen beneiden, die auf Grund der Gnade einer späten Geburt in der Schule die ultimativ übersetzten Werke bearbeiten dürfen, während wir Alten uns mit unzureichendem Schund abgegeben haben. Es mag ja sein, dass es schlechtere Übersetzungen gab in der Vergangenheit, grundsätzlich will ich nicht jede Neuübertragung ins Deutsche kritisieren.

Völlig unnötig und fragwürdig z.B. in der o.a. Übersetzung von Brave New World, dass Herberth E. Herlitschka den Ort der Handlung von London nach Berlin-Dahlem verlegte. Das war verbesserungswürdig.

Doch zum  Ergebnis meines Vergleichs Uda Strätling-Herbert E.Herlitschka im nächsten post mehr.

Über das Thema schrieb auch Dr.Christian Köllerer bereits 2012 und der hervorragende Blog Film und Buch im Januar 2014.