Fay Weldon: Die Teufelin

Frauenliteratur – Literatur der Frauen

1983, als der vorliegende Roman von Fay Weldon The Live and Loves of a She-Devil erstmals veröffentlicht wurde, stand auch in Deutschland sogenannte „Frauenliteratur“ hoch im Kurs. 1977 war die Zeitschrift EMMA gegründet worden, Frauenbuchhandlungen wurden eröffnet, Verlage richteten ganze Reihen ein (z.B. Rowohlt die neue frau ab 1977). Da war viel Aufbruchstimmung, die Vorstellung von einer autonomen weiblichen Identität wurde laut und aktiv vertreten. 

Heute kann man schon ins Fettnäpfchen treten, wenn man bloß den Begriff „Frauenliteratur“ verwendet, obwohl er in der Entwicklung weiblichen Schreibens bis heute seinen Platz haben darf, denke ich, setzte doch die Forderung nach „Frauenliteratur“ einen existierenden Mangel voraus und wurde schließlich zu einem Versprechen weiblicher Selbstbehauptung und einer großen Ermutigung gegen die Herrschaft des männlichen Blicks. „Frauenliteratur“  hat nichts zu tun mit trivialen Frauenromanen und den Scheinwelten der Danella, Roberts, Cartland, Paretti oder wie sie alle heißen, auch wenn sie nach wie vor massenhaft Leser(innen)anziehen und auch ihre Berechtigung haben.

Heute sind Texte wie Karin Strucks Klassenliebe oder Verena Stefans Häutungen praktisch aus allen Regalen verschwunden, andere theoretische und poetologische Aspekte spielen eine Rolle, stark befördert wird heute z.B. auch von Autorinnen das Bewusstsein für die Normalität anderer als heterosexueller Lebensgemeinschaften.

Diese lange Einleitung sollte verdeutlichen, dass gerade dann, wenn Schriftstellerinnen wie Fay Weldon als feministisch betitelt werden, es nötig ist, die entsprechenden Texte immer erst historisch einzuordnen. 

Schreiben von der Rache einer Frau

Literatur blog Herbert Steib
Fay Weldon
Quelle:West Yorkshire Playhouse

Die deutsche Fassung von Fay Weldons Roman erschien unter dem Titel „Die Teufelin“ 1987 im Frauenbuchverlag München, aus dem der heutige Verlag Antje Kunstmann hervorging. 

Die 1931 in Worcestershire geborene, in Neuseeland aufgewachsene Autorin Fay Weldon hat in diesem Roman in bester englischer Manier eine groteske, bissige Komödie geschrieben über eine benachteiligte, betrogene Ehefrau, ihre Kränkungen und Schädigungen und ihren Rachefeldzug, den sie alsbald startet. 

Die unförmige, unansehnliche Ruth, Mutter zweier nicht vorzeigbarer Kinder, hasst Mary Fisher, die attraktive Geliebte ihres Mannes Bobbo, dem erfolgreichen Steuerberater. Ruth entschließt sich, die Teufelin abzugeben, als die Bobbo sie hinstellt, um sie guten Gewissens verlassen zu können.

Mary Fisher ist zierlich und hübsch mit sanften Kurven an den richtigen Stellen; sie fällt gerne in Ohnmacht, vergießt Tränen und schläft mit Männern, während sie gleichzeitig so tut, als würde sie sowas nie tun. Mary Fisher wird von meinem Mann geliebt, der ihr die Bücher führt. Ich liebe meinen Mann und hasse Mary Fisher.

Fay Weldon schreibt von der Realität ausgehend,  in einer einfachen, leicht zu lesenden Ausdrucksweise und in rasanter Entwicklung. Der Text ist zweidimensional angelegt: Abwechselnd lässt die Autorin  die betrogene Ehefrau Ruth als Ich-Erzählerin  zu Wort kommen, dann ergreift sie selbst als allwissende Erzählerin  das Wort. Mit einer Überzeichnung von Klischees wird die unselbständige, unterdrückte Stellung der Frau dargestellt. Die Heirat wird als gutmütiger Akt des Ehemanns beschrieben, der großherzig die unansehnliche Ruth geheiratet hat und deswegen Demut einfordern kann. Ruth kann Rasenmähen, Ruth versteht sich aufs Putzen ruft die Schwiegermutter. Ruths Vorteil war, dass sie da war, wenn man sie brauchteWo kein eigenes identifizierbares Leben mehr ist, wird es ergänzt, oder bei Realitätsverlust sogar ersetzt durch das erträumte Leben.  Taten folgen in der Regel nicht. May Feldon beschreibt die Personen als unfähig, sich ihrer Lage bewusst zu werden. Außer Ruth. Ruth ist am Anfang von einer so trostlosen Mittelmäßigkeit und Naivität geschildert mit allen Klischees der ausgelieferten Ehefrau, dass es einer großen Verwandlung bedarf:

Ich bin eine Teufelin. Aber das ist wundervoll! Das muntert auf! Als Teufelin kriegt man sofort einen klaren Kopf. Die Lebensgeister werden wach. Es gibt keine Scham mehr, keine Schuldgefühle, kein ermüdendes Streben danach, gut zu sein. Im Endeffekt existiert nur noch das, was du willst. Und ich kann mir nehmen, was ich will. Ich bin eine Teufelin…

Natürlich ist Ruth in einem Heim aufgewachsen,natürlich hat der Vater die Mutter verlassen, natürlich sind ihre Schwestern auffallend hübsch, die Szenerie wird so bereitet, dass auch der Letzte es versteht: Diese Frau hat allen Grund auszurasten. Und das geschieht auch.

Ruth überantwortet Bobbo die Kinder, lässt das Haus niederbrennen und taucht unter.In einer Folge von schonungslosen, raffinierten Manipulationen unter wechselnden Pseudonymen gelingt es ihr, das gemeinsame Leben von Bobbo und Mary Fisher zu zerstören, während sie gleichzeitig ungewöhnliche Liebhaber hat und sich in lange hinziehenden Schönheitsoperationen zu einem Abbild Mary Fishers machen lässt.  Es gelingt ihr alles, fast mühelos, nichts und niemand stellt sich ihr in den Weg- und genau diese Tatsache, ihr ungestörter, gnadenloser Feldzug wurde beim Lesen mit Fortdauer des Textes ermüdend und die Spannung fiel  bis auf den Nullpunkt. Dann wirken eigentlich interessante Details auf einmal wie Geschwätzigkeit und Dialoge fad und nichtssagend. Ironisierung wird von Autor(inn)en ja oft als Stilmittel zur  Distanzierung und Verfremdung angewandt, doch dann sind die Leser(innen)  gefordert, Leerstellen selbst zu füllen und Andeutungen selbst einzuordnen. Hier wird alles ausgesprochen, breitgetreten. Nicht jeder beherrscht eben das Stilmittel der Satire so wie ein Karl Kraus oder auch eine Elfriede Jelinek.

Ich hätte mir von Ruth anstatt ihrer erbarmungslosen,  radikalen Vorgehensweise mehr Radikalität im Denken gewünscht.
Ich will Rache. Ich will Macht. Ich will Geld. Ich will geliebt werden, ohne zurückzulieben. Ich will dem Hass freien Lauf lassen.Ich will, dass der Hass die Liebe vertreibt….
Dieses neue Lebensmotto Ruths ist auch in einer Groteske oder Satire zuwenig für einen befriedigenden Text. Es gibt eine Ausdrucksweise, die man anfangs noch als gezielte sarkastische Zuspitzung, korrespondierend zu Ruths schwerfälliger Naivität,  hinnehmen konnte, aber schließlich immer mehr nervte: nur einige Beispiele:

 -Der Menschenfresser Mutterschaft marschiert draußen mit schweren Schritten auf und ab.
– Er liebte Mary Fisher und zeigte es auch gern, er war der Maibaum, um den sich die verschlungenen Ketten ihrer Glückseligkeit schlangen, stark und fest und für immer.
-Sie würde zwischen den Mühlsteinen der Gegenwart und der Zukunft zerquetscht werden, wenn sich kein Kissen aus  der Vergangenheit dazwischenschob.

Es wäre allerdings unfair, aufgrund isolierter Textstellen, aus dem Zusammenhang herausgenommen, ein abschließendes Urteil zu fällen. Es gibt auch  Gelegenheit zu  treffender Gesellschaftskritik, während der verschiedenen Stationen von Ruths Tour  „durch die Institutionen“:

Ganz allgemein lässt sich Beschäftigung finden, wenn man bereit ist, sich um anderer Leute Kinder zu kümmern, Geisteskranke zu versorgen oder inhaftierte Kriminelle zu bewachen, öffentliche Toiletten zu reinige, Leichen zu waschen oder Betten in billigen Absteigen zu machen…

Die stellenweise sozialkritische Einfärbung hat mir durchaus gefallen. Und es ist zuzugeben: Am Erfolg ihres Buches ist leicht abzulesen, dass Fay Weldon mit diesem Roman den geforderten Unterhaltungswert sicher geliefert hat. Und der Frauenliteraturverlag hat seinerzeit gute Einnahmen erzielt, um andere Projekte voranzutreiben. Ob ein Text in erster Linie unterhaltend ist, daran kann kein ästhetisches Qualitätsurteil festgemacht werden. Fay Weldon, in England lange omnipräsent auch als Stücke-Schreiberin, Fernseh-Autorin, Essayistin, gilt als feministische Autorin. Andere englisch schreibende Autorinnen wie Margarete Atwood,  Joan Didion, Cynthia Osick oder auch Iris Murdoch lehnen es ab, in die Kategorie „feministisch“ eingeordnet zu werden. 

Eines hat die Lektüre dieses Romans von Fay Weldon jedenfalls bei mir bewirkt: dass ich mich näher befasse mit dieser Entwicklung des feministischen Aufbruchs schreibender Frauen, so möchte ichs mal nennen, bis heute. Warum sind so viele Autorinnen aus den Siebziger, Achtziger Jahren so schnell von der Bildfläche verschwunden, sind sie Opfer geworden eines männlich dominierten Literaturbetriebs?Oder welche Richtungsänderungen sind seither eingetreten in der Literatur von Frauen? Wie sieht es aus in anderen, besonders männerdominierten Teilen der Erde, z.B. Lateinamerika? Was wird in anderen Literaturblogs zum Feminismus geschrieben?

Zum Schluss ein Interview mit Antje Kunstmann zum Ende des Frauenbuchverlags (1999)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pat Barker: Niemandsland/ Erster Weltkrieg-Trilogie

Pat Barker wurde 1943 in Thornaby-on-Tees geboren. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie, studierte an der London School of Economics und unterrichtete Geschichte und Politik. Für den Roman „The Ghost Road“, den letzten Band der „Regeneration“-Trilogie, erhielt sie 1995 den Booker Prize.

Pat Barker, Autorin
Pat Barker, Autorin

Der vorliegende Roman Niemandsland, der erste Band einer Trilogie  (Original: Regeneration )von Pat Barker erschien erstmals 1991. Und die Autorin nimmt sich eines Themas an, das auch bei deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg massenweise auftrat:  Psychische Störungen, von denen nach den Kämpfen in den Schützengräben Tausende betroffen waren. Literatur und Schreiben

 

Im Militärkrankenhaus Craiglockhart sind im Sommer 1917 Soldaten untergebracht, die als Folge der Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg psychische Schäden davongetragen haben. Behandelt werden sie unter anderen von Dr. Rivers, der  für die damalige Zeit äußerst fortschrittliche, auf der Psychoanalyse Freuds begründete Verfahren der Gesprächstherapie anwandte, um die Soldaten von ihren Leiden zu befreien. Im Englischen spricht man von shellschock, wenn von diesen schweren psychischen Störungen die Rede ist. In der deutschen Übersetzung wird der Ausdruck Granatschock verwendet, gebräuchlich sind in der Literatur auch die Umschreibungen  Kriegszittern, Schüttelneurose, Kriegshysterie und Kriegsneurose. 

Der Roman ist nur teilweise fiktiv, sowohl das Krankenhaus mit seinem Leiter Dr.William H. Rivers, als auch die beiden  Kriegsdichter Wilfred Owen und Siegfried Sassoon, zwei junge Offiziere, die zur Behandlung in Craiglockhart eingeliefert werden, sind reale Figuren der Geschichte.

Literatur und Schreiben
Dr. W.H.R. Rivers, Psychiater, Anthropologe, Ethnologe

Pat Barker erzählt in einem sachlichen, unaufgeregten aber spannenden Stil; ich war als Leser sofort in die Situationen eingebunden und von den Ereignissen mitgezogen. 

Das Geschehen beginnt mit einem Brief, den der mit Orden ausgezeichnete, junge Offizier und Dichter Siegfried Sassoon an das Englische Parlament richtet, und in dem er sich beschwert, dass der Krieg nicht beendet wird und weiter unnötig Leiden und tausendfachen Tod fordert. Sasson ist es ernst, er möchte Aufsehen erregen und sogar vor einem Kriegsgericht seine Sache vertreten. Aber die Militärführung möchte keine Märtyrer, und Offiziere sollen auch nicht als Feiglinge dastehen. Auch das Krankenhaus fürchtet um seinen Ruf, es könnten dort Kriegsdienstverweigerer und Simulanten unterkommen. Sassoons Freund Robert Graves sorgt schließlich dafür, dass Sassoon eine „passende“ Diagnose bekommt, die ihn nach Craiglockhart bringt. Es ist von einem schweren psychischen Zusammenbruch die Rede.  

Nacheinander werden wir mit verschiedenen Kranken mit den unterschiedlichsten Symptome bekanntgemacht. Keine Frage: Die Autorin hegt große Sympathie für die Soldaten, insbesondere aber auch für Dr. Rivers mit seinen humanen, rücksichtsvollen Behandlungsmethoden und seine einfühlsame Annäherung an die Patienten. Ihre schrecklichen Erlebnisse hatten sie an der Front in Frankreich. 

Wir begegnen David Burns, der solch bizarre Todesnähe und schreckliche Mörserexplosionen erlebt hat, dass er nicht mehr essen kann und sich dauernd übergibt, da ist der Militärarzt Anderson, Chirurg,  der kein Blut mehr sehen kann und an schrecklichen Alpträumen leidet und seinen Beruf nicht mehr wird ausüben können, da finden wir Billy Prior vor, einen der Hauptcharaktere des Buches, der stumm ist bei seiner Ankunft und nur schriftlich mit den Ärzten kommunizieren kann.

Rivers klärt ihn auf: „Ich denke mir…Mutismus dürfte auf den Konflikt zurückgehen, etwas sagen zu wollen und gleichzeitig zu wissen, dass das katastrophale Folgen haben wird. Also löst man das Problem dadurch, dass man nicht mehr sprechen kann. Und für den einfachen Soldaten, der seine Meinung offen sagt, sind die Konsequenzen immer schwerwiegender als für einen Offizier. Bei Offizieren äußert sich das meist in Stottern.“

In der Tat entwickelten gemeine Soldaten und Offiziere verschiedenartige Symptome: Hysterie, Lähmung, Blindheit, Taubheit, Stummheit, Kontrakturen von Gliedmaßen, Hinken waren die häufigsten beim Soldaten, während Offiziere häufig Alpträume erlebten, Schlaflosigkeit, Schwindelanfälle, Depressionen, Desorientiertheit und Stottern. 

Die Gespräche mit den Traumatisierten werden geschildert, der Kampf, den sie mit sich ausfechten, man darf nicht vergessen, es tobt der Krieg, die Soldaten werden an der Front gebraucht, die Menschenvernichtung ganzer Generationen ist im vollen Gange. Und viele hatten sich freiwillig gemeldet, auch die jungen Offiziere in Craiglockhart. Es könnte nach Feigheit aussehen, nach Drückebergerei.

Auch Rivers selbst befindet sich in schweren ambivalenten Gewissenszuständen:      Als Stabsarzt der Regierung unterstellt, ist es Dr. Rivers Aufgabe, die jungen Offiziere mental wieder in einen Zustand zu versetzen, dass sie an die Front zurück können, um dort zu kämpfen. Andererseits ist er einfach Mensch und ihm ist bewusst, was es bedeutet, die Soldaten erneut in die Schützengräben zu schicken. Wir bekommen  die innere Qual des Arztes gezeigt, seine Zweifel an seiner Arbeit, die ja auch etwas Paradoxes an sich hat: Heilung von Menschen, um sie anschließend dem Tod anheim zu geben. Nach den vielen Gesprächen mit den traumatisierten Männern kam er zu neuen Erkenntnissen:

Rivers wurde in seiner Ansicht bestärkt, dass der Zusammenbruch vor allem durch lang anhaltenden Stress, Immobilität und Hilflosigkeit herbeigeführt wurde und nicht etwa durch plötzliche Schocks oder furchtbare Erlebnisse, die von den Patienten meist als Grund betrachtet wurden. So ließe sich auch erklären, warum Angstneurosen und hysterische Störungen in Friedenszeiten vor allem bei Frauen auftraten, die aufgrund ihrer relativ eingeschränkten Lebenssituation nicht so viele Möglichkeiten hatten, aktiv und konstruktiv auf Stress zu reagieren. Jede Kriegsneurosentheorie würde berücksichtigen müssen, dass Krieg und Gefahr und Entbehrung bei Männern die gleichen psychischen Störungen auslösten wie in Friedenszeiten bei Frauen. 

In welch vergleichsweise komfortablen Situation sich die  Soldaten in Craiglockhart befanden,  wird klar, als Dr. Rivers selbst eine damals übliche Standardbehandlung an einem anderen Krankenhaus miterlebt. Da wird mit Stromstößen gearbeitet. Diese Elektroschockbehandlungen wurden für alle Arten psychischer Beeinträchtigungen angewandt.

 Ein Patient Callan,  der nach Kämpfen in Frankreich die Sprache verloren hat, wird vorgeführt. „Sie müssen Ihr Sprachvermögen schnellstens wiedererlangen“,  sagt der behandelnde Arzt,…“ Sie müssen sprechen, vorher kommen Sie hier nicht hinaus.“ Die Elektrode wird in den Rachen des Patienten eingeführt. Callan wurde mit solcher Wucht zurückgeworfen, dass die Drähte aus der Batterie rissen…“Sie sind nun für die zweite Behandlungsphase bereit, die in der Anwendung von starken äußerlichen Schocks auf den Hals besteht. Diese übertragen sich auf den Kehlkopf, sodass Sie bald flüstern können, was immer Sie wollen“, sagt der Arzt. Der Patient wird festgeschnallt, es dauert über drei Stunden, bis Calland die Wochentage aufsagt. Und so ging es weiter, durch das Alphabet, die Wochentage, die Monate – die Stromstöße schwankten dabei zwischen leicht und extrem stark -, bis Callan normal sprach.“

Aber auch die Liebe hat ihren Auftritt in diesem schreckensvollen Zeitgemälde. Dass es Billy Prior ist, der sie kosten darf, freute mich als Leser besonders, aber wird sie ihn  wirklich wieder aufrecht gehen lassen? Sarah, mit der er sich bei einem Ausgang anfreundet,  arbeitet wie viele andere Frauen in einer Munitionsfabrik, wo sie ihre Gesundheit ruinieren.  Hoffnungsvolle Erwartung kommt auf, was das Überleben von Mitmenschlichkeit betrifft, in einer Zeit, da alles todgeweiht scheint, alles in den Dienst des Krieges gestellt ist. Der Dialog zwischen Liebenden im Krieg aber lebt von Verdrängen und Verschweigen:

„Wenn sie das Schlimmste wüsste, konnte sie kein Zufluchtsort mehr für ihn sein. Ihm kam ein Gedanke, der ihm noch nicht ganz klar war. Soldaten sagten, dass sie ihren Frauen nichts von Frankreich erzählten, um sie nicht zu beunruhigen. Aber es war mehr als das. Er brauchte ihre Unwissenheit, um sich darin zu verstecken. Doch gleichzeitig wollte er, dass sie möglichst viel voneinander wussten. Und diese beiden Wünsche waren unvereinbar.“

Obwohl die Verfasserin weit davon entfernt ist, eine Grausamkeit an die andere zu reihen oder Rührseligkeit zu verbreiten und pazifistische Belehrungen, ich war sehr ergriffen von dem Buch, ungläubig, wozu Menschen bereit sind. Der Versuchung, mit Vernunft und Argumentation die Vorgänge erklären zu wollen, sollte man besser gar nicht erst erliegen. Die Rede von Opfermut und Heldentum ist in diesem Buch entlarvt als leere Phrase.

„Regeneration“ (1991) ist der erste Teil einer Trilogie, die Pat Barker über den Ersten Weltkrieg geschrieben hat. Die Titel der beiden anderen Bände lauten: „The Eye in the Door“ (1993) und „The Ghost Road“ (1995). Matthias Fienbork übersetzte die Trilogie ins Deutsche: „Niemandsland“ (1997), „Das Auge in der Tür“ (1998) und „Die Straße der Geister“ (2000).

Literatur und Schreiben
Pat Barker: Niemandsland

 

Pat Barker: Niemandsland

Carl Hanser Verlag München Wien

ISBN 3-446-18921-1

Die Originalausgabe erschien  erstmals 1991       unter dem Titel Regeneration bei Viking in             London

 

 

 

Gillies MacKinnon verfilmte den Roman „Niemandsland“ von Pat Barker.

Ich wusste zunächst nicht, dass es sich um eine Trilogie handelt, die Folgebände habe ich sofort bestellt. Ich hatte mir letztes Jahr zum Hundertjährigen Weltkriegsbeginn kein besonderes Projekt vorgenommen. Andere Blogger(innen) haben zum Thema bemerkenswerte Beiträge geliefert:

Eine ausführliche Zusammenstellung von Erster Weltkriegs-Literatur bietet der österreichische Literaturblog Duftender Doppelpunkt.

Zu Ernst Jüngers In Stahlgewittern schreibt Literatwo. Auch interessante Anmerkungen zur Entstehung der endgültigen Fassung.

Ebenfalls zu In Stahlgewittern DocTotte.

Literaturundfeuilleton  hat eine eigene Kategorie ERSTER WELTKRIEG. Hervorragend hat mir gefallen die Rezension von Lisa Glöckner zu Gabriel Chevallier: Heldenangst

Saetzeundschaetze hat mehrere gute Beiträge zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts anzubieten:

Der Krieg frisst seine Dichter. Mit Beiträgen zu August Stramm, Alfred Lichtenstein und Georg Trakl.

Extra-Seite zu Georg Trakl:

http://saetzeundschaetze.com/2014/11/03/georg-trakl-3/

Rezension zu Ernst Glaeser: Jahrgang 1902. Zum gleichen Buch schreibt auch

http://literatourismus.net/2014/01/ernst-glaeser-jahrgang-1902/.

Norman Weiß hat auf notizhefte.wordpress.com bereits 2014 ein Cenntenarium-Leseprojekt gestartet und gibt hier eine Zwischenbilanz.Seine Sicht richtet sich auch auf die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung vor Ausbruch des Krieges.

Uwe Kalkowski von kaffeehaussitzer.de hat ein großangelegtes Leseprojekt vorgestellt. Ausführliche, kenntnisreiche Besprechungen, zuletzt zu Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Auf muromez.wordpress.com lesen wir eine bemerkenswerte Rezension zu Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues.

Die Flut an Texten reicht von Regimentsgeschichten bis zu militärischen Fachbüchern. Ich selbst bin mehr an der romanesken Bearbeitung der Thematik interessiert, die ja nicht unproblematisch ist. Selbst heute, da wir vermeintlich aus ruhiger Überlegtheit und Distanz die Vorgänge betrachten können, gibt es noch viele Differenzen in der Beurteilung dieser Zeit.

Brecht hat in einem Gedicht geschrieben:

 Freilich, es gibt Liebhaber der Kriege, Fachleute für Kriege, Handwerker               Leidenschaftlich geneigt diesem Handwerk mit goldenen Boden…

 

 

 

 

 

John Banville alias Benjamin Black: Der Lemur

 Ein Autor- Zweigeteilt

 

Literatur Blog
John Banville

 

 

Literatur Blog
John Banville alias Benjamin Black

Da ich im Krimi-Genre nicht so ganz zuhause bin, war ich schon überrascht, als ich diesen Titel aus irgendeiner Wühlkiste ich weiß nicht mehr wo herauszog. John Banville mit einem Krimi! Ich schau nach: Schon 2008 bei Picador in New York erschienen. Nach dem preisgekrönten Roman (Man-Booker-Prize) Die See  aus 2006 hatte man ja schon sehnsüchtig den nachfolgenden erwartet. 2009 waren dann die Infinities auf dem Markt. Hat er also zwischendurch mal eben das Genre gewechselt. 

John Glass, ausgebrannter, einst erfolgreicher Journalist, hat sich, zunächst widerwillig,  bereit erklärt, für das Honorar von einer Million Dollar die Biographie seines Schwiegervaters zu schreiben.  William ‚BIG BILL‘ Mulholland, erfährt man, ist ein  irisch-amerikanischer Milliardär, war CIA Agent und  ist Chef eines Telekommunikation-Konzerns und tönt:

„Ich will, dass du diese Sache schreibst, nicht nur, weil ich dir vertraue, sondern weil es auch andere tun. Ich will keine Hagiographie – die steht mir auch gar nicht zu, ich bin kein Heiliger. Was ich will, ist die Wahrheit. “

Und Glass hatte gedacht: Oh, die Wahrheit. 

Entgegen dem Versprechen zu Diskretion, heuert Glass den unsympathischen Rechercheur Dylan Riley an, den er den  Lemur nennt. Dieser Lemur ist zwar schon auf Seite 45 ermordet und er wird nur in einem einzigen Zusammentreffen mit Glass geschildert, doch er ist von der ersten bis zur letzten Seite im Geschehen anwesend und treibt die Story an. Was hatte er für Informationen über all die Intrigen und Geheimnisse und Fehltritte der Beteiligten, die der Leser nach und nach erfährt? Was hatte er ausgegraben und weitergegeben‘?

Louise ist die Tochter von BIG BILL aus der dritten Ehe, Glass liebt sie nicht mehr.

„Dabei war sie, wie sie immer gewesen war, eine geschmeidige, grazile, auf Hochglanz polierte Schönheit, bei deren bloßem Anblick in früheren Tagen etwas in ihm in einer Art lustvoller Qual herzzerreißend aufgeschrien hatte; doch jetzt löste ihre Gegenwart nur noch eine leise, verhallende Melancholie in ihm aus.“

Der Wolkenkratzer in New York, in dem er sein Büro hat, gehört ihrem Vater. Sehr eindringlich, wie der Autor das schwierige, wenn nicht unmögliche Unterfangen darstellt, eine „Wahre Biographie“ zu schreiben: Das Problem der Befangenheit, der familiären Rücksichtnahme, der Schuldgefühle von Glass, der eine Geliebte hat und die Aufdeckung der Liaison befürchtet. 

„Das Büro lag im neununddreißigsten Stock. Absurd, von irgendjemand zu erwarten, in solcher Höhe Geschäfte zu machen – oder überhaupt etwas zu tun.“

Er war erst vor kurzem aus Dublin nach New York übergesiedelt, er hatte eine großzügige Wohnung am Central Park und ein Haus auf Long Island. Beides gehörte  aber eigentlich seiner Frau. Die Million für die Biografie würde ihn befreien. Eine Menge Heuchelei und Statusangst ist im Spiel:

„Das Ehepaar Glass hatte, höchst zivilisiert, eine stillschweigende Übereinkunft…Dabei mussten gewisse Regeln beachtet werden, und die oberste war absolute Diskretion. Louise wünschte nichts von seinen Affären zu erfahren, insbesondere von keiner, die – allen Zweifeln und Vorbehalten zum Trotz – tatsächlich und wahrhaftig mit Liebe zu tun hatte.“

Und Glass fühlt sich minderwertig und hat Angst vor seinem Schwiegervater.  Das Verhältnis zu seiner Geliebten Alison, er vermutet, dass der Lemur vor seiner Ermordung davon erfuhr und es nicht für sich behalten hat.  

„Big Bill hatte eine bemerkenswert entschiedene Meinung, was die Heiligkeit des Eheversprechens anging.“

Ach, zwischendurch hat der Leser beinahe schon vergessen, dass es sich um einen Kriminalroman handelt. Es scheint weniger um die Aufklärung des Mordes an dem Lemur zu gehen als vielmehr um die suspekten Identitätskonstruktionen des gesamten Personals, insbesondere von John Glass.  Ein ausgemergelter Captain der Polizei verhört ihn als Zeuge.

„Doch was er nun empfand, war nicht wirklich Angst…tief in seinem Innern nistete ebenso viel Spannung wie Beklemmung. Seltsam,  aber es hatte ihn eine Art Erregung gepackt: Er war erregt darüber, in einen Mord verwickelt zu sein, erregt, hier zu sein und von einem Polizisten verhört zu werden, erregt, weil er nach all diesen Monaten nun endlich sagen konnte, er sei tatsächlich in New York angekommen, an diesem Ort, der so lebhaft, so brutal, so mörderisch lebendig war.“

Soviel kann noch verraten werden: von der Biographie des Schwiegervaters  wird keine einzige Zeile geschrieben. Die Kommunikation zwischen den Protagonisten ist von Zynismus beherrscht. Schonungslos dargestellt wird eine Welt des schönen Scheins, in manchen Dialogen fühlte ich mich an Scott Fitzgerald  erinnert. Keine Person möchte die sein, die sie gerade ist, das ist eine interessante Ausgangsposition, der blanke Materialismus und Konformismus mit Doppelmoral verhindert jedoch echte Veränderung. Ich (Ich war noch niemals in New York) hätte mir etwas mehr Stadtbeschreibung gewünscht statt der vielen erlesenen Speisen und Getränke, die aufgetischt wurden. New York ist hier einfach Platzhalter für urban jungle. Ich fand den Krimi spannend zu lesen, es gibt unerwartete Wendungen, die Dialoge sind bissig und scharf, eine Prise Humor wäre wahrscheinlich zuviel verlangt.

Ja, so geht das, man liest John Banville und kriegt doch Benjamin Black. Was ein Pseudonym soll, das auf dem Cover in großer Aufmachung gleich wieder offengelegt wird, weiß ich auch nicht.

 

Zwei interessante Rezensionen habe ich gefunden beim Independent und Deutschlandfunk

 

 

Literatur Blog
Cover „Der Lemur“

 

Rowohlt Paperback

ISBN 978 3 499 25321 8

Reinbek bei Hamburg