Schreiben mit Promille

Alkohol-karrierefördernd ?

 

Beim Schreiben meiner letzten posts über Charles Jackson und Dylan Thomas bin ich überrascht worden, wie viele Künstler- ich möchte mich hier auf Schriftsteller(innen) beschränken- offenbar Alkohol brauchten und offenbar noch brauchen,  um ihre Werke zu schaffen.

Ist doch ein alter Hut, werden jetzt manche sagen.

Doch ich denke, dass gerade dieser Makel oder diese vermeintliche Schwäche oder dieser Defekt in der Biografie bei manchen Autor(inn)en förderlich war, um einen gewissen Kultstatus zu erwerben.

Ich weiß nicht, ob es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die dieses Phänomen zum Thema haben.

Scott Fitzgerald nannte den Alkohol „The writer’s vice“. Allein sechs Amerikaner, die den Literatur-Nobelpreis erhielten, waren Alkoholiker. Die deutschen Schriftsteller E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine, Hans Fallada, Uwe Johnson, um nur ein paar zu nennen, hatten Alkoholprobleme oder waren abhängig.

Und auch so große Autorinnen wie Carson McCullers, Marguerite Duras, Jane Bowles und Dorothy Parker sind hier einzureihen.

Sicherlich müsste man auf jeden einzelnen ein ganz persönliches Erklärungsmodell anwenden. Dass Alkohol Blockaden und Hemmungen abbaut, ist eine Binsenweisheit, aber vielleicht verdanken wir gerade diesem Umstand Meisterwerke, wenn man ihn aufs Schreiben überträgt.

Kreativitätshindernisse

Kreativität kann auch Mut zum Chaos sein, Mut zum Chaos müssen sich manche erst antrinken, besonders in der heutigen Zeit, da die Neigung besteht, alles durchzurationalisieren und durchzuplanen. Siehe Creative Writing Kurse:…“Brechen Sie mit alten Gewohnheiten. Fördern Sie Ihr Unterbewusstsein. Spinnen macht Spaß. Träumen Sie Ungewöhnliches in die Szene…“. Dann hören wir  von Strategieentwicklung und Kreativitäts-Management usw.

Und Schriftsteller(innen) stehen auch immer in einem Ideen-und Gedankenwettbewerb mit vielen anderen Autoren, was eine Belastung darstellt, an die man vordergründig nicht denkt. Auch die wirtschaftlich häufig prekäre Lage der Autor(inn)en mag als Kreativitätshindernis eine Rolle dabei spielen, Tröstungen und Katalysatoren zu suchen. Und der Druck einem gelungenen Werk ein ebensolches oder besseres gleich folgen lassen zu müssen. Jeder kennt auch die Berichte von Schreibblockaden, was schnell existenzielle Ausmaße annehmen kann.

Am Beispiel Hemingway oder Fitzgerald kann man sehen, dass jedenfalls in der Vorstellung der Leser und Kritiker das Bild des kaputten Trinkers hinter den Werken verblasst, oder sogar noch die Bewunderung erhöht. Böse Stimmen behaupten, dass exzentrische Lebensführung und dementsprechende Presseberichte bei Lesern einen Bonus in der Beurteilung hervorrufen können. Das ist doch erstaunlich, wenn man bedenkt, wie der „normalbürgerlich Süchtige“ von der Öffentlichkeit diskreditiert wird.

Ich bin mir klar, dass ich das Thema „Autoren und Rauschmittel“ hier bestenfalls „angekratzt“ habe.

„Armer Hund“, rief Dorothy Parker in der Leichenhalle von Los Angeles dem mit 44 Jahren verstorbenen Scott Fitzgerald nach, wie es seinerzeit dem Großen Gatsby nachgerufen wurde. Der Gatsby, ein Klassiker und tausendfach interpretierte Schullektüre.

Wie man sonst noch berühmt werden kann als Dichter und wie nicht hat Dieter Forte in der nachfolgenden bedenkenswerten Zusammenstellung dargelegt:

Dieter forte2

aus:TINTENFISCH 6, Jahrbuch für Literatur, Verlag Klaus Wagenbach Berlin, 1973;

Diese „Tintenfische“ betrachte ich als Juwel in meinen Beständen, ihr Erscheinen wurde leider in den Achtzigern eingestellt.

Vonnegut und Creative Writing

Kurt-Vonnegut-US-Army-portrait
Vonnegut, der Friedensapostel als Soldat

KURT VONNEGUT
Kurt Vonnegut, den meisten bekannt von dem auch oft an Schulen gelesenen Roman Slaughterhouse Five, hat im Vorwort zur Kurzgeschichtensammlung Bagombo Snuff Box(1999;deutscher Titel: Suche Traum, biete mich an, Hanser 1999) folgende Bemerkungen zum Kreativen Schreiben gemacht:

1. Use the time of a total stranger in such a way that he or she will not feel the time was wasted.

2. Give the reader at least one character he or she can root for.

3. Every character should want something, even if it is only a glass of water.

4. Every sentence must do one of two things- reveal character or advance the action.

5. Start as close to the end as possible,

6. Be a sadist. No matter how sweet and innocent your leading characters, make awful things happen to them- in order that the readers may see what they are are made of.

7. Write to please just one person. If you open a window and make love to the world, so to speak, your story will get pneumonia.

8. Give your readers as much information as possible as soon as possible. To heck with suspense, Readers should have such complete understanding of what is going on, where and why, that they could finish the story themselves, should cockroaches eat the last few pages.

Und dann, um augenzwinkernd alles zu relativieren, fügt er noch an:
„The greatest American short story writer of my generation was Flannery O`Connor (1925-64).
She broke practically every one of my rules but the first. Great writers tend to do that“.
Eine ausführliche Seite über Kurt Vonnegut, auch als Maler, bietet:
 www.vonnegut.com