Das legendäre Autoren-Hotel

 Menschen im Hotel

Eigentlich wollte ich im Anschluss an meinen letzten Artikel das Thema Alkohol und Literatur oder allgemeiner: Drogen und Literatur behandeln. Dann recherchierte ich, was es mit diesem legendären und berüchtigten Chelsea Hotel, in dem Charles Jackson starb, auf sich hat.

Das Chelsea Hotel, der Inspirationsort für viele Autoren
Das Chelsea Hotel, der Inspirationsort für viele Autoren

Der Schriftsteller Charles R. Jackson war nicht der einzige Künstler, dessen Name mit dem Chelsea Hotel in New York in Verbindung gebracht wird. Viele andere Größen der Literatur, Musik und Malerei versammelten sich hier und bildeten den Ausgangspunkt zu zahlreichen Geschichten und auch Dramen. Das 1884 erbaute Haus war, als es Kultstätte wurde,  abgewohnt und es war eher ein von Kunstwerken vollgestopftes Wohnschloss mit gemütlichem Kamin.

Hotel als Ort der Inspiration

Es bedurfte wohl eines bestimmten Künstlertypus, um hier Inspiration zu empfangen. Ich finde es immer wieder hochinteressant wie und wo, in welcher Umgebung, in der Nachbarschaft welcher Menschen, Kunstwerke entstehen, ich denke für jeden Kunstliebhaber ist das mehr als Hintergrundinformation.

Ich beschränke mich auf Schriftsteller: Henry Miller meinte, dass beim Schreiben das meiste eigentlich fernab der Schreibmaschine und des Schreibtisches geschieht, in den stillen Augenblicken beim Spazierengehen, oder beim Rasieren, oder beim Spielen. Manche zeitgenössische Autoren mieten sich ein Büro und schreiben von neun bis siebzehn Uhr, als wären sie ihre eigenen Angestellten. Jonathan Franzen  z.B. soll diese Gewohnheit haben. Als während der Naziherrschaft viele Autoren ins Exil gehen mussten, blieb ihnen oft keine andere Wahl als Aufenthaltsort als ein Hotel.

Klaus Mann lebte zwischen 1937 und 1942 ebenfalls in New York im Hotel Bedford.

Fjodor Dostojewski lebte und schrieb in zahlreichen europäischen Städten jeweils in Hotels.

Hotel Krafft, Hermann Hesse schreib hier am Steppenwolf
Hotel Krafft, Hermann Hesse schrieb hier am Steppenwolf

Hermann Hesse schrieb zwischen 1924 und 1927 große Teile des Steppenwolf in einem Dachzimmer des Hotel Krafft in Basel, wo seine zweite Ehefrau Ruth Wenger samt Papagei Coco einquartiert war und das sich der sonst ruhelose Schriftsteller zum Lebensmittelpunkt machte.

Hotel Le Palace, Montreux, 16 Jahre lebte Nabokov hier
Hotel Le Palace, Montreux, 16 Jahre lebte Nabokov hier

Vladimir Nabokov lebte mit seiner Frau von 1961 an 16 Jahre lang im Hotel Le Palace Montreux bis zu seinem Tod. Seine Spätwerke Fahles Feuer sowie Ada oder das Verlangen entstanden hier.

Hotel, letzte Station

Doch zurück zum Hotel Chelsea in New York. Um dieses Original so lange zu erhalten, brauchte es einen Hotelier wie Stanley Bard, der fünfzig Jahre lang das Hotel führte, ein großer Mäzen war und nebenbei auch noch so etwas wie ein Sozialarbeiter .

Die ganze Liste großer amerikanischer Autoren verkehrte hier, Stückeschreiber wie Tennessee Williams und Arthur Miller, die Schriftsteller Thomas Wolfe, der an seinem Roman Schau heimwärts, Engel arbeitete, und auch Charles Bukowski sowie die Autoren der Beat-Generation William S.Burroughs und Allen Ginsberg.

Und auf der unrühmlichen Totenliste ist auch der Waliser Dichter Dylan Thomas zu verzeichnen, der dort 1953 in ein Alkohol-Delirium fiel und starb. Ein trauriger Höhepunkt ereignete sich 1978,als Nancy Spungen im Hotel nach einer Messerattacke starb und daraufhin  der Punkrock-Musiker Sid Vicious unter Mordverdacht festgenommen wurde. Sid Vicious starb kurze Zeit später an einer Überdosis Heroin.

Das rosa Mädchen auf der Schaukel

Chelsea Hotel, Wahrzeichen Südwest-Manhattans
Chelsea Hotel, Wahrzeichen Südwest-Manhattans

Joseph O’Neill, dessen vielgelobter, 2008 erschienener Roman Niederland , teilweise im Chelsea Hotel angesiedelt ist, schreibt:

„…die Etagen waren über eine prunkvolle Treppe miteinander verbunden, die kraft der tiefen rechteckigen Leere in ihrer Mitte den Effekt hatte, im Herzen des Gebäudes einen Abgrund zu schaffen. An sämtlichen Wänden waren die vage beunruhigenden Kunstwerke vergangener und aktueller Gäste zur Schau gestellt. Die schönsten und wertvollsten Exemplare blieben der Lobby vorbehalten: Nie werde ich das rosige, dickliche Mädchen auf der Schaukel vergessen, das über dem Empfangsbereich schwebte und voller Vorfreude einen Schubs in Richtung West Twenty-third Street erwartete…und es ging das Gerücht, dass im Hotel Verstorbene in der Nacht heimlich aus ihrem Zimmer geschafft würden.“ (zitiert aus: deutsche Ausgabe, Rowohlt Verlag, Hamburg, 2013)

2007 ist das Hotel dem Immobilienboom zum Opfer gefallen, es wurde restauriert und zu einem Luxushotel umgebaut.

 

 

Sherill Tippins hat in ihrem Buch Inside the Dream Palace dem Hotel ein umfangreiches Andenken bewahrt.              

  • Simon & Schuster UK |
  • 480 pages |
  • ISBN 9780743295611 |
  • January 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aussenseiter-Literatur- Wiederentdeckung

Alkoholiker Drama eines Schriftstellers.

Schon 1944 erschienen und in 14 Sprachen übersetzt erlebt The Lost Weekend-die Geschichte des Alkoholikers Don Birnam– von Charles R.  Jackson derzeit eine viel bewunderte  Wiederentdeckung. Der neu von Bettina Abarbanell aus dem Amerikanischen übersetzte Roman des 1903 in Summit, New Jersey, geborenen Autors ist sein Erstlingswerk.

Cover Dörlemann Literatur-Verlag
Cover Dörlemann Literatur-Verlag

In jungen Jahren arbeitete er als Herausgeber lokaler Zeitungen und in verschiedenen Buchläden in New Jersey, Chicago und New York, bevor er an Tuberkulose erkrankte. Die Zeit von 1927-1931 verbrachte er in verschiedenen Sanatorien. In der Schweiz wurde er letzlich geheilt. Es hatte ihn einen Lungenflügel gekostet und der Kampf gegen die Krankheit hat wohl auch seine Alkoholsucht verstärkt.

Zum Höhepunkt der Großen Depression kehrte er nach New York zurück und seine Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche förderten weiter sein unmäßiges Trinken. Im Jahre 1938 heiratete er und schrieb als freier Autor vor allem Radiotexte. 1944 erschien dann Das verlorene Wochenende, wo er den fünf Tage andauernden Alkoholexzess eines Schriftstellers beschreibt.

 

Das eigene Leben und die eigenen Schmerzen bildeten die Vorlage. In einer furiosen Beschreibung nicht zu überbietender Zustandsschwankungen von Euphorie bis tiefer Verzweiflung, von stechenden Klarheit bis Umnachtung und Selbstbetrug, Jackson geht auch in der Beschreibung an Grenzen. Sentimentalität und Wehleidigkeit, wie wir sie in anderen Texten mit dieser Thematik kennen, vermeidet der Autor weitgehend.

Sein Leben lang bewunderte er F. Scott Fitzgerald, auch er Alkoholiker. Was kaum bekannt ist: Charles Jackson schrieb einen weiteren bemerkenswerten Roman: The Fall of Valor, von vielen als der erste ernstzunehmende Roman über Homosexualität erachtet. (Veröffentlicht 1946).

Charles R. Jackson blieb ein Außenseiter der Literatur-Szene und starb 1968 an einer Überdosis Seconal im berühmten Chelsea Hotel in New York.

Das Time Magazin fasste es in seiner Todesmeldung so zusammen: „Died. Charles Jackson, 65, melancholy novelist of guilt and frustration. In Manhattan.“