Don DeLillo: Falling Man

Schöne Literatur nach 9/11?

Man sagt Nine Eleven und jeder hat dabei gleich eine ganze Bilderflut im Kopf. Man sagt Nine Eleven und es fallen Begriffswolken wie kollektives Trauma, Bedrohung der Identität Amerikas, Verwundbarkeit der freien Welt, Kampf der Kulturen usw. Das hat sich größtenteils auch fast eineinhalb Jahrzehnte nach den Anschlägen nicht geändert. Was aber hat sich auf dem Gebiet der amerikanischen Literatur seither zu diesem Thema getan?

Auch wenn Zeit und Umstände einen Vergleich mit der Stunde Null 1945 eigentlich nicht zulassen,  erinnerten sich manche Kommentatoren in den Feuilletons an Theodor Adornos berühmten Ausspruch: Nach Ausschwitz Gedichte zu schreiben, sei barbarisch.Es gab ja nach den Anschlägen eine wahre Flut an Theoriebildungen und Studien, jede Menge Sachliteratur, Essays, Blogbeiträge usw. Aber konnte man nach 9/11 noch „Schöne Literatur“ schreiben?

Don Delillo hat es als einer von Wenigen versucht in seinem 2007 erschienenen Roman Falling Man. 6 Jahre nach dem Anschlag hat er zuerst einmal ganz viel Pathos herausgenommen.  Über einen Zeitrum von etwa 5 Jahren hinweg schildert er uns das Leben einer New Yorker upper middleclass Familie nach der Katastrophe, wobei er  eine Wiederholung der Bilder und Vorstellungen zu vermeiden sucht, die uns allen medial eingebrannt worden sind. Wir bekommen jetzt die Innenansicht. In vielen Szenen mit Dialogen und inneren Monolog-Schnipseln der Beteiligten.

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Autor DeLillo

 

Keith Neudecker, ein geschiedener Anwalt um die Vierzig aus Manhattan ist gerade dem Inferno im Südturm entkommen. Er trägt eine Aktentasche bei sich, die ihm nicht gehört und er flüchtet sich vor der Staub-und Schmutzlawine ausgerechnet in die Wohnung seiner Ex-Frau Lianne, die dort mit dem gemeinsamen Sohn Justin lebt. Liannes Mutter Nina Bartos, emeritierte Professorin, die von Anfang an gegen die Heirat war und gelegentlich noch ihren aus Europa stammenden Liebhaber empfängt, verfolgt ein paar Häuserblocks weiter das Geschehen mit Argusaugen und ist anfangs als kritische Kommentatorin und auch schon mal als Gegenspielerin ihrer Tochter im Roman präsent. Die Spur der Aktentasche führt bald zu einer Beziehung zwischen Keith und Florence, die ebenfalls in den Türmen dem Tod entkommen ist und diese gemeinsame Erfahrung, so scheint es, verschafft den beiden eine fast verschwörerische Nähe, wobei ein zukuntsfähiges Sicherkennen letztlich nicht stattfindet.

In einer impressionistischen  Darstellungsweise mit häufigen Szene-, Orts-, und Perspektivwechseln und in klarer eindringlicher Sprache schildert der Autor das Geschehen.

Nach der Trennung hatte sich das Paar Keith und Lianne,  symmetrisch, wie es heißt,  Kleingruppen angeschlossen: Keith hatte mit fünf anderen Spielern wöchentlich seine Pokerrunde, Lianne widmete sich einigen Männern und Frauen mit Alzheimer im Frühstadium; mit diesen führt sie Erzählmal-Sitzungen durch. Während viele Menschen damit beschäftigt sind, Erinnerungen zu verdrängen, sind diese  geradezu erpicht darauf, nicht zu vergessen. Don DeLillo gibt uns in Falling Man keine Vorstellung von einem kollektiven Trauma, es geht um individuelle Verletzungen und Ängste und Trauer. Das kollektive Trauma  entspricht eher der Wahrnehmung der Politik, welche die Nation, gepuscht durch die immer wieder gleichen Bilder und Parolen  im Schmerz und Verlust sozusagen emotional vereint sehen will. 

DeLillo erzählt nicht chronologisch, der Roman beginnt und endet mit den Vorfällen von 9/11, dazwischen werden Zeiten davor und danach beschrieben. So werden nach und nach die verschiedenen Bewältigungsstrategien der Charaktere  dargestellt und – das war für mich als Leser angenehm herausfordernd – der Autor gibt sich nicht als Allwissender und Allesversteher aus. Am besten scheint Mutter Nina mit der Situation klarzukommen:

Die Leute lesen Gedichte. Leute, die ich kenne , lesen Gedichte, um den Schock und Schmerz abzumildern, sich irgendwie einen Raum zu eröffnen, mit etwas Wunderschönem aus Sprache, um sich Trost oder Fassung zu spenden. Ich lese keine Gedichte. Ich lese Zeitung.

Justin und die Nachbarkinder suchen mit dem Fernglas den Himmel nach Flugzeugen ab und tuscheln von einem Mann namens Bill Lawton, den richtigen Namen Bin Laden haben sie „verhört“, ein Freudscher Verhörer sozusagen. Keith und Florence, als unmittelbar betroffene Gerettete fühlen sich in einer Art Auserwähltheit, sie ergänzen sich in ihren Erinnerungen:

Ihm wurde klar, dass nur sie miteinander reden konnten, bis ins kleinste und ödeste Detail, aber zu öde oder zu detailliert würde es nie sein, denn es steckte jetzt in ihnen, und er musste unbedingt hören, was in seinen Erinnerungsskizzen fehlte. Dies war ihr gemeinsames Feld des Deliriums…

Aber es ist eine heikle, furchtbar anfällige Verbindung, die keinen unangekündigten Windhauch zu überstehen scheint. Keith hat ein stabiles Selbstkonzept verloren, Florence scheint recht zu haben, wenn sie sagt, die Wiedervereinigung mit Lianne sei nur eine gedankenlose Geste gewesen. Lianne sieht überall die Türme, selbst wenn zwei Flaschen nebeneinanderstehen. Auch die Alzheimer Patienten wollen jetzt über die Flugzeuge schreiben. Justin will sich nur noch in einsilbigen Worten ausdrücken und weigert sich hartnäckig an den Einsturz der Türme zu glauben. Verdrängung, Erinnerungszwang und freiwilliges Erinnern: der Autor schreibt alles so echt und passend zu den Personen, dass man als Leser bald nicht mehr glauben kann, dass es sich bei dem Erzählten um Fiktion handelt. Doch nicht alle Verhaltens-, Denk-, und Lebensweisen der Dargestellten  sind  Folge der Katastrophe. 

DeLillo zeigt auf, dass manche der seltsamen, skurrilen oder zwanghaften Verhaltensweisen der Personen zwar durch die Bilder und das Erleben des Anschlags verstärkt wurden, aber die entscheidenden Weichenstellung für die subjektiven Folgeerscheinungen längst vorher stattgefunden hat. Diese persönlichen Vorgeschichten, die ich hier nicht ausbreiten möchte, nehmen etwas den Fokus von 9/11 und führen die Protagonisten  weg von der Opferrolle, in der man sie als Leser aus Mitgefühl gleich sehen will.

Es klingt banal, wird aber doch oft übersehen: Auch schon vor 9/11 haben Menschen im amerikanischen Alltag vermehrt psychische Auffälligkeiten gezeigt, und zwar folgerichtig mit der Erweiterung der Diagnosen im DSM Manual of Mental Disorders.  Die posttraumatische Belastungsstörung ist sozusagen eine amerikanische Erfindung und die Zahl der Betroffenen stieg ständig. Vor 9/11!. Nach dem Anschlag leiden auch heute noch Zehntausende an dieser Krankheit.

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9/11

Alle Personen im Roman haben Bedürfnisse, die sie nicht verstehen und der Autor fängt glücklicherweise nicht an, darüber wie die Theoretiker zu dozieren. Wir hören kaum etwas von Tagespolitik, nichts vom Irakkrieg, wir haben eine private Welt, die schon brüchig war, als New York noch keinen Ground-Zero hatte. Wenn Lianne mit Kierkegaard längst vor 9/11 ausruft: Das ganze Dasein ängstigt mich, kann es auch durch einen Schock fast keine Steigerung mehr geben.  Und der Pokerspieler Keith hat schon zuvor paranoide Anwandlungen, er pflegte spät nach Hause zu kommen, ein bisschen verrückt, sein Gesicht glänzte. Das war die Phase, nicht lange vor der Trennung, als er die simpelste Frage als feindliches Verhör auffasste…Es war sein Charakter, sein angeborenes Gesicht, ohne das ausgleichende Element, die Ansprüche des sozialen Kodexes. 

Erst der dritte Hauptabschnitt ist dem symbolträchtigen Falling Man gewidmet, auch wenn er vorher schon in einer kürzeren Szene Lianne begegnet war. Es handelt sich um einen Performance-Künstler – der Autor nennt ihn David Janiak -, der unangemeldet an den verschiedensten Orten in der Stadt auf Dächern und Balkonen eine Begebenheit nachstellt, die der Fotograf Richard Drew aufgenommen hatte, und die um die Welt ging: den Todessturz eines Mannes, kopfüber vom Nordturm, aus seinem brennenden Büro. David Janiak wird aus  Liannes Sicht geschildert, zwei Jahre nach 9/11, 2003 hörten die Performances auf. Auch dieser Abschnitt war so lebensecht beschrieben, dass ich nach David Janiak gegoogelt habe: der Mann ist Fiktion. Aber die Welt ist so absurd geworden, als könnten jederzeit Menschen vom Himmel fallen.

Keith ist inzwischen als Pokerspieler in den Casinos der ganzen Welt unterwegs, schottet sich ab und geht im Pokerspiel auf: Das waren die Momente, wenn es draußen nichts gab, kein Aufblitzen von Geschichte oder Erinnerung. Und Lianne? Sie stritt mit sich selbst, aber das war kein Streit. Nur die Geräusche, die das Hirn macht. In mehreren   Abschnitten wird über das Pokerspiel berichtet, in der privaten Runde vor 9/11 und dann in den Spielhöllen. Wer sich mit Poker nicht auskennt, so wie ich, wird als Leser(in) in diesen Abschnitten etwas Mühe haben, aber die Schilderung dieser Männer mit ihren bis zur Absurdität verfeinerten Ritualen haben in ihrer Dichte und Eindringlichkeit etwas von Faulkner oder auch Beckett.

Und die Terroristen?Am Ende jeden Hauptabschnittes schildert sie der Autor bei den Vorbereitungen zum Anschlag. In Hamburg, in Nokomis, im Hudson-Korridor. Als Schläfer und unauffällige Überzeugte, ihre einzige Pflicht zu erfüllen, Amerikaner zu töten. 

Ja, es ist traurig, es ist melancholisch, es ist Blues. Wahrscheinlich ist die vergangene Zeit  zu kurz, um geglückte Liebesgeschichten in diesem Stoff unterzubringen. Das Buch habe ich diesen Sommer gelesen, ich kann es uneingeschränkt empfehlen, auch wenn uns gerade ganz andere Probleme berühren.

Der inzwischen fast 80jährige Don DeLillo (Biographie und Werk) war stofflich schon früher bei den Schattenseiten Amerikas angelangt und hat 1988 in Libra die Ereignisse und Machenschaften geschildert, die zur Ermordung Präsident Kennedys geführt haben. Der Autor wird wie manch anderer amerikanischer Autor immer wieder als Anwärter auf den Literatur- Nobelpreis genannt.

Literaturblog Herbert Steib
Cover Falling Man

Don DeLillo, Falling Man. Roman. 

Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert, Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln,
304 Seiten, € 19, 95.

 Für Interessierte: Auf dem Literaturblog zeichenundzeiten.com gibt es zwei hervorragende Rezensionen von 2 früheren Romanen DeLillos zu lesen, darunter wohl sein Hauptwerk Underworld(deutscher Titel:Unterwelt):

Rezension zu:  „Weißes Rauschen“

Rezension zu:„Unterwelt“

Michael Cunningham:In die Nacht hinein(Roman)

Der 1952 in Cincinnati, Ohio, geborene Michael Cunningham, hat mit seinem in 22 Sprachen übersetzten Roman The Hours (deutsch: Die Stunden) 1999 den Pulitzer-Preis für Literatur erhalten, der 2002 auch mit einer Starbesetzung verfilmt worden ist. Michael Cunningham lebt heute in New York und unterrichtet Creative Writing am Brooklyn College.  In die Nacht hinein(By Nightfall) ist sein fünfter Roman. 

Literaturblog Literatur und Schreiben
Michael Cunningham (Quelle: David Shank)

Denn das Schöne ist nichts

als des Schrecklichen Anfang“

mit diesem wenig ermutigenden Hinweis Rilkes aus den Duineser Elegien stimmt uns Cunningham ein in das Geschehen, das uns in die zeitgenössische New Yorker Kunstszene führt, zum gutsituierten Ehepaar Rebecca und Peter Harris, beide um die Vierzig, residierend in einem standegemäßen Loft in Soho, Manhattan. Auf einer Hin-und Rückfahrt im Taxi zum Pflichtbesuch einer Party erfährt man sogleich die markanten Umrisse der Lebensumstände des Paares. Rebecca, die Redakteurin eines Kunst-und Kulturmagazins und Peter, der Galerist moderner Kunst,  erwarten den Besuch von Rebeccas kleinem, fast zwanzig Jahre jüngeren Bruder Missy, der gerade vom Meditieren aus Japan zurückgekommen ist, ein Drogenproblem hat und jetzt auch „Irgendwas mit Kunst“ machen will. Peter, aus dessen alleiniger Perspektive die Handlung aufgebaut wird, beschreibt die Stimmungslage selbst: 

Hier sind Peter und seine Frau, seit einundzwanzig Jahren verheiratet, mittlerweile freundschaftlich verbunden, zu Frotzeleien aufgelegt, haben nicht mehr oft Sex, kommen aber auch nicht ohne Sex aus, wie andere lange verheiratete Paare, die er beim Namen nennen könnte, und ja, in einem gewissen Alter kann man sich größere Errungenschaften vorstellen, eine tiefere und unerschütterlichere Zufriedenheit, aber was du für dich geschaffen hast, ist nicht schlecht, überhaupt nicht schlecht. Peter Harris, ein feindseliges Kind, ein furchtbarer Jugendlicher, Gewinner diverser zweiter Preise, ist an diesem gewöhnlichen Augenblick angelangt, hat Beziehungen, ist beschäftigt, wird geliebt, spürt den warmen Atem seiner Frau am Hals, fährt nach Hause.

Die zwanzigjährige Tochter Bea lebt in Boston, bedient in einer Hotelbar, sie distanziert sich vom Kunstbetrieb ihrer Eltern, nach deren Meinung macht sie viel zuwenig aus ihrem Leben.

Als der gutassehende Missy(von Missgeschick: der Nachzügler war eigentlich nicht mehr geplant), richtiger Name Ethan, schließlich in Manhattan eintrifft, erinnert er Peter gleich an die junge Rebecca, wie sie in die Brandung läuft, aus einem weißen Baumwollkleid schlüpft. Und dann beschreibt Cunningham Rebeccas Familie Taylor in Richmond vor zwanzig Jahren mit den drei bezaubernden Töchtern  und eben dem hoffnungsvollen, frühreifen Ethan, der von allen in Beschlag genommen wird, dem die Sorge aller sicher ist. Das soll erklären, dass heute ein verwöhnter, narzisstischer junger Mann vor ihm steht. Und da sind noch die nach dem Auftauchen Missys drängend hochkommenden Erinnerungen an Peters eigenen Bruder Matthew, der homosexuell war und an Aids gestorben ist.

Man ahnte es schon: Nach ersten Alltags-Begegnungen verliebt sich Peter in diesen gutaussehenden, pfiffigen und unsteten Menschen. Aber das darf nicht sein, sein eigener Schwager, er ist verunsichert, kann es sein, wegen einem einzigen Mann schwul zu sein? Leider glaubt der Autor ständig alles psycho-logisch erklären und überhöhen zu müssen,  in Wirklichkeit stiftet er beim Leser eher Verwirrung. Peters Gedanken: Okay, es gibt schwule DNA in meiner Familie… Männer sind großartig (na ja, manche), aber sie sind nicht sexy. Dennoch möchte er diese schlummernde Vollkommenheit berühren…Nur um sie anzufassen, so wie der Gläubige das Gewand eines Heiligen berühren will.

Aber das Ganze ist ja keine Sache von Selbstbeherrschung. Ohnehin wird immer deutlicher, dass es mit dem Selbstwertgefühl Peters nicht  weit her ist, er ist hypochondrisch,  er vertritt bisher nur mittelmäßige Künstler,  möchte einen Starkünstler einer krebskranken Kollegin „schnappen“ und eine spektakuläre Ausstellung ausrichten und parodiert damit selbst seine angeblich so hohen ästhetischen Ideale. Es geht um Geschäftsabschlüsse, das ist die Wahrheit. Und außerdem, haben wir  die ganze aus Schnüren und Alufolie gemachte Kunst nicht ein bisschen satt, die sich übrigens für wahnwitzige Summen verkauft? Sind wir nicht in einen Bereich geraten, in dem Schrott de facto als Schatz behandelt wird?

Als Peter mitbekommt, dass Missy wieder Drogen nimmt, wird die aufgebaute  Welt und die Lebensauffassung Peters brüchig. Er beruhigt sich selbst mit fadenscheinigen Argumenten und Überlegungen: Da ist die heimliche Brüderlichkeit des Ganzen, bei dem es weniger um das Fleisch, als um das Gemeinschaftsgefühl geht…Männer bilden eine eigene Gemeinschaft, vielleicht ist es so einfach. Jetzt kann er Missy lieben, jetzt, da er nicht mehr das Bedürfnis hat, ihn zu beschützen oder zu bewundern.  Da wird es für den Leser schwer bei soviel schwülstiger Naivität, mit Vergnügen weiterzulesen – und er staunt: Deinetwegen schwul, mein Junge, allein auf der Welt, als wärst du ein Geschlecht für dich. In Wirklichkeit fürchtet Peter vor allem die Ächtungen, welche die ach so tolerante Gesellschaft der Künstler und Kunstliebhaber für so einen Fall bereithält.

Ich hatte öfter den Eindruck von einer unglücklich konstruierten Geschichte, in die einfach zuviel hineingepackt wurde. Die Größen der Weltliteratur werden an allen möglichen (und unmöglichen) Stellen heraufbeschworen. Und irgendwie liegt es in der Luft, dass jetzt auch mal auf Thomas Mann angespielt wird.  Als Peter mit Missy im Zug nach Greenwich fährt heißt es: Missy sitzt Peter gegenüber und betrachtet die öde Stadtlandschaft, die vorbeizieht. Der Zauberberg liegt offen, aber ungelesen auf seinem Schoß. Und ein paar Seiten später wird auch Der Tod in Venedig ins Gespräch gebracht. Das Thema stimmt in etwa: Der alternde Künstler, der sich in einen Jungen verliebt. Ja, ich bin ein älterer Typ, auf den ein viel jüngerer Mann eine gewisse Fasziation ausübt, aber Missy ist kein Kind, wie Tadzio es war, und ich bin nicht so fixiert wie Aschenbach…

Es war schon spannend, zu erfahren, wie die verfahrene Kon-stellation enden würde. Die männlichen Hauptpersonen waren mit einer Situation konfrontiert, deren Bewältigung Eigenschaften erforderte, die sie nicht besaßen: Entschlussfähigkeit  und moralische Selbständigkeit. In der vom Leitbild des finanziellen Erfolgs geprägten Gesellschaft siegt oftmals die Statusangst über die zwischenmenschliche Aufrichtigkeit, das hat der Autor Michael Cunningham durchaus treffend gezeigt. Leider gibt es zahlreiche Passagen, die an die Grenze zum Kitsch führen, da spricht dann  Peter von sich selbst als dem „Diener der Schönheit, der an die Schönheit an sich verliebt ist“. Er erinnert sich an schwindelerregende Gefühlswallungen. Es ist das pure, überwältigende und leicht erschreckende Begreifen dessen, was er Schönheit nennt, auch wenn das Wort unzureichend ist. Es ist die kribbelnde Ahnung göttlicher Präsenz, der unbeschreiblichen Perfektion von allem, was es jetzt gibt und in Zukunft geben wird. Wird er begreifen, dass sein bisheriger Horizont sehr begrenzt war? Ich habe in letzter Zeit kaum ein Buch gelesen, in dem ich so zwiespältige Leseerlebnisse hatte, gute und interessante Milieuschilderungen, subtile Gesellschaftsbeobachtungen, dann  andererseits wieder weitschweifige, überladene Abschnitte und das mit der Zeit fast lästige name-dropping, die halbe Weltliteratur wird angerufen,  von Joyce, Melville über Hawthorne bis Arthur Miller, Fitzgerald, Donald Barthelme und Raymond Carver, nur um einige zu nennen. Hier gibt der Autor den „Über-Pynchon“(siehe Pynchon-Beitrag), es  scheint in Mode zu sein bei einigen amerikanischen Autoren.  Es handelt sich ja nicht um echte Intertextualität und so ergibt sich für die Leser(innen)dadurch kein Hinzugewinn.  Dass wir das ganze Geschehen ausschließlich aus der Perspektive Peters serviert bekommen, ist natürlich vom Autor so gewollt, dass die Gedanken und der Bewusstseinsstrom dieser Hauptperson zusätzlich oft noch mit etwas bissigen, zynischen Kommentaren versehen wird, mal vom Autor, mal von Peter selbst, hat mich einige Male sehr gestört. Es fühlt sich an wie eine Bevormundung, als Leser hat man gar keinen Raum mehr für eigene Gedanken und Gefühle. Und die Figur des Missy ist eindeutig überpsychologisiert, er soll den wiedergeborenen Bruder, Tochterersatz für die abtrünnige Bea und auch noch die junge Rebecca darstellen. Auch dass Rebecca gegen Ende des Buches,  in einer Phase, da die Handlung endlich Fahrt aufnimmt, so gut wie gar nicht mehr im Text präsent war, praktisch nur als Stichwort-Geberin,  fand ich schade. So haben wir am Ende bei allen hochfliegenden idealistischen Auslassungen über Kunst und Schönheit  doch nur eine sehr männliche Welt, der die Vielschichtigkeit fehlt, oberflächlichen Glamour, Figuren, die sich nach echten Erlebnissen sehnen, aber in bequemer Gewohnheit und Statusangst erstarrt sich nicht befreien können.

Für Interessierte: Weitere Rezensionen:

Besprechung im Literaturblog Buecherwurmloch

nzz Besprechung(pdf)

Offizielle website des Autors

 

 

Cover Michael Cunningham: In die Nacht hinein
Cover Michael Cunningham: In die Nacht hinein

In die Nacht hinein

DEUTSCHE ERSTAUSGABE

320 Seiten,13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-630-87353-4

Verlag: Luchterhand Literaturverlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

John Cheever: Short Stories

Literatur der Vorstädte

Literatur und Schreiben-John Cheever
John Cheever 1912-1982

John Cheever: Man nennt ihn den Chronisten der Vorstädte, manche vergleichen ihn mit Tschechow oder Faulkner. Fest steht für mich: er ist einer der ganz Großen der amerikanischen Literatur. In den letzten Jahren hat er in Deutschland durch die vielgelobten, im DuMont Verlag erschienenen Neuübersetzungen von Thomas Gunkel eine Art Revival erlebt. Der 1912 in Massachusetts geborene Autor hat die meisten seiner Short Stories im Magazin The New Yorker veröffentlicht, später auch noch in anderen Zeitschriften, beispielsweise im Playboy. Mit seinen beiden skurrilen und temporeichen Familienchroniken Die Wapshots (1957) und Der Wapshot Skandal (1964) wurde er einem internationen Publikum bekannt und 1958 mit dem National Book Award ausgezeichnet. Zuletzt gab es 1977  für seinen Gefängnis-Roman Falconer viel positive Kritik. Ein Jahr darauf gewann er dann alles, er erhielt  für seine Sammlung The Stories of John Cheever den Pulitzer Prize, den American Book Award und den National Book Critics Circle Award. 1982 starb John Cheever.

Ich habe zum Wiederlesen meine zwei Rowohlt Taschenbücher in der alten Übersetzung herangezogen. (Auch eine Art von Nachhaltigkeit). Sie beinhalten Stories von 1947 bis 1978, darunter die bekanntesten und besten Geschichten aus den preisgekrönten Stories of John Cheever. 

Literatur und Schreiben - John Cheever
2 Bände Erzählungen

Beginnend in den 1950er Jahren gab es eine Entwicklung in den USA, dass Schwarze aus dem Süden massenhaft in die nördlicheren Großstädte abwanderten, worauf später wiederum Reiche und Mittelklasse-Familien diese verließen, um der Zunahme der Kriminalität, Verschmutzung und eingeschränkten Lebensqualität durch Vermassung zu entgehen. (The White Flight). In ihren fein säuberlich aufgereihten Häusern gaben diese weißen Familien äußerlich ein vorbildliches Bild ab an Anpassung und Konformität.  Von Individualität und eigener Lebensgestaltung oder persönlichem Unterscheidungwillen war wenig zu sehen und zu spüren. 

Literatur und Schreiben-Suburb
Suburb in den 1960ern

Das ist der Erlebnisraum, in dem die meisten von Cheevers Geschichten ihren Lauf nehmen. Die Schauplätze heißen Shady Hill, Bullet Park oder Westchester und die Menschen scheinen für das amerikanische Glück ausersehen. Hinter Spanischem Flieder und Zierahorn,  irgendwo zwischen Manhattan und Long Island, in einem jungen, blühenden  Land , sieht alles nach perfekter Harmonie und Idylle aus. 

Literatur und Schreiben - Vorstadt
Vorstadt intern

John Cheever, der selbst mit seiner Familie in einem dieser Vororte gelebt hat, weiß Bescheid. Wie beiläufig und mit viel feiner Ironie begibt er sich in den Schatten der aufgeräumten Häuser mit ihren Swimming Pools –  und schon bröckeln die romantischen Fassaden , ja manchmal stürzen sie unvermittelt ein. Mit spärlichen hingeworfenen Sätzen charakterisiert der Autor seine Personen. Mrs. Pastern, sie war eine blasse Frau. Ob sie nun auf ihrer Terrasse oder in ihrem Wohnzimmer saß, sie meißelte an ihrem Selbstbewusstsein wie an einem Stein.  

Sie sammelt für die Leberkranken, alle Frauen haben ehrenamtliche Tätigkeiten. Die Mühe, von Haus zu Haus zu gehen, nahm Mrs. Pastern mit der gedankenlosen Ergebenheit eines ehrlichen und der Tradition verhafteten Arbeitstieres auf sich. Es war ihr Schicksal; es war ihr Leben. Nein, unabhängige selbstbewusste Frauen, gar gleichberechtigte,  finden sich in den Geschichten nicht. Strebsame und Angesehene schon. (Manch älterer Leser wird sich an seine Mutter erinnern in den Fünfziger, Sechziger Jahren.) Und die Männer sind voller Angst vor Statusverlust, neurotisch und zwanghaft um ihr Ansehen bemüht.    

Als Mrs. Pastern schließlich alle Familien ihrer Nachbarschaft bis auf zwei abgeklappert und hie und da ein Glas Sherry getrunken hat, bilanziert sie: Die Beiträge waren höher als im Jahr davor, und wenn ihr das Geld auch nicht gehörte, so erregte es sie doch, ihre Mappe mit hohen Schecks vollzustopfen. Während sie das Essen macht, soll ihr Mann die restlichen zwei Familien besuchen. Die Nachbarin Mrs. Flannagan ist allein, ihr Mann verreist, sie trinken Whisky, sie suchen ihr Scheckbuch im Schlafzimmer, was folgt,  wird so beschrieben: So etwas habe ich noch nie getan, sagte sie später , als er sich zum Aufbruch fertigmachte. Wieder zuhause lügt Charlie Pastern: „Ich habe mit den Flannagans noch ein bißchen was getrunken. Ihr  Mann ist überraschend nach Hause gekommen.“ Es wird ihm klar, wie fremd sie sich geworden sind, er schiebt es auf die Frau und hat keine Schuldgefühle,  sich weiter mit Mrs. Flannagan zu treffen. Eines Tages lässt sie ihn vergeblich warten.  In einem Restaurant zwischen eins und zwei versetzt worden zu sein hat nichts Besonderes – es ist ein geistiges Niemandsland, dessen verdorrte Bäume, Schützengräben und Rattenlöcher uns allen, die wir immer wieder von der Leichtgläubigkeit unseres eigenen Herzens entwaffnet werden, vertraut sind. Am Telefon erklärt sie Charlie, dass sie es mit dem Gewissen nicht mehr vereinbaren könne, sich weiter mit ihm zu treffen. Nach der Vorlage: „Ich bin eine gute Mutter“ oder „Ich bin eine geduldige Ehefrau“. Der Schluss der Geschichte – der Ehebruch fliegt auf –  ist wie der Schluss vieler anderer Stories von Cheever melancholisch und vielschichtig, keiner kommt ohne Gesichtsverlust davon, oft sind es die Dienstleistenden, das Fußvolk gewissermaßen, Kellner, Putzfrauen,Barkeeper, einfache Mitreisende, die den Schleier lüften, sie sind die eigentlichen Wissenden, die Aufgeklärten.

Nicht immer liegen die Motive der handelnden Personen so klar auf der Hand. In seiner wohl bekanntesten Erzählung, die 1968 auch verfilmt wurde, Der Schwimmer,  führt Cheever uns, von einem realistischen Geschehen ausgehend,  in eine atemlose, surreale Szenerie. Es war einer jener Tage im Hochsommer, an denen alle Leute herumsitzen und sagen: „Ich hab gestern abend zuviel getrunken.“ Man saß am Rande des Westerhazyschen Schwimmbassins. Neddy Merrill saß neben dem grünen Wasser und ließ eine Hand hineinhängen…  Die Sonne, sein tiefes Glücksgefühl, alles schien in seinen Brustkasten einzuströmen…Sein eigenes Haus lag in Bullet Park, acht Meilen weiter südlich, und seine vier hübschen Töchter hatten dort wahrscheinlich schon zu Mittag gegessen und spielten Tennis. Da fiel ihm ein, dass er einen Bogen nach Südwesten schlagen und so sein Haus auf dem Wasserwege erreichen könne. 

Er schwimmt von Schwimmbassin zu Schwimmbassin durch den ganzen Bezirk nach Hause. Er fühlt sich als Held. Die neue Route, die er sich für den Heimweg ausgedacht hatte, gab ihm die Gewissheit, ein Pilger, ein Forscher, ja, ein Mann mit einem Schicksal zu sein, und er wusste, dass er überall am Wege Freunde finden würde. Neddy befindet sich in einer anderen Welt, die Menschen sprechen ihn auf bedrohliche Ereignisse aus seinem Leben an, von denen er nichts weiß. Er überquert Zäune und Autobahnen, es ist wahnwitzig.  Hatte er das Gedächtnis verloren, sollte ihm etwa entfallen sein – dank seiner Gewohnheit, schmerzliche Tatsachen einfach zu verdrängen – , dass er sein Haus verkauft hatte, dass seine Kinder Not litten und sein Freund krank gewesen war? Die Beschreibung des Endes dieser selbstauferlegten Odyssee Neddy Merrills durch sein Leben ist ein schriftstellerisches Meisterstück. Cheever kommt ohne theoretische oder moralische Fingerzeige aus, alles entwickelt sich aus Dialog und Handlung und den erzeugten Stimmungslagen.

Manchmal scheint es, als seien die beschriebenen Bewohner vom Schicksal regelrecht in die Falle gelockt worden. In der Story Der Ozean hat die Frau des Ich-Erzählers Feuerzeugbenzin in die Salatsauce gemischt. Außerdem ist ihm gerade gekündigt worden. Er hat das Gefühl sich in Gefahr zu befinden. Sie werden sich mit Recht fragen, was ich an einem Wochentag vormittags in Bullet Park tue. Die einzigen anderen Männer in der Umgebung sind drei Geistliche, zwei Invaliden und ein alter Kauz in der Turner Street , der nicht ganz richtig im Oberstübchen ist…Was bin ich? Was tue ich?

Man muss die Eleganz und Pointiertheit einfach genießen, mit der Cheever die Bühne bereitet, ja heraufbeschwört. Flannellhosen und Gabardinemäntel sind nicht mehr en vogue, die Welt sieht heute anders aus, aber noch immer sind es dieselben  Abweichungen,  welche Menschenleben aus den Fugen geraten lassen, dasselbe Verlangen nach Geld, Ansehen  und Macht, welches die  Ängste nährt. Die Ironie ist Stilmittel, um eine gewisse Distanz zu schaffen, stellt den Erzähler aber nicht moralisch höher, es ist kein Zynismus. Es wimmelt von Berufs- und Ehekrisen, es wird eine Menge Alkohol getrunken  in den Erzählungen, Verdrängung und Wirklichkeitsflucht bei den Handelnden evozieren ein Bild von Ohnmacht, das beim Leser Mitgefühl auslöst, eine Haltung, die  der Erzähler nicht immer einzunehmen scheint. Details sind genau plaziert und haben suggestive Wirkung: Das Schlimmste war die Kälte, die ihm in den Knochen saß, und das Gefühl, nie wieder warm zu werden. Um ihn herum fielen die Blätter, und der Wind trug den Geruch brennenden Holzes zu ihm herüber. Wer in aller Welt verbrannte um diese Jahreszeit Holz? 

Für die Menschen scheint es das Dasein nur als unabänderliches amerikanisches Ritual zu geben, ähnlich wie in Sherwood Andersons Winesburg oder Faulkners Südstaatenwelt wirkt das Leben der Menschen bei Cheever oft überfrachtet, das pflichtgemäße Gutmenschentum, die Ämter in der Kirchengemeinde, sie sind überfordert, was natürlich keiner zugeben würde, und sie sind häufig nur Reagierende, und nie geht es schnell genug, reich zu werden. Wenn am Sonntag schönes Wetter war, gingen sie unter den begüterten Menschenmassen auf der oberen Fifth Avenue spazieren. Dann hatte Ralph das Gefühl, es sei nur noch eine Frage von einem Monat, höchstens von einem Jahr, bis er den Schlüssel zum längst verdienten Wohlstand in der Hand hielt. Sie gingen spazieren, bis es Abend wurde, gingen dann nach Hause, machten zum Essen eine Dose Bohnen auf und aßen als gesunden Ausgleich einen Apfel zu Nachtisch.(Der Topf voll Gold).

Danke, John Cheever, das war ein starkes Wiederlese-Erlebnis. Hier kann ich uneingeschränkt sagen: Unbedingt lesen!!

Der Schwimmer, DuMont Buchverlag Köln 2009, 352 Seiten, ISBN 978-3-8321-8031-7, Übersetzung Thomas Gunkel 

Claudio vom Literaturblog Sätze und Schätze hat kürzlich eine lesenswerte Rezension geschrieben zu Cheevers Roman Ach, dieses Paradies

1994 sind seine Tagebücher auf deutsch erschienen. Ich habe sie noch nicht gelesen, aber offenbar enthüllt er darin eine vielschichtige und hypersensible Persönlichkeit samt Depressionen, Alkohoholsucht, Bisexualität und Selbsthass. siehe dazu auch: Schreiben mit Promille