Fay Weldon: Die Teufelin

Frauenliteratur – Literatur der Frauen

1983, als der vorliegende Roman von Fay Weldon The Live and Loves of a She-Devil erstmals veröffentlicht wurde, stand auch in Deutschland sogenannte „Frauenliteratur“ hoch im Kurs. 1977 war die Zeitschrift EMMA gegründet worden, Frauenbuchhandlungen wurden eröffnet, Verlage richteten ganze Reihen ein (z.B. Rowohlt die neue frau ab 1977). Da war viel Aufbruchstimmung, die Vorstellung von einer autonomen weiblichen Identität wurde laut und aktiv vertreten. 

Heute kann man schon ins Fettnäpfchen treten, wenn man bloß den Begriff „Frauenliteratur“ verwendet, obwohl er in der Entwicklung weiblichen Schreibens bis heute seinen Platz haben darf, denke ich, setzte doch die Forderung nach „Frauenliteratur“ einen existierenden Mangel voraus und wurde schließlich zu einem Versprechen weiblicher Selbstbehauptung und einer großen Ermutigung gegen die Herrschaft des männlichen Blicks. „Frauenliteratur“  hat nichts zu tun mit trivialen Frauenromanen und den Scheinwelten der Danella, Roberts, Cartland, Paretti oder wie sie alle heißen, auch wenn sie nach wie vor massenhaft Leser(innen)anziehen und auch ihre Berechtigung haben.

Heute sind Texte wie Karin Strucks Klassenliebe oder Verena Stefans Häutungen praktisch aus allen Regalen verschwunden, andere theoretische und poetologische Aspekte spielen eine Rolle, stark befördert wird heute z.B. auch von Autorinnen das Bewusstsein für die Normalität anderer als heterosexueller Lebensgemeinschaften.

Diese lange Einleitung sollte verdeutlichen, dass gerade dann, wenn Schriftstellerinnen wie Fay Weldon als feministisch betitelt werden, es nötig ist, die entsprechenden Texte immer erst historisch einzuordnen. 

Schreiben von der Rache einer Frau

Literatur blog Herbert Steib
Fay Weldon
Quelle:West Yorkshire Playhouse

Die deutsche Fassung von Fay Weldons Roman erschien unter dem Titel „Die Teufelin“ 1987 im Frauenbuchverlag München, aus dem der heutige Verlag Antje Kunstmann hervorging. 

Die 1931 in Worcestershire geborene, in Neuseeland aufgewachsene Autorin Fay Weldon hat in diesem Roman in bester englischer Manier eine groteske, bissige Komödie geschrieben über eine benachteiligte, betrogene Ehefrau, ihre Kränkungen und Schädigungen und ihren Rachefeldzug, den sie alsbald startet. 

Die unförmige, unansehnliche Ruth, Mutter zweier nicht vorzeigbarer Kinder, hasst Mary Fisher, die attraktive Geliebte ihres Mannes Bobbo, dem erfolgreichen Steuerberater. Ruth entschließt sich, die Teufelin abzugeben, als die Bobbo sie hinstellt, um sie guten Gewissens verlassen zu können.

Mary Fisher ist zierlich und hübsch mit sanften Kurven an den richtigen Stellen; sie fällt gerne in Ohnmacht, vergießt Tränen und schläft mit Männern, während sie gleichzeitig so tut, als würde sie sowas nie tun. Mary Fisher wird von meinem Mann geliebt, der ihr die Bücher führt. Ich liebe meinen Mann und hasse Mary Fisher.

Fay Weldon schreibt von der Realität ausgehend,  in einer einfachen, leicht zu lesenden Ausdrucksweise und in rasanter Entwicklung. Der Text ist zweidimensional angelegt: Abwechselnd lässt die Autorin  die betrogene Ehefrau Ruth als Ich-Erzählerin  zu Wort kommen, dann ergreift sie selbst als allwissende Erzählerin  das Wort. Mit einer Überzeichnung von Klischees wird die unselbständige, unterdrückte Stellung der Frau dargestellt. Die Heirat wird als gutmütiger Akt des Ehemanns beschrieben, der großherzig die unansehnliche Ruth geheiratet hat und deswegen Demut einfordern kann. Ruth kann Rasenmähen, Ruth versteht sich aufs Putzen ruft die Schwiegermutter. Ruths Vorteil war, dass sie da war, wenn man sie brauchteWo kein eigenes identifizierbares Leben mehr ist, wird es ergänzt, oder bei Realitätsverlust sogar ersetzt durch das erträumte Leben.  Taten folgen in der Regel nicht. May Feldon beschreibt die Personen als unfähig, sich ihrer Lage bewusst zu werden. Außer Ruth. Ruth ist am Anfang von einer so trostlosen Mittelmäßigkeit und Naivität geschildert mit allen Klischees der ausgelieferten Ehefrau, dass es einer großen Verwandlung bedarf:

Ich bin eine Teufelin. Aber das ist wundervoll! Das muntert auf! Als Teufelin kriegt man sofort einen klaren Kopf. Die Lebensgeister werden wach. Es gibt keine Scham mehr, keine Schuldgefühle, kein ermüdendes Streben danach, gut zu sein. Im Endeffekt existiert nur noch das, was du willst. Und ich kann mir nehmen, was ich will. Ich bin eine Teufelin…

Natürlich ist Ruth in einem Heim aufgewachsen,natürlich hat der Vater die Mutter verlassen, natürlich sind ihre Schwestern auffallend hübsch, die Szenerie wird so bereitet, dass auch der Letzte es versteht: Diese Frau hat allen Grund auszurasten. Und das geschieht auch.

Ruth überantwortet Bobbo die Kinder, lässt das Haus niederbrennen und taucht unter.In einer Folge von schonungslosen, raffinierten Manipulationen unter wechselnden Pseudonymen gelingt es ihr, das gemeinsame Leben von Bobbo und Mary Fisher zu zerstören, während sie gleichzeitig ungewöhnliche Liebhaber hat und sich in lange hinziehenden Schönheitsoperationen zu einem Abbild Mary Fishers machen lässt.  Es gelingt ihr alles, fast mühelos, nichts und niemand stellt sich ihr in den Weg- und genau diese Tatsache, ihr ungestörter, gnadenloser Feldzug wurde beim Lesen mit Fortdauer des Textes ermüdend und die Spannung fiel  bis auf den Nullpunkt. Dann wirken eigentlich interessante Details auf einmal wie Geschwätzigkeit und Dialoge fad und nichtssagend. Ironisierung wird von Autor(inn)en ja oft als Stilmittel zur  Distanzierung und Verfremdung angewandt, doch dann sind die Leser(innen)  gefordert, Leerstellen selbst zu füllen und Andeutungen selbst einzuordnen. Hier wird alles ausgesprochen, breitgetreten. Nicht jeder beherrscht eben das Stilmittel der Satire so wie ein Karl Kraus oder auch eine Elfriede Jelinek.

Ich hätte mir von Ruth anstatt ihrer erbarmungslosen,  radikalen Vorgehensweise mehr Radikalität im Denken gewünscht.
Ich will Rache. Ich will Macht. Ich will Geld. Ich will geliebt werden, ohne zurückzulieben. Ich will dem Hass freien Lauf lassen.Ich will, dass der Hass die Liebe vertreibt….
Dieses neue Lebensmotto Ruths ist auch in einer Groteske oder Satire zuwenig für einen befriedigenden Text. Es gibt eine Ausdrucksweise, die man anfangs noch als gezielte sarkastische Zuspitzung, korrespondierend zu Ruths schwerfälliger Naivität,  hinnehmen konnte, aber schließlich immer mehr nervte: nur einige Beispiele:

 -Der Menschenfresser Mutterschaft marschiert draußen mit schweren Schritten auf und ab.
– Er liebte Mary Fisher und zeigte es auch gern, er war der Maibaum, um den sich die verschlungenen Ketten ihrer Glückseligkeit schlangen, stark und fest und für immer.
-Sie würde zwischen den Mühlsteinen der Gegenwart und der Zukunft zerquetscht werden, wenn sich kein Kissen aus  der Vergangenheit dazwischenschob.

Es wäre allerdings unfair, aufgrund isolierter Textstellen, aus dem Zusammenhang herausgenommen, ein abschließendes Urteil zu fällen. Es gibt auch  Gelegenheit zu  treffender Gesellschaftskritik, während der verschiedenen Stationen von Ruths Tour  „durch die Institutionen“:

Ganz allgemein lässt sich Beschäftigung finden, wenn man bereit ist, sich um anderer Leute Kinder zu kümmern, Geisteskranke zu versorgen oder inhaftierte Kriminelle zu bewachen, öffentliche Toiletten zu reinige, Leichen zu waschen oder Betten in billigen Absteigen zu machen…

Die stellenweise sozialkritische Einfärbung hat mir durchaus gefallen. Und es ist zuzugeben: Am Erfolg ihres Buches ist leicht abzulesen, dass Fay Weldon mit diesem Roman den geforderten Unterhaltungswert sicher geliefert hat. Und der Frauenliteraturverlag hat seinerzeit gute Einnahmen erzielt, um andere Projekte voranzutreiben. Ob ein Text in erster Linie unterhaltend ist, daran kann kein ästhetisches Qualitätsurteil festgemacht werden. Fay Weldon, in England lange omnipräsent auch als Stücke-Schreiberin, Fernseh-Autorin, Essayistin, gilt als feministische Autorin. Andere englisch schreibende Autorinnen wie Margarete Atwood,  Joan Didion, Cynthia Osick oder auch Iris Murdoch lehnen es ab, in die Kategorie „feministisch“ eingeordnet zu werden. 

Eines hat die Lektüre dieses Romans von Fay Weldon jedenfalls bei mir bewirkt: dass ich mich näher befasse mit dieser Entwicklung des feministischen Aufbruchs schreibender Frauen, so möchte ichs mal nennen, bis heute. Warum sind so viele Autorinnen aus den Siebziger, Achtziger Jahren so schnell von der Bildfläche verschwunden, sind sie Opfer geworden eines männlich dominierten Literaturbetriebs?Oder welche Richtungsänderungen sind seither eingetreten in der Literatur von Frauen? Wie sieht es aus in anderen, besonders männerdominierten Teilen der Erde, z.B. Lateinamerika? Was wird in anderen Literaturblogs zum Feminismus geschrieben?

Zum Schluss ein Interview mit Antje Kunstmann zum Ende des Frauenbuchverlags (1999)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas Pynchon:Die Versteigerung von No.49

Thomas Pynchon Literatur Blog
Thomas Pynchon (Zeitpunkt der Aufnahme unklar)

Die Rezensionen von Thomas Pynchons neuestem Roman Bleeding Edge klingen noch nach, da habe ich aus einer meiner Kisten noch ungelesener Bücher Pynchons früheren Roman Die Versteigerung von No.49 geholt, um die vielbesprochene  Pynchonwelt kennenzulernen.  Dieser auch vom Umfang überschaubare Text (202 Seiten) eigne sich gut als Einstieg,  wurde mir von Freunden versichert. Pynchon lite. 

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Die Versteigerung von No. 49

Ausnahmsweise zitiere ich gleich den ersten  Satz des Romans, der 1966 erschienen ist:

An einem Sommernachmittag kam Mrs. Oedipa Maas von einer Tupperware-Party, deren Gastgeberin vielleicht allzuviel Kirsch in das Fondue getan hatte, nach Hause und bemerkte, dass sie, Oedipa, zum Testamentsvollzieher oder, was sie annahm, zur Testamentvollzieherin des Vermögens eines gewissen Pierce Inverarity eingesetzt worden war, der wieder war Großgrundbesitzer in Kalifornien gewesen, hatte mal in seiner Freizeit zwei Millionen Dollar verloren, aber auf vielen und verschlungenen Wegen immer noch genügend Aktiva flüssig machen können, um aus diesem Schlamassel mehr als blütenweiß wieder herauszusteigen. 

Wie man sieht, ist die Ausgangslage relativ simpel, ähnlich wie bei Saul Bellows Humboldts Vermächtnis was folgt ist allerdings eine bizarre, phantastische Reise in eine Welt voller Andeutungen, Verwirrungen, wahnhaften Vorstellungen und Verschwörungen. „Oedipas Weg zum Ziel wird zu einem Horrortrip durch die Welt der USA“, verrät der Klappentext, „eine Gegenwelt, die vielleicht von einer Gegenorganisation gesteuert wird.“

Der verstorbene Pierce Inverarity war berüchtigter Immobilienspekulant und Oedipas  Ex-Liebhaber. Als  Leser fragt man  sich sofort, warum dieser gerade die in Vermögensgeschäften unbedarfte Hausfrau Oedipa Maas als Testamentsvollstreckerin ausersehen hat, eine der vielen Fragen, die bis zum Ende des Buches nicht beantwortet sein werden. 

Gleich zu Beginn verrät Thomas Pynchon bei verschiedenen Personencharakterisierungen seine ganze Meisterschaft, so bei der Darstellung von Oedipas Ehemann Mucho Maas, ehemals Gebrauchtwagenhändler und jetzt Diskjockey bei einem Radiosender; bei Dr.Hilarius, ihrem „Seelenklempner und Psychotherapeuten“, der sie für eine Testreihe für Hausfrauen in der Anwendung von LSD, Meskalin und anderer Drogen gewinnen will. Doch Oedipa lehnt ab, sie hat ja ihre Mission. 

Zusammen mit Metzger, einem der Anwälte Pierce Inveraritys zieht sie los nach San Narciso, um sich in Pierces Büchern und Geschäftsberichten zu vertiefen. Hier in der Nähe von L.A. befindet sich das Zentrum seiner Liegenschaften, Büros, riesigen Firmen und Unternehmen: Yoyodyne. Sie freundet sich in einem Motel mit der Popgruppe „The Paranoids“an, und kommt bei ihren Nachforschungen auf die Spur von Trystero, ein sehr seltsames Postbeförderungssystem, das seit Jahrhunderten im Untergrund gegen das staatliche Postsystem der USA operieren soll. Sie stößt auf eine Fülle von Zeichen und Bildern-Bruchstücke, die sich weder Oedipa noch der Leser schlüssig zu einem Bild zusammensetzen können.  Sie hat eine Affäre mit Metzger und ihr eigentlicher Auftrag, dass alles inventarisiert und taxiert werden müsste, gerät eine ganze Zeit völlig in den Hintergrund.

Was für mich ganz spannend begonnen hatte, verdichtete sich jetzt allmählich zu einem Gewebe von Mutmaßungen, Zeichen und Symbolen, die das Geschehen umgeben. Ich sage bewusst „Geschehen“ und nicht „Handlung“, denn die Personen scheinen alle manipuliert, ausgeliefert einer übergeordneten, vom Verstand nicht zu kontrollierenden Macht.

An der Klowand (einer Bar; Einfügung von mir) fiel ihr zwischen lippenstiftgemalten Obszönitäten die folgende, fein säuberlich in Druckbuchstaben geschriebene Botschaft auf: Pynchon Botschaft

WASTE? wunderte sich Oedipa. Unter die Nachricht war mit Bleistift ein Symbol gezeichnet, das sie noch nie gesehen hatte, eine runde Windung, ein Dreieck und ein Trapez, so:Pynchon Posthorn

Es war vielleicht irgendeine Schweinerei, aber irgendwie zweifelte sie daran.

„Vielleicht“ und „irgendwie“ sind Worte, die für meinen Geschmack etwas zu häufig vorkommen. Gut, Mitte der Sechziger Jahre, als das Buch erschien, gab es bestimmt eine große Verunsicherung in den Staaten,  Präsident Kennedy war ermordet worden, ein immer stärkeres Engagement im Vietnam-Krieg war vereinbart und durchgeführt. Verunsicherug und Verschwörungstheorien hatten Hochkonjunktur. Kann sein, dass Thomas Pynchon das auf seine Weise abbbilden wollte in diesem Roman. 

Immer häufiger begegnet Oedipa dem Symbol. Die Historie von Thurn und Taxis wird eingeflochten, ein Theaterstück The Courier’s Tragedy wird besucht, wir erfahren von Briefmarken-Fälschungen,  Songtexte der Paranoids durchbrechen das Geschehen. Die Selbstzweifel Oedipas werden immer größer, sie hat Anfälle, Absencen, als Leser hat man Sympathie für diese Hauptfigur, die so umherirren muss. (Wie einst der König von Theben,  Oedipus?).

Das Symbol(wie oben abgebildet) stellt ein Posthorn dar mit einem Dämpfer, erfährt man schließlich, was im übertragenen Sinn wohl bedeutet: die Kommunikation, der Informationsfluss ist behindert, wenn man Trystero als gegeben annimmt: unterwandert. 

Im vorletzten Kapitel kommt sie nach Berkeley, Oedipa erinnert sich an ihre eigene Studienzeit. Als Leser war ich froh,  zwischendurch einen Textabschnitt zu bekommen, der sowas wie Realität abbildet: Ihr eigenes Studium hatte sie zu einer Zeit hinter sich gebracht, in der die Nervenenden noch gepolstert waren, in einer Zeit der Sanftmütigkeit und Nachgiebigkeit, die sie nicht nur bei ihren Altersgenossen, sondern auch bei dem größten Teil der sichtbar sie umgebenden wie auch der vor ihnen liegenden Strukturen angetroffen hatte…Hier dieses Berkeley hatte so ganz und gar keine Ähnlichkeit mit dem schläfrigen Nest Siwash ihrer eigenen Vergangenheit, sie hatte das Gefühl, als wäre es eher verwandt mit diesen fernöstlichen oder lateinamerikanischen Universitäten, von denen man so oft liest, mit diesen autonomen kulturellen Medien also, wo sogar die heiligsten der Volksbräuche in Zweifel gezogen werden können, Meinungsverschiedenheiten mit der Gewalt von Sintfluten ausgetragen werden…

Oedipa wird gegen Ende des Romans immer nachdenklicher und melancholischer und einsamer. Sie begann nämlich langsam einen richtigen Widerwillen dagegen zu entwickeln, irgendeiner Sache auf den Grund zu kommen… Sie kam sich vor wie eine flatternde Gardine in einem sehr hohen Fenster, die versucht, über einen Abgrund hinweg zu den andern hinüberzuwehen.

Bildet sie sich alles nur ein?Hat das alles Pierce Inverarity vor seinem Tod noch angezettelt, ganz San Francisco mit Posthörnern überschwemmt,um sie zur Verzweiflung zu bringen,  gibt es einen Sinn dahinter?    

Am erträglichsten schien ihr immer noch, geisteskrank zu sein, und Schluss.  

Am Ende herrscht eine wehmütige melancholische Stimmung, die ich gut gelungen und überzeugend dargestellt fand von Thomas Pynchon.    Das versöhnte mich als Leser nach so mancher Abneigung gegen einige Abschnitte des Buches.   Zur titelgebenden Versteigerung kommt es übrigens erst ganz zum Schluss. No.49 ist eine gefälschte Briefmarke. Noch bevor die Marke aufgerufen wird, endet der Roman.  

Der Auktionator räusperte sich. Oedipa lehnte sich zurück und wartete auf das Versteigerungsobjekt No 49.

 

Ich denke, dass ein Autor bei einem Text, in dem grundsätzlich alles möglich sein soll, fern jeder Rationalität und Lesererwartung, aufpassen sollte,  sich nicht dem bloßen Klamauk anzunähern.  Zur hermetischen Verdunkelung neigend ist Pynchon allemal, das kenne wir auch von so manchen Lyriker(inne)n, das kann ein Text meiner Meinung nach gut vertragen, wenn Bilder und Metaphern uns berühren. Zuviele April-April-Effekte möchte ich mir allerdings nicht antun, auch wenn manche Kritiker dies dann als postmodern einstufen und meine Lesererwartung als spießig.

Vor der Lektüre habe ich keine Rezensionen zum Buch gelesen, was ich im Nachhinein vorgefunden habe, hat mich doch überrascht, welche Fülle und Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten!

Thomas Pynchon Literatur Blog
Thomas Pynchon

Zu den Portraits: Ich habe kein auch nur annähernd gegenwartsnahes Portrait ausfindig machen können, immerhin wird der Autor bald 80 Jahre alt. Es ist aber bekannt, dass der Autor völlig zurückgezogen in New York lebt. Bereits 1973 zur Übergabe des „National Book Award“ sandte er einen Komiker!

Mein Leseexemplar war aus der Reihe „Rowohlt Jahrhundert“ Nr. 84.

Heute ist das Buch als rororo TB, ISBN 978-3-499-13550-7, 208 Seiten, für € 8,99 im Buchhandel erhältlich.

Rezensionen und weiterführende Artikel:(kleine Auswahl)

Textem

Pynchonwiki.com

dreizehn-Magazin.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friederike Mayröcker: Frühling

 

Zu den ersten Frühlingstagen, dachte ich mir, kann nur ein Lyrik-Beitrag passen. Ich wählte: Friederike Mayröcker.  Ein  bereits 1947 verfasstes Gedicht.

 

Frühling

 

Meine orangefarbenen                                                                                                                                                                                                                               Abende ruhen in Deinen                                                                                                                                                                                                                           Augen. Du bist eine leise                                                                                                                                                                                                                           Blume über dem Weg. Manchmal                                                                                                                                                                                                             verbergen Pappeln meine Stimme                                                                                                                                                                                                           zu Dir: dann zerbrechen gläserne

Stunden. Ich bekreuzige meine                                                                                                                                                                                                           hellblaue Ohnmacht. Meinen                                                                                                                                                                                                                 glatten Handflächen haften Monde an.                                                                                                                                                                                                      Wir haben alle violetten Winde

aus Nebel durchschritten und                                                                                                                                                                                                                      alle grünen aus Eis und alle roten                                                                                                                                                                                                              aus Sonne und sind geworden wie

ein Gestirn

 

Ließe man die von der Autorin vorgegebene Überschrift „Frühling“ weg, würde dem Leser trotz der Farbenvielfalt, den Blumen und dem vergangenem Eis wohl nicht unmittelbar die Assoziation Frühling  in den Sinn kommen.

Nach eisigen Winden vom Du über das Ich zum Wir : auch so kann man Frühling beschreiben, als Versöhnung und Neuanfang.

Die letztes Jahr 90 Jahre alt gewordene Friederike Mayröcker war bis 1969 Englisch-Lehrerin an Wiener Hauptschulen und hat zunächst in Zeitschriften Gedichte veröffentlicht. Seit 1954  bis zu seinem Tod war sie mit Ernst Jandl befreundet und arbeitete mit ihm zusammen, vorwiegend an Hörspielen. 1968 erhielten beide den begehrten Hörspielpreis der Kriegsblinden. Seit über sieben Jahrzehnten veröffentlicht sie jetzt Gedichte, Prosa, Bühnentexte, Hörspiele und auch Kinderbücher. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche nationale und internationale Literaturpreise, u.a. den Georg-Büchner-Preis 2001 und  den Hermann-Lenz-Preis 2009.

Ich hatte viele Jahre eher einen Bogen um Friederike Mayröckers Lyrik gemacht, die Texte erschienen mir zu hermetisch, manchmal auch manieristisch. Das lag sicher an meiner Herangehensweise, von der Schule im Interpretieren und Einordnen geübt und verdorben. Dadurch wurden die Texte zu etwas Statischem. Dabei erprobt sich die Dichterin ständig neu, alles Erlebte und Geträumte, Gesehene und Gewünschte findet Aufnahme; es erscheint mir wie ein fast ungestümer Versuch, die Welt in allen Schichten zu erfassen.

Nicht von ungefähr wird Friederike Mayröcker häufig abgebildet in ihrem Arbeitszimmer, umgeben von einer erdrückenden Masse von Ordnern, Papieren, Zetteln und Briefen. Und es scheint sie nicht zu stören, dieses Bild von Obsession und Sprachleidenschaft , das der Betrachter erhält.

Literatur Blog
Friederike Mayröcker

 

 „Du hast keinen Platz mehr auf deinem Klavier“, schreibt sie in einem Text,„denn neben dem Fernseher ist dein kleines Postamt: eine alte Zigarrenschachtel, die dir Oswald Wiener einmal geschenkt hat, und links vorne der Plattenspieler und dahinter zwei Radioapparate, über der geschlossenen Klaviatur(Liddeckel).“

„Mir geht es immer nur um die Sprache. Um ihre Funktionsweise, vor allem ihre Schönheit. Handlung, Botschaft, interessiert mich alles nicht.“

Sie hat sich mit theoretischen Äußerungen zu Ihren Texten immer  zurückgehalten. Sie meldet Bedenken an gegen alle Theorien mit Ausschließlichkeitscharakter, gegen die Tendenz, ihren „poetischen Absichten und Ergebnissen eine fixierte Abkunft unterstellen“ zu wollen. Sie schlägt als Formeln für einen möglichen Zugang zu ihrem Werk „spielhaftes Anliegen, Mut zur Autorisierung subjektivistischer Weltsicht, Mut zur Privatsprache“ vor. Aber zu jedem dieser Vorschläge setzt sie gleich wieder ein Fragezeichen: Dem Spielerischen, obwohl es „oft zum ersten Antrieb verhilft“, möchte sie „nicht das Wort reden“. Und die Privatsprache dürfte nicht „zu leichtfertiger Willkür, Beliebigkeit, Egalisierung“ verführen. 

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Ernst Jandl und Friederike Mayröcker

 

Viele ihrer Gedichte sind Ernst Jandl gewidmet, beide haben sie den Schuldienst quittiert und ganz der Dichtung gelebt. Auch viele Lesereisen haben sie zusammen gemacht. Jandl konnte aus kleinen Ideen Gedichte machen, die nicht nur witzig waren. Wenn er sie auf der Bühne sprach, war es ein eindringliches Erlebnis: 

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht velwechsern

werch ein illtum!

(in: Laut und Luise 1966)

 

Nachdem Ernst Jandl im Jahre 2000 verstarb, trat in ihren Texten sozusagen eine neue Epoche in Erscheinung. Auch das Sterben ihrer Mutter hat sie sehr beeinflusst. Mehr denn je ging es ums Weitermachen, ums Überleben.

an diesem Morgen

umspucken                                                                                                                 den kleinen Gebetsteppich                                                                                     umlallen umhalsen                                                                                                   als sei ich jetzt ihre Mutter, sie                                                                               mein Kind .. so, sagt sie, kehre                                                                               sich alles um, von ihrem                                                                                           Alter habe sie mehr erwartet, die Welt sei nun                                                    nicht mehr schön

indes der Februar sprieszt                                                                                     im Mimosengefieder

Im Laufe der Jahrzehnte hat man sie immer wieder zugeordnet zu  Strömungen wie dem Surrealismus oder Dadaismus. Ich denke, Carola Wiemers von Deutschlandradio Kultur hat es auf den Punkt gebracht:

„Seit Jahren schreibt Friederike Mayröcker, die Grande Dame der deutschsprachigen Literatur, an einem rastlosen Endlos-Text. An einer entfesselten Poetologie, deren Bewegungen ein Möbiusband in Erinnerung rufen: scheinbar orientierungslos, ohne räumliche und zeitliche Koordinaten, doch in jedem Augenblick die größtmögliche Vielfalt assoziierend.“

 

 Für Interessierte,  weiterführende Links:

 

Interview mit dem Mayröcker-Kenner Marcel Beyer.
Interview von 2012 mit Tobias Haberl von der SZ.
Jörg Drews: Laudatio zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Uni Bielefeld.
Mehrere gute Beiträge zu Friederike Mayröcker bei https://pagophila.wordpress.com/category/bucher/friederike-mayrocker/
Ein sehr schöner Beitrag bei                                                                                      http://www.andreastift.at/2014/12/18/radio-mayroecker/
Die Wienerin Dr. Christiane Zintzen ist eine Kennerin und schreibt unter www.zintzen.org
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Gesammelte Gedichte

Die Gedichte Frühling und an diesem Morgen sind aus Friederike Mayröcker, Gesammelte Gedichte, Hrsg. Marcel Beyer, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-41631-6