Bert Brecht: Frühe Tagebücher

Beeinflusst von einer gründlichen schulischen Überdosierung, nehme ich an, ist eine weiterführende Brecht-Lektüre bei mir lange auf Eis gelegen. Seine frühen Tagebücher, die ja erst in den Achtzigern öffentlich wurden, kamen mir beim Stöbern in der Stadtbibliothek in der hervorragend kommentierten Gesamtausgabe von 1994 in die Hände — und dies wurde jetzt doch ein größeres Leseprojekt als gedacht, denn wie wäre das Tagebuch zu verstehen, ohne seine Stücke Baal, Trommeln in der Nacht und  Im Dickicht der Städte zu kennen , mit denen sich der junge Brecht  nach dem ersten Weltkrieg herumschlug.

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Der junge Brecht in Augsburg

Die Eintragungen in Tagebüchern beginnen im Mai 1913, als Eugen Berthold Brecht als 15-Jähriger das Kgl. Bayerische Realgymnasium in Augsburg besuchte. Gleich in den allerersten Eintragungen ist zu lesen: Habe wieder Herzbeschwerden… Mein Herz ist sehr rebellisch. Ich hatte Angst. Eine schreckliche Angst. Der Junge leidet zeitlebens an einer Herzneurose,  ist in Kur mit seiner Mutter, die ebenfalls früh kränklich ist, in Bad Steben. Sein Vater, der sich hochgedient hat aus einfachen Verhältnissen zum Direktor einer Papierfabrik, erkrankt ebenfalls schwer. Dies alles hält der junge Eugen fest. Die Gedichte, die er einstreut, befasssen sich neben jahreszeitlichen Einträgen mit biblischen Themen, z.B. Judas Ischariot, Emaus, Gethsemane. Er arbeitet bereits an Dramenentwürfen und es gibt im Gedicht Arbeiter schon Hinweise auf eine sozialkritische Haltung und Sympathie mit den Proletariern; die Brechts wohnten  in Augsburg ja auch in einer Arbeitersiedlung der väterlichen Firma.   Brecht ist einer der Mitbegründer der Schülerzeitung Die Ernte und 1914 im Alter von 16 Jahren erscheint sein erstes Gedicht in den Augsburger Neueste Nachrichten, noch unter dem Pseudonym Berthold Eugen. Viel vaterländisch Gereimtes, viel Expressionismus noch. Die verfehlte Pädagogik dieser Zeit mit eindeutig deutsch- nationalem Einschlag zeigte seine Wirkung.

 

 Vorbilder: Die poetes maudits

 

Als der nächste große Abschnitt des Tagebuches einsetzt, Juni 1920,- der Krieg ist vorbei-, ist Brecht als Student der Medizin in München immatrikuliert. Er ist inzwischen Vater eines nach Wedekind benannten Sohnes Frank, den man im Allgäu versteckt aufwachsen lässt, um der Mutter Paula Banholzer die „Schande“ in Augsburg zu ersparen. Er hat das Stück Baal fertiggestellt und überarbeitet gerade Trommeln in der Nacht

Früh zeigt sich, dass Brecht nichts dem Zufall überlässt und nicht gewillt ist, für die Schublade zu schreiben. Nachdem er bereits in der Tageszeitung publiziert hat, fühlt er sich wie ein erwachsener Autor und mit entsprechender Arroganz betrachtet und beurteilt er seine Umwelt.

Wie mich dieses Deutschland langweilt! Es ist ein gutes mittleres Land, schön darin die blassen Farben und die Flächen, aber welche Einwohner! Ein verkommener Bauernstand, dessen Rohheit aber keine fabelhaften Unwesen gebiert, sondern eine stille Vertierung, ein verfetteter Mittelstand und eine matte Intellektuelle!  

Brecht liest Francois Villon, Rimbaud, Verlaine und er verehrt Frank Wedekind. Er will noch wilder dichten als diese. Er ist kein Bewohner des Elfenbeinturmes, in den letzten zwei Kriegsjahren trägt er seine Lyrik  buchstäblich auf die Straße. Mit Lampions zieht die Brecht-Clique zum Schrecken vieler Bürger um die Häuser, durch die Vorstadtkneipen mit Liedern und Balladen zur Klampfe. 

Er ist geheilt vom vaterländischen Taumel und Schwindel nachdem er in einem Lazarett als Sanitätssoldat Dienst getan hat und die Fronterlebnisse der Kameraden mit anhören musste. Er möchte nah an den Menschen sein, keinen Ideologien oder Theorien anhängen,  geht auf Volksfeste in Augsburg und München: Immer streune ich abends übern Plärrer, der einem seine Negermusiken mit Keulenschlägen eintreibt: Man bringt sie nachts nimmer aus den Hautfalten. Brecht scheint von seinem Genie voll überzeugt,  bespricht seine Entwürfe mit Lion Feuchtwanger, überhaupt versteht er es, seine Umgebung für sich dienstbar zu machen. Er war gut vernetzt, würde man heute sagen,  allerdings bleibt vieles im Entwurfstadium stecken und seine Sorge geht dahin, wie er mit dem Schreiben seine Existenz sichern kann. Er macht aus sich einen Typ mit Wiedererkennungswert, angefangen von seiner nachlässigen Kleidung,  in Lederjacke und Schiebermütze antibürgerliche Haltung ausdrückend, und er will auffallen, im Blickfeld bleiben. In der Dachkammer im elterlichen Haus, dem Kraal, dichtet und komponiert er mit seiner Clique Bänkellieder und Moritaten, die später teilweise in den Gedichtband Hauspostille aufgenommen werden. 

„Sie vermitteln den stärksten Eindruck, den unsereiner in der letzten Zeit in deutscher Lyrik gefunden hat. Es mag sich nun jeder seine Lieblingsstücke heraussuchen und auswendig lernen.“, schreibt Kurt Tucholsky zur frühen Brechtschen Lyrik.

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Bertolt Brecht (1898-1956)

1921 pendelt Brecht immer noch zwischen Augsburg und München, aber er belegt keine Vorlesungen mehr. Er ist in eine weitere Affäre verstrickt mit der Opernsängerin Marianne Zoff, die von ihm schwanger ist, er verspürt Verantwortung für seinen Sohn und dessen Mutter Paula Banholzer(genannt Bi), schreibt Filmdrehbücher, die aber abgelehnt werden, kommentiert Theateraufführungen in der Regionalpresse, um wenigstens ein paar Einnahmen zu erzielen. Sein Stück Baal, das er wieder und wieder umarbeitet, ist immer noch an keiner Bühne unterzubringen und bei all dem hat er auch noch einen Prozess wegen einer Beleidigungsklage am Hals. Und da ist auch der Vater, der die schriftstellerischen Ambitionen des Sohnes zunehmend misstrauisch betrachtet. Brecht wird oft beschrieben als kraftmeierischer Dandy und Angeber mit der aufdringlichen Neigung, andere zu schulmeistern, seine Tagebucheinträge relativieren dieses Bild allerdings: Ich bins müde. Die Affären verbrauchen mich, der Film deckt mich zu, die Feinde scharren mich ein. Was soll ich mit der schwangeren Frau? Und er hat nur noch die Tagträume: Ich muss mich angeilen zum Geldverdienen, sonst mag ich nicht. Die Tage sind grau, ich stehe nieder im Kurs…immerfort rechne ich in fabulösen Zahlen, „Brillantenfresser“ 10000, „Mysterium“ 5000, „Liebematch“ 5000, „Trommeln“ 50000, „Preisfilm“ 5000.
Wenn man Hunger hat, ist auch der Traum vom großen Geld  ein geeignetes Antriebsmoment für Dichter, das war schon immer so.

 

Schreiben ist Überleben 

 

Die Zeit von November 1921 bis April 1922 verbringt Brecht hauptsächlich in Berlin. Immerhin ist Trommeln in der Nacht inzwischen in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Eigentlich ist das Stück nicht fertig, er feilt immer weiter, er ist Perfektionist. Selbstzweifel und große Stimmungsschwankungen vertraut er dem Tagebuch an, schreibt er nicht, dann ist es nicht das wahre Leben:  Die Tage sind leer ausgespieene Pflaumenhäute. In Berlin richtet sich das Augenmerk Brechts auf die Großstadt. Er hat Upton Sinclair gelesen(The Jungle) und Kipling und in seiner hartnäckigen und gnadenlosen Menschenbeobachtung wird die Fremdheit zwischen den Menschen, die Orientierungslosigkeit und Einsamkeit im Dschungel der Großstadt zum Thema. Allerdings ist er im Gegensatz zu den Expressionisten mit Ethos und Pathos wesentlich haushälterischer.

Der blutjunge „Stückeschreiber“, wie er sich selbst nennt, erfährt bereits eine hohe Ehrung: Er erhält den Kleistpreis des Jahres 1922. Der Literaturkritiker und spätere Dramaturg Herbert Ihering schreibt: Der vierundzwanzigjährige Dichter Bert Brecht hat über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands verändert. Mit Bert Brecht ist ein neuer Ton, eine neue Melodie, eine neue Vision in der Zeit.  Es war für mich eine Entdeckung, wie souverän Bert Brecht über die Gattung Lyrik verfügte schon bei Beginn seines Schaffens. Auch wenn das Lesen keine Aufführung ersetzt: ich war auch begeistert von der Kraft und Experimentierlust seiner Stücke Baal und Trommeln in der Nacht, der Aufsässigkeit, der unerschrockenen, frechen Ausdrucksweise, mit der er die bürgerliche Welt herausfordert, vielleicht auch die Abwesenheit von Ideologie und Theorie. Dass er durchaus auch hie und da auf einen hilfreichen Skandal geschielt hat, manchmal etwas viel Testosteron im Spiel war, ist mir dabei egal. Auch dass er posthum noch mit Häme bedacht wurde als Staatsdichter der DDR und man ihn insbesondere nach dem Scheitern des realen Sozialismus vielfach totsagte,  kann meine Bewunderung für ihn nicht berühren. Seine Stücke werden nach wie vor gespielt und insbesondere seine Lyrik erfährt immer von Neuem eine Aufwertung. Brechts  Kalendergeschichten übrigens gehören heute noch zu den beliebtesten Büchern der Deutschen.

»Schreiben Sie, daß ich unbequem war und es auch nach meinem Tod zu bleiben gedenke. Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten.«

Brecht Geburtshaus und Museum, Augsburg
Brecht Geburtshaus und Museum, Augsburg

Aus der Hauspostille(veröffentlicht 1927) ein Gedicht, geschrieben 1921 im Zug nach Berlin:

 

Erinnerung an die Marie A.

1

An jenem Tag im blauen Mond September

Still unter einem jungen Pflaumenbaum

Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe

In meinem Arm wie einen holden Traum

Und über uns im schönen Sommerhimmel

War eine Wolke, die ich lange sah

Sie war sehr weiß und ungeheuer oben

Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

 

2

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde

Geschwommen still hinunter und vorbei

Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen

Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?

So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.

Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst

Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer

Ich weiß nur mehr: Ich küßte es dereinst.

 

3

Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen

Wenn nicht die Wolke dagewesen wär

Die weiß ich noch und werd ich immer wissen

Sie war sehr weiß und kam von oben her.

Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer

Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind

Doch jene Wolke blühte nur Minuten

Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

 

Tagebuchzitate und Gedicht aus:Bertolt Brecht, Werke, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Suhrkamp Verlag,

Bilder: Suhrkamp Verlag; Stadt Augsburg

Lesenswert:

http://brechtfestival-blog.de/?p=194(Zur Flüchtlingsproblematik)

https://mkammerspiele.wordpress.com/2015/05/20/bertolt-brecht-und-die-munchner-kammerspiele/

http://www.basisfilm.de/HJB/hundepdf/HJB-FB.pdf(Hundert Jahre Bertolt Brecht)

 

Honore de Balzac: Vater Goriot

 Literatur des Realismus

 Nachdem es Honore de Balzac mit Verlorene Illusionen letztes Jahr sogar in einer Neuübersetzung von Melanie Walz noch einmal in die SWR Bestenliste geschafft hat und  damit seine Aktualität bewies, habe ich jetzt  in meinem ungelesenen Bestand  auch wieder zu diesem Klassiker gegriffen und den Roman Vater Goriot ausgewählt. Balzac, dieser unermüdliche Schriftsteller, der mit der Comedie Humaine ein vielfältiges und umfangreiches Werk hinterlassen hat, das immer noch im Kanon der Französischen Literatur weit oben steht und zur Weltliteratur zählt, hat diesen Roman in weniger als sechs Wochen vollendet; er erschien erstmals 1834/35  als Fortsetzungsgeschichte in der Revue de Paris, der gleichen Zeitung, in der zwanzig Jahre später auch Madame Bovary erschien.

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Honore de Balzac, Archiv: Diogenes Verlag

 Honore de Balzac wurde 1799 als Sohn eines Rechtsanwaltes in Tours geboren, wurde früh an eine Amme abgegeben und erhielt Unterricht in einer Klosterschule. Er studierte in Paris Jura, weigerte sich aber, eine Stelle als Notar anzutreten. Zuerst schrieb er unter den verschiedensten Pseudonymen bis 1825 Unterhaltungsromane, um zu etwas Geld zu kommen. Er war schon früh auf eine Gelegenheit aus, eine reiche Geliebte zu heiraten. Legendär waren seine Verschwendungs- und Prunksucht, es häuften sich riesige Schuldenberge an. Obwohl er seit 1892 großen literarischen Erfolg hatte, fieberhaft schrieb und viele treue Leser hatte, war er bis zuletzt  in Geldnöte verstrickt. Kurz vor seinem Tod 1850 heiratete er noch die Gräfin Evelina Hanska, als er schon schwer krank war.

Der Hauptschauplatz der Geschichte von Vater Goriot ist eine schäbige Pension im Paris des Jahres 1819. Hier hausen verarmte, teils zwielichtige Mieter und Kostgänger unter der Obhut von Madame Vauquer. Wie in einem Drehbuch mit peniblen Regieanweisungen  schildert Balzac, detailverliebt, vom Fußboden mit seinen Dellen und Löchern bis hin zu den verblichenen künstlichen Blumen auf dem Kamin die Bühne für das Spektakel, das sich abspielen wird.

Kein Stadtteil von Paris ist hässlicher, keiner weniger bekannt. Besonders die Rue Neuve-Sainte-Genevieve wirkt wie ein eiserner Rahmen, der diese Geschichte zusammenhält. Eine Geschichte, auf die man den Geist gar nicht genug mit schmutzigen Farben und düsteren Gedanken vorbereiten kann; es ist wie mit dem Tageslicht, das von Stufe zu Stufe abnimmt, während man der widerhallenden Stimme des Führers immer tiefer in die Katakomben hinabfolgt. Der Vergleich stimmt nur zu sehr! Welcher Anblick ist grausamer: vertrocknete Herzen oder hohle Totenschädel?

Balzac hat sich also hinab begeben zur Unterschicht der Stadt Paris. Obwohl im Laufe der Handlung auch vornehmere Viertel ins Blickfeld rücken, hier keimen die Hoffnungen, auf Reichtum vornehmlich, hier hat der Schriftsteller den Raum, sich von der Romantik zu lösen und Lebenswirklichkeit zu zeigen.  In einem Handlungsstrang träumt der mittellose, vom Lande kommende Jurastudent Eugene de Rastignac vom gesellschaftlichen Aufstieg und unternimmt auch gleich die ersten Schritte zu diesem Ziel, indem er erfolgreich  Bettelbriefe an Mutter und Schwester schreibt.

Auf einer zweiten Handlungsebene wird der titelgebende Vater Goriot vorgestellt, ein ehemaliger Nudelfabrikant, der es während der Revolution zu Reichtum und Ansehen gebracht hatte und aus blinder, ja zwanghafter Zuneigung zu seinen Töchtern, die beide in die vornehme Gesellschaft eingeheiratet haben, nach und nach fast sein ganzes Vermögen für sie aufgebraucht hat. Zu diesen zwei Hauptpersonen gesellt sich noch Vautrin, der sich zunächst als einstiger Kaufmann ausgibt und später als Verbrecher verhaftet wird. Seine Funktion entspricht der Mephistos, mit dem man besser keinen Pakt eingeht. Es herrscht Unsicherheit über manchen Personen, über Herkunft und Lebensgeschichte. Das gibt natürlich Stoff für Gerüchte oder Klatsch. Und für den Leser eröffnen sich spannende „Enthüllungen“. Diese schrittweise bis zur vollständigen Aufklärung verfolgte Sichtbarmachung und Erhellung der Charaktere hat etwas von der Methodik eines Kriminalromans und ist als Fortsetzungsgeschichte mit Schnitten an der richtigen Stelle noch zusätzlich mit Spannung geladen. Während man schon denkt, Vater Goriot sei moralisch als Einziger ohne Tadel, erfahren wir, dass sein Aufstieg als Unternehmer während der Hungersnot zur Zeit der Revolution kaltschnäuzig durchgezogenen Getreidespekulationen zu verdanken war.

Das Leben dieser Menschen war im Kleinen das Abbild der menschlichen Gesellschaft im Großenschreibt der Autor.

Die Beschreibung der Atmosphäre in der Pension Vauquer samt dem Personal empfand ich beim Lesen als ein Meisterstück an Beobachtungs-und Darstellungsgabe. Vautrin will Rastignac, natürlich nicht ohne Eigennutz, den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen: Mademoiselle Victorine Taillefer, Mieterin im besseren Teil der Pension, ist verliebt in  den jungen Studenten. Nach dem verbrecherischen Plan Vautrins solle der Bruder von Victorine „beseitigt“ werden, damit diese in den Besitz des väterlichen Vermögens gelangen könne. Rastignac allerdings hat Skrupel und versucht sein Glück zunächst bei den Töchtern von Vater Goriot, Anastasie, jetzt Gräfin de Restaud, und Delphine, jetzt Baronin und Frau des Großbankiers Nucingen. Letztere erhört ihn schließlich und Eugene de Rastignac bekommt ausreichend Gelegenheit hinter die glänzende Fassade des angeblich so vornehmen Salonlebens zu blicken. Desillusioniert muss er mit seinem Freund, dem jungen Arzt Bianchon mitverfolgen, wie die raffsüchtigen und egoistischen Töchter ihrem Vater Goriot, der inzwischen schon im armseligsten Winkel der Pension unterm Dach haust,  buchstäblich das letzte Hemd ausziehen. Am Ende stirbt er einsam wie ein Hund.

Schreiben und Suggestion

Immer wieder liest man, dass realistische Schriftsteller Distanz zu Geschehen und Personal herstellen, das gegenteilige Gefühl hatte ich zumindest bei diesem Roman gerade durch die vielen Kommentare, die Balzac zum Geschehen beisteuert. Und eine Darstellungsweise, die man heutzutage als politisch unkorrekt bezeichnen würde, aber auch heute noch viele praktizieren, ist ebenfalls allgegenwärtig: mit der materiellen Schilderung der Personen wird gleich eine moralische Charakterisierung suggeriert, wenn er z.B. die Pensionsinhaberin Madame Vauquer beschreibt:

Bald darauf erscheint die Witwe, angetan mit einer Tüllhaube, aus der ein schlecht aufgesteckter falscher Haarzopf hängt, in ausgetretenen Pantoffeln, die über den Boden schlurfen. Ihr ältliches, dickliches Gesicht, aus dem die Nase wie ein Papageienschnabel hervorsticht, ihre kleinen, fleischigen Hände, ihre Figur, feist wie eine Kirchenratte, ihr zu volles, wabbelndes Mieder, all das stimmt überein mit diesem Raum, aus dessen Wänden das Unglück sickert, in dem die Spekulation kauert und dessen stinkig laue Luft sie atmet ohne sich zu ekeln.

Die machtvolle Triebkraft allen Handelns ist das Geld und damit das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung. Sicher kann man hier Bezüge zur Gegenwart herstellen, zur Lust-und Leistungsgesellschaft unserer Tage, wenn wir die französische Salonkultur mal vergessen. Insbesondere den jungen Rastignac habe ich als moderne Figur gesehen. Der unbedarfte, naive junge Mann vom Land kommt in die Stadt und soll erstmals eigenverantwortlich mit dem Leben konfrontiert werden. Er wird ausgewildert , um die Kriterien und moralischen Wertungen zu lernen, um ihn „verkehrsfähig“ zu machen. Und an jeder Ecke stehen die Beeinflusser und vermeintlichen Ratgeber. Haben wir nicht noch die Berichte über die Plagiatsdoktoren im Kopf? Berechnung ist in den zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Roman ein vorherrschenden Merkmal. Also, das ist für mich ein Hauptkriterium für einen Klassiker: dass zeitlose Themen präsentiert werden.  Dieses Salonleben allerdings der sogenannten vornehmen Gesellschaft von Paris mit den vielen förmlichen Dialogen war mir beim Lesen doch zu sehr überlebte Vergangenheit, um das in seiner Breite im Roman als interessant oder gar spannend zu finden.

Es gibt Passagen, die sind schwülstig,  übertrieben melodramatisch und beinahe peinlich für heutiges Verständnis: ein Beispiel:

Wenn die Pariserinnen falsch sind, eitel, selbstsüchtig, kokett und kühl, so opfern sie doch, wenn sie wirklich lieben, ihrer Leidenschaft mehr als andere Frauen. All ihre Charakterschwächen wandeln sich im Feuer der Liebe und werden erhaben. 

Aber Balzac schafft eine reiche Welt , vielfarbige Persönlichkeiten, ausdruckstarke Milieuschilderungen und spannende Abläufe. Es wäre unseriös, diesen einen Roman für das Gesamtwerk zu nehmen, er schrieb oft unter großem Zeitdruck, war in seinem privaten Leben häufig einem regelrechten Ansturm der Gläubiger ausgesetzt, da kann es nicht ausbleiben, dass es in Texten zu einem Qualitätsabfall oder zu Ungereimtheiten kommt. Ich hatte auch wie schon lange nicht mehr bei einem Erzähler beim Lesen die konkrete Vorstellung von einem auktorialen Erzähler: auch wenn er die Realität des Dargestellten eindringlich mehrfach betont: Balzac ist es, der die Fäden in der Hand hat, er bringt die Figuren zum Tanzen und auch in tiefe Not.

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Originalmanuskript mit
persönlichen Haben und Schulden-Tabellen
Quelle:balzac.pagesperso-orange.fr

Und am Ende hat er in seinem gesamten Werk über 2000 Personen „erschaffen“.

Der Autor wendet sich an den Leser: Nachdem ihr die geheimen Leiden von Vater Goriot gelesen haben werdet, werdet ihr gut zu Mittag essen, eure Gleichgültigkeit werdet ihr dem Verfasser zur Last legen und ihm Übertreibung und Schönfärberei vorwerfen. Doch ihr sollt wissen: Das Erzählte ist weder Roman noch Erfindung. Alles ist Wahrheit, so wahr, dass jeder die gleichen Regungen in seinem eigenen Herzen wiederzufinden vermag. 

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Cover Vater Goriot, Diogenes Verlag

 

Vater Goriot, Roman, detebe 23993, 308 Seiten, Übersetzung Rosa Schapire,  Erschienen 2009, ISBN 978-3-257-23993-5, 9.90 €,

Bei weiterem Interesse:

Einen hervorragend recherchierten Beitrag findet ihr beim Literaturblog Leopoldsleselampe.

Interessante Seite über die Comedie Humaine(französisch).

 

 

 

John Cheever: Short Stories

Literatur der Vorstädte

Literatur und Schreiben-John Cheever
John Cheever 1912-1982

John Cheever: Man nennt ihn den Chronisten der Vorstädte, manche vergleichen ihn mit Tschechow oder Faulkner. Fest steht für mich: er ist einer der ganz Großen der amerikanischen Literatur. In den letzten Jahren hat er in Deutschland durch die vielgelobten, im DuMont Verlag erschienenen Neuübersetzungen von Thomas Gunkel eine Art Revival erlebt. Der 1912 in Massachusetts geborene Autor hat die meisten seiner Short Stories im Magazin The New Yorker veröffentlicht, später auch noch in anderen Zeitschriften, beispielsweise im Playboy. Mit seinen beiden skurrilen und temporeichen Familienchroniken Die Wapshots (1957) und Der Wapshot Skandal (1964) wurde er einem internationen Publikum bekannt und 1958 mit dem National Book Award ausgezeichnet. Zuletzt gab es 1977  für seinen Gefängnis-Roman Falconer viel positive Kritik. Ein Jahr darauf gewann er dann alles, er erhielt  für seine Sammlung The Stories of John Cheever den Pulitzer Prize, den American Book Award und den National Book Critics Circle Award. 1982 starb John Cheever.

Ich habe zum Wiederlesen meine zwei Rowohlt Taschenbücher in der alten Übersetzung herangezogen. (Auch eine Art von Nachhaltigkeit). Sie beinhalten Stories von 1947 bis 1978, darunter die bekanntesten und besten Geschichten aus den preisgekrönten Stories of John Cheever. 

Literatur und Schreiben - John Cheever
2 Bände Erzählungen

Beginnend in den 1950er Jahren gab es eine Entwicklung in den USA, dass Schwarze aus dem Süden massenhaft in die nördlicheren Großstädte abwanderten, worauf später wiederum Reiche und Mittelklasse-Familien diese verließen, um der Zunahme der Kriminalität, Verschmutzung und eingeschränkten Lebensqualität durch Vermassung zu entgehen. (The White Flight). In ihren fein säuberlich aufgereihten Häusern gaben diese weißen Familien äußerlich ein vorbildliches Bild ab an Anpassung und Konformität.  Von Individualität und eigener Lebensgestaltung oder persönlichem Unterscheidungwillen war wenig zu sehen und zu spüren. 

Literatur und Schreiben-Suburb
Suburb in den 1960ern

Das ist der Erlebnisraum, in dem die meisten von Cheevers Geschichten ihren Lauf nehmen. Die Schauplätze heißen Shady Hill, Bullet Park oder Westchester und die Menschen scheinen für das amerikanische Glück ausersehen. Hinter Spanischem Flieder und Zierahorn,  irgendwo zwischen Manhattan und Long Island, in einem jungen, blühenden  Land , sieht alles nach perfekter Harmonie und Idylle aus. 

Literatur und Schreiben - Vorstadt
Vorstadt intern

John Cheever, der selbst mit seiner Familie in einem dieser Vororte gelebt hat, weiß Bescheid. Wie beiläufig und mit viel feiner Ironie begibt er sich in den Schatten der aufgeräumten Häuser mit ihren Swimming Pools –  und schon bröckeln die romantischen Fassaden , ja manchmal stürzen sie unvermittelt ein. Mit spärlichen hingeworfenen Sätzen charakterisiert der Autor seine Personen. Mrs. Pastern, sie war eine blasse Frau. Ob sie nun auf ihrer Terrasse oder in ihrem Wohnzimmer saß, sie meißelte an ihrem Selbstbewusstsein wie an einem Stein.  

Sie sammelt für die Leberkranken, alle Frauen haben ehrenamtliche Tätigkeiten. Die Mühe, von Haus zu Haus zu gehen, nahm Mrs. Pastern mit der gedankenlosen Ergebenheit eines ehrlichen und der Tradition verhafteten Arbeitstieres auf sich. Es war ihr Schicksal; es war ihr Leben. Nein, unabhängige selbstbewusste Frauen, gar gleichberechtigte,  finden sich in den Geschichten nicht. Strebsame und Angesehene schon. (Manch älterer Leser wird sich an seine Mutter erinnern in den Fünfziger, Sechziger Jahren.) Und die Männer sind voller Angst vor Statusverlust, neurotisch und zwanghaft um ihr Ansehen bemüht.    

Als Mrs. Pastern schließlich alle Familien ihrer Nachbarschaft bis auf zwei abgeklappert und hie und da ein Glas Sherry getrunken hat, bilanziert sie: Die Beiträge waren höher als im Jahr davor, und wenn ihr das Geld auch nicht gehörte, so erregte es sie doch, ihre Mappe mit hohen Schecks vollzustopfen. Während sie das Essen macht, soll ihr Mann die restlichen zwei Familien besuchen. Die Nachbarin Mrs. Flannagan ist allein, ihr Mann verreist, sie trinken Whisky, sie suchen ihr Scheckbuch im Schlafzimmer, was folgt,  wird so beschrieben: So etwas habe ich noch nie getan, sagte sie später , als er sich zum Aufbruch fertigmachte. Wieder zuhause lügt Charlie Pastern: „Ich habe mit den Flannagans noch ein bißchen was getrunken. Ihr  Mann ist überraschend nach Hause gekommen.“ Es wird ihm klar, wie fremd sie sich geworden sind, er schiebt es auf die Frau und hat keine Schuldgefühle,  sich weiter mit Mrs. Flannagan zu treffen. Eines Tages lässt sie ihn vergeblich warten.  In einem Restaurant zwischen eins und zwei versetzt worden zu sein hat nichts Besonderes – es ist ein geistiges Niemandsland, dessen verdorrte Bäume, Schützengräben und Rattenlöcher uns allen, die wir immer wieder von der Leichtgläubigkeit unseres eigenen Herzens entwaffnet werden, vertraut sind. Am Telefon erklärt sie Charlie, dass sie es mit dem Gewissen nicht mehr vereinbaren könne, sich weiter mit ihm zu treffen. Nach der Vorlage: „Ich bin eine gute Mutter“ oder „Ich bin eine geduldige Ehefrau“. Der Schluss der Geschichte – der Ehebruch fliegt auf –  ist wie der Schluss vieler anderer Stories von Cheever melancholisch und vielschichtig, keiner kommt ohne Gesichtsverlust davon, oft sind es die Dienstleistenden, das Fußvolk gewissermaßen, Kellner, Putzfrauen,Barkeeper, einfache Mitreisende, die den Schleier lüften, sie sind die eigentlichen Wissenden, die Aufgeklärten.

Nicht immer liegen die Motive der handelnden Personen so klar auf der Hand. In seiner wohl bekanntesten Erzählung, die 1968 auch verfilmt wurde, Der Schwimmer,  führt Cheever uns, von einem realistischen Geschehen ausgehend,  in eine atemlose, surreale Szenerie. Es war einer jener Tage im Hochsommer, an denen alle Leute herumsitzen und sagen: „Ich hab gestern abend zuviel getrunken.“ Man saß am Rande des Westerhazyschen Schwimmbassins. Neddy Merrill saß neben dem grünen Wasser und ließ eine Hand hineinhängen…  Die Sonne, sein tiefes Glücksgefühl, alles schien in seinen Brustkasten einzuströmen…Sein eigenes Haus lag in Bullet Park, acht Meilen weiter südlich, und seine vier hübschen Töchter hatten dort wahrscheinlich schon zu Mittag gegessen und spielten Tennis. Da fiel ihm ein, dass er einen Bogen nach Südwesten schlagen und so sein Haus auf dem Wasserwege erreichen könne. 

Er schwimmt von Schwimmbassin zu Schwimmbassin durch den ganzen Bezirk nach Hause. Er fühlt sich als Held. Die neue Route, die er sich für den Heimweg ausgedacht hatte, gab ihm die Gewissheit, ein Pilger, ein Forscher, ja, ein Mann mit einem Schicksal zu sein, und er wusste, dass er überall am Wege Freunde finden würde. Neddy befindet sich in einer anderen Welt, die Menschen sprechen ihn auf bedrohliche Ereignisse aus seinem Leben an, von denen er nichts weiß. Er überquert Zäune und Autobahnen, es ist wahnwitzig.  Hatte er das Gedächtnis verloren, sollte ihm etwa entfallen sein – dank seiner Gewohnheit, schmerzliche Tatsachen einfach zu verdrängen – , dass er sein Haus verkauft hatte, dass seine Kinder Not litten und sein Freund krank gewesen war? Die Beschreibung des Endes dieser selbstauferlegten Odyssee Neddy Merrills durch sein Leben ist ein schriftstellerisches Meisterstück. Cheever kommt ohne theoretische oder moralische Fingerzeige aus, alles entwickelt sich aus Dialog und Handlung und den erzeugten Stimmungslagen.

Manchmal scheint es, als seien die beschriebenen Bewohner vom Schicksal regelrecht in die Falle gelockt worden. In der Story Der Ozean hat die Frau des Ich-Erzählers Feuerzeugbenzin in die Salatsauce gemischt. Außerdem ist ihm gerade gekündigt worden. Er hat das Gefühl sich in Gefahr zu befinden. Sie werden sich mit Recht fragen, was ich an einem Wochentag vormittags in Bullet Park tue. Die einzigen anderen Männer in der Umgebung sind drei Geistliche, zwei Invaliden und ein alter Kauz in der Turner Street , der nicht ganz richtig im Oberstübchen ist…Was bin ich? Was tue ich?

Man muss die Eleganz und Pointiertheit einfach genießen, mit der Cheever die Bühne bereitet, ja heraufbeschwört. Flannellhosen und Gabardinemäntel sind nicht mehr en vogue, die Welt sieht heute anders aus, aber noch immer sind es dieselben  Abweichungen,  welche Menschenleben aus den Fugen geraten lassen, dasselbe Verlangen nach Geld, Ansehen  und Macht, welches die  Ängste nährt. Die Ironie ist Stilmittel, um eine gewisse Distanz zu schaffen, stellt den Erzähler aber nicht moralisch höher, es ist kein Zynismus. Es wimmelt von Berufs- und Ehekrisen, es wird eine Menge Alkohol getrunken  in den Erzählungen, Verdrängung und Wirklichkeitsflucht bei den Handelnden evozieren ein Bild von Ohnmacht, das beim Leser Mitgefühl auslöst, eine Haltung, die  der Erzähler nicht immer einzunehmen scheint. Details sind genau plaziert und haben suggestive Wirkung: Das Schlimmste war die Kälte, die ihm in den Knochen saß, und das Gefühl, nie wieder warm zu werden. Um ihn herum fielen die Blätter, und der Wind trug den Geruch brennenden Holzes zu ihm herüber. Wer in aller Welt verbrannte um diese Jahreszeit Holz? 

Für die Menschen scheint es das Dasein nur als unabänderliches amerikanisches Ritual zu geben, ähnlich wie in Sherwood Andersons Winesburg oder Faulkners Südstaatenwelt wirkt das Leben der Menschen bei Cheever oft überfrachtet, das pflichtgemäße Gutmenschentum, die Ämter in der Kirchengemeinde, sie sind überfordert, was natürlich keiner zugeben würde, und sie sind häufig nur Reagierende, und nie geht es schnell genug, reich zu werden. Wenn am Sonntag schönes Wetter war, gingen sie unter den begüterten Menschenmassen auf der oberen Fifth Avenue spazieren. Dann hatte Ralph das Gefühl, es sei nur noch eine Frage von einem Monat, höchstens von einem Jahr, bis er den Schlüssel zum längst verdienten Wohlstand in der Hand hielt. Sie gingen spazieren, bis es Abend wurde, gingen dann nach Hause, machten zum Essen eine Dose Bohnen auf und aßen als gesunden Ausgleich einen Apfel zu Nachtisch.(Der Topf voll Gold).

Danke, John Cheever, das war ein starkes Wiederlese-Erlebnis. Hier kann ich uneingeschränkt sagen: Unbedingt lesen!!

Der Schwimmer, DuMont Buchverlag Köln 2009, 352 Seiten, ISBN 978-3-8321-8031-7, Übersetzung Thomas Gunkel 

Claudio vom Literaturblog Sätze und Schätze hat kürzlich eine lesenswerte Rezension geschrieben zu Cheevers Roman Ach, dieses Paradies

1994 sind seine Tagebücher auf deutsch erschienen. Ich habe sie noch nicht gelesen, aber offenbar enthüllt er darin eine vielschichtige und hypersensible Persönlichkeit samt Depressionen, Alkohoholsucht, Bisexualität und Selbsthass. siehe dazu auch: Schreiben mit Promille