Antonio Lobo Antunes: Die Vögel kommen zurück

Ausgabe 1989 Hanser Verlag

Bei der Lektüre dieses Romans hat er mich wirklich erfasst: der vielbeschworene, heutzutage in jedem zweiten Klappentext angekündigte Sog, der den Leser bis zum letzten Satz nicht mehr loslässt.

Antonio Lobo Antunes, 1942 in Lissabon geboren, Arzt und Leiter eines psychiatrischen Krankenhauses, hat diesen Roman 1981 veröffentlicht (deutsch 1983). Es war sein dritter auf Deutsch erschienener Roman. Er galt vor allem in den 1990er Jahren als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis. Sein Landsmann Jose Saramago erhielt ihn 1998.

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Es ist die Erzählung des 33jährigen Rui S., der kein Interesse an der florierenden väterlichen Firma hat und stattdessen Philologie und Geschichte studierte. Wir befinden uns in der Zeit nach dem Sturz des Diktators Salazar. Die Reformwilligkeit von Politik und Bürgern hält sich in Grenzen, einflussreiche Familien sind im Besitz der großen Ländereien. Es gibt zwar keine Geheimpolizei mehr, aber die Oppositionellen von damals sind auch jetzt noch suspekt.. Eine immer noch traumatisierte Gesellschaft, die aus fast fünfzigjähriger Unterdrückung, politischer Verfolgung und Folter, aus unrühmlichem Kolonialkrieg und Rückständigkeit hervorging. Nach erster Euphorie ist die Stimmung im Lande mau. Rui S. schreibt Essays. „miserable ellenlange Essays, die niemand liest“, überhaupt steht es nicht gut um Kunst und Wissenschaft, wie eine Kusine Ruis am Krankenbett der Mutter bemerkt:

Die Leute mögen Geschichte nicht mehr und auch keine Dichtung. Sie mögen keine Romane ohne Skandale, ohne Schimpfwörter, ohne Sex: je schweinischer, desto besser.

Rui, der in der ganzen Familie nur auf Unverständnis stößt, besonders bei seinem Vater,  hat seinen Doktor gemacht und lehrt an der Universität, doch überall fühlt er sich fehl am Platz, er kommt nicht zur Ruhe, er sieht sich als Versager und Außenseiter: das ist die Rolle, die er einnimmt. Der Vater spottet über seine Berufswahl, der Vater, der moralisch wegweisend sein will, dabei aber eine Geliebte unterhält und in korrupte Machenschaften verwickelt ist. Nur eine seiner drei Schwestern, die eine Leidenschaft für Musik hat,  ist eine Seelenverwandte und kann ihn verstehen. Ein einziges positives Erlebnis,  das er als Kind mit seinem Vater hatte,  trägt er als Erinnerung mit sich, ein Geschehen, das im Text vielfach wieder auftaucht:

Als ich klein war und wir eines Nachmittags auf dem Gutshof waren, flog ein Vogelschwarm von der Kastanie am Brunnen auf den in der herabfallenden Nacht bläulich schimmernden Wald zu. Das Geräusch der Flügel hörte sich an wie vom Wind bewegte Blätter, zahllose, winzige, feine Blätter eines Wörterbuchs, ich ging an deiner Hand und bat dich plötzlich Erklär mir die Vögel. Einfach so, ganz unvermittelt, Erklär mir die Vögel, eine etwas peinliche Bitte für einen Geschäftsmann. Aber du hast gelächelt und sagtest, dass ihre Knochen aus dem Schaum vom Strand gemacht seien, dass sie sich von den Krümeln des Windes ernährten und dass sie, wenn sie sterben, auf dem Rücken in der Luft schwebten, mit geschlossenen Augen wie die alten Frauen beim Abendmahl.

Als Tucha, Tochter aus einer Adelsfamilie und Ruis erste Ehefrau, sich von ihm trennt, wendet er sich verunsichert Marilia zu, einer aktiven Kommunistin und Semiotik-Lehrerin, die unter Salazar im Gefängnis saß. Sie wird seine zweite Frau. Er hatte von emotionaler und geistiger Nähe und Vereinigung geträumt, aber auch diese Verbindung, welche als skandalös von der ganzen Familie abgelehnt wird, bringt keine Beruhigung, Auch Marilia wird in ihren Kreisen angefeindet ob dieser Liäson mit einem bürgerlichen Professor, er selbst kann das Gedankengut Marilias nur mühsam tolerieren.„Du bist doch nur ein bürgerlicher Sentimentalist, ein unausstehlicher Konservativer, ich werde mich in der Partei beschweren“, lässt ihn Marilia einmal wissen. Doch er hat noch einen Plan: mit Marilia nach Tomar zu einem Kongress, die Fahrt will er nutzen, um ihr die Trennung mitzuteilen. Er will einen Schlusstrich, es sieht so aus, als würde er aktiv die Verhältnisse zum Besseren ändern wollen, das Heft des Handelns an sich reißen.

Ich habe Freitag, Samstag, Sonntag, um mir Mut zu machen im unbekannten Zimmer eines Gasthofs, wo ich die Flussmündung sehe, wo ich sehe, wie das Wasser langsam ins Meer fließt.

Der Roman entwickelt sich über den Zeitraum von 4 Tagen von Donnerstag bis Sonntag und ist in eben diese 4 Kapitel unterteilt. Wir haben parallele Handlungsstränge, einmal der Bericht über Rui, der sich mit Marilia in einem Gasthof auf dem Land einmietet, wo diese ihm mit der Trennungsabsicht zuvorkommt, und jetzt auf einmal Rui überraschend doch noch umschwenkt und die Ehe doch noch retten will. Und dann, auf einer weiteren Ebene, sind an zahllosen Stellen im Text Kommentare, Meinungen, Anklagen, Schmähungen zu Rui und seiner Persönlichkeit wie auch zu seinen beiden Ehefrauen eingeflochten, geäußert von den Eltern oder Geschwistern, oder anderen Bekannten, oder von den Frauen selbst.

Einerseits könnten diese zusätzlichen „Mitteilungen“ das Persönlichkeitsbild Ruis erhellen und vervollständigen, andererseits kommt beim Leser schnell der Verdacht auf, dass zumindest ein Teil davon Wachträumen oder gar Halluzinationen des Protagonisten entspringt: Er fühlt sich als Opfer, er malt sich in der Phantasie aus, was die Umwelt über ihn denkt und spricht. Und dieser unheilvolle Reigen, der ihn immer enger umgibt, macht ihn von Seite zu Seite einsamer, zeigt sein Ausgeliefertsein. Und eine weitere Wirkung auf den Leser hat diese Stimmenvielfalt: der Erzähler Antunes scheint gar nicht mehr anwesend zu sein.

Die Traurigkeit, die über den Personen liegt, erfasst auch den Lesenden. Ähnlich wie bei Fernando Pessoa, Antunes‘ großem Dichter- Landsmann, der in Das Buch der Unruhe erklärt: „Ich mache Landschaften aus dem, was ich fühle“ wird die Traurigkeit eingebettet in eine Landschaft aus feiner Ironie. Und wer sich soviel der Erinnerung hingibt, wie Rui, der bringt sich nicht um, wie es im Buch bereits am Anfang und später immer wieder angekündigt wird. Auch wenn die Handlung auf den ersten Blick etwas banal und dünn erscheint mit dem handlungsunfähigen Rui, der keinen Platz findet, der nicht imstande ist, eine Identität zu entwickeln, Antunes macht durch seine eindringliche, poetische, oftmals überraschende Bildsprache ein großes Gemälde daraus. Mit dem modern anmutenden Thema von Liebe und Zuneigung in einer Zeit, in der zunehmend jeder seinen eigenen und den Marktwert des anderen taxiert. Und dass es in Portugal noch viel Mut erfordert, aus der Familientradition und dem Familienselbstverständnis auszubrechen, ist eine Tatsache, die bedacht werden sollte.

Die Erklärung der Vögel oder was er dafür hält, dieses eine herausragende Erlebnis hat Rui nicht vor dem Scheitern bewahrt, aber dafür gesorgt, dass er das Andenken an diesen einen Lichtpunkt im Leben wachhält und sich noch etwas Vergleichbares erhofft.

Und wenn viele Vögel zurückkommen als kreischende unheilvolle Erinnerung, so kann diese eine Rui den Impuls vermitteln, in seinem ganzen Selbstmitleid und der ganzen Selbstanklage zu verstehen, was Marilia am Schluss zu ihm sagt: „Auch wenn es dir schwerfällt, du bist nicht der Mittelpunkt der Welt, und du bist alt genug, um dich davon zu überzeugen. Du bist ein Mensch wie jeder andere, mein Kleiner, genauso wichtig wie alle anderen.“

Erklär mir die Vögel bedeutet im Klartext: Erklär mir das Leben. Die Welt ist eng und engstirnig: wir müssen auffliegen.

Heute ist die Hardcover-Ausgabe nicht mehr lieferbar, allenfalls antiquarisch. Die neueren Bücher von Antunes erscheinen im Luchterhand-Verlag.

Antunes Literaturblog

Als Taschenbuch bei btb:

Antonio Lobo Antunes

Die Vögel kommen zurück

ISBN:

978-3-442-73387-3

€ 8,50 [D] | € 8,80 [A] | CHF 11,90

 

Neidgesellschaft

Neiden

 

der Zukunft das Morgen

dem Kalender die Tage

dem Schurken das Rauben

dem Denker die Frage

dem Kollegen das Gehalt

dem Optimisten den Glauben

dem Priester den Segen

dem Dichter das Wort

dem Hemd den Zipfel

dem Hund die Wurst

dem Chef die Frau

dem Ofen die Hitze

dem Bauer die Sau

dem Sportler den Sieg

dem Acker die Kartoffel

dem Boxer den Hieb

dem Hals die Wende

dem Dadaisten das Da

dem König das K

 

dem Gedicht das ENDE

 

 

 

 

 

Michael Cunningham:In die Nacht hinein(Roman)

Der 1952 in Cincinnati, Ohio, geborene Michael Cunningham, hat mit seinem in 22 Sprachen übersetzten Roman The Hours (deutsch: Die Stunden) 1999 den Pulitzer-Preis für Literatur erhalten, der 2002 auch mit einer Starbesetzung verfilmt worden ist. Michael Cunningham lebt heute in New York und unterrichtet Creative Writing am Brooklyn College.  In die Nacht hinein(By Nightfall) ist sein fünfter Roman. 

Literaturblog Literatur und Schreiben
Michael Cunningham (Quelle: David Shank)

Denn das Schöne ist nichts

als des Schrecklichen Anfang“

mit diesem wenig ermutigenden Hinweis Rilkes aus den Duineser Elegien stimmt uns Cunningham ein in das Geschehen, das uns in die zeitgenössische New Yorker Kunstszene führt, zum gutsituierten Ehepaar Rebecca und Peter Harris, beide um die Vierzig, residierend in einem standegemäßen Loft in Soho, Manhattan. Auf einer Hin-und Rückfahrt im Taxi zum Pflichtbesuch einer Party erfährt man sogleich die markanten Umrisse der Lebensumstände des Paares. Rebecca, die Redakteurin eines Kunst-und Kulturmagazins und Peter, der Galerist moderner Kunst,  erwarten den Besuch von Rebeccas kleinem, fast zwanzig Jahre jüngeren Bruder Missy, der gerade vom Meditieren aus Japan zurückgekommen ist, ein Drogenproblem hat und jetzt auch „Irgendwas mit Kunst“ machen will. Peter, aus dessen alleiniger Perspektive die Handlung aufgebaut wird, beschreibt die Stimmungslage selbst: 

Hier sind Peter und seine Frau, seit einundzwanzig Jahren verheiratet, mittlerweile freundschaftlich verbunden, zu Frotzeleien aufgelegt, haben nicht mehr oft Sex, kommen aber auch nicht ohne Sex aus, wie andere lange verheiratete Paare, die er beim Namen nennen könnte, und ja, in einem gewissen Alter kann man sich größere Errungenschaften vorstellen, eine tiefere und unerschütterlichere Zufriedenheit, aber was du für dich geschaffen hast, ist nicht schlecht, überhaupt nicht schlecht. Peter Harris, ein feindseliges Kind, ein furchtbarer Jugendlicher, Gewinner diverser zweiter Preise, ist an diesem gewöhnlichen Augenblick angelangt, hat Beziehungen, ist beschäftigt, wird geliebt, spürt den warmen Atem seiner Frau am Hals, fährt nach Hause.

Die zwanzigjährige Tochter Bea lebt in Boston, bedient in einer Hotelbar, sie distanziert sich vom Kunstbetrieb ihrer Eltern, nach deren Meinung macht sie viel zuwenig aus ihrem Leben.

Als der gutassehende Missy(von Missgeschick: der Nachzügler war eigentlich nicht mehr geplant), richtiger Name Ethan, schließlich in Manhattan eintrifft, erinnert er Peter gleich an die junge Rebecca, wie sie in die Brandung läuft, aus einem weißen Baumwollkleid schlüpft. Und dann beschreibt Cunningham Rebeccas Familie Taylor in Richmond vor zwanzig Jahren mit den drei bezaubernden Töchtern  und eben dem hoffnungsvollen, frühreifen Ethan, der von allen in Beschlag genommen wird, dem die Sorge aller sicher ist. Das soll erklären, dass heute ein verwöhnter, narzisstischer junger Mann vor ihm steht. Und da sind noch die nach dem Auftauchen Missys drängend hochkommenden Erinnerungen an Peters eigenen Bruder Matthew, der homosexuell war und an Aids gestorben ist.

Man ahnte es schon: Nach ersten Alltags-Begegnungen verliebt sich Peter in diesen gutaussehenden, pfiffigen und unsteten Menschen. Aber das darf nicht sein, sein eigener Schwager, er ist verunsichert, kann es sein, wegen einem einzigen Mann schwul zu sein? Leider glaubt der Autor ständig alles psycho-logisch erklären und überhöhen zu müssen,  in Wirklichkeit stiftet er beim Leser eher Verwirrung. Peters Gedanken: Okay, es gibt schwule DNA in meiner Familie… Männer sind großartig (na ja, manche), aber sie sind nicht sexy. Dennoch möchte er diese schlummernde Vollkommenheit berühren…Nur um sie anzufassen, so wie der Gläubige das Gewand eines Heiligen berühren will.

Aber das Ganze ist ja keine Sache von Selbstbeherrschung. Ohnehin wird immer deutlicher, dass es mit dem Selbstwertgefühl Peters nicht  weit her ist, er ist hypochondrisch,  er vertritt bisher nur mittelmäßige Künstler,  möchte einen Starkünstler einer krebskranken Kollegin „schnappen“ und eine spektakuläre Ausstellung ausrichten und parodiert damit selbst seine angeblich so hohen ästhetischen Ideale. Es geht um Geschäftsabschlüsse, das ist die Wahrheit. Und außerdem, haben wir  die ganze aus Schnüren und Alufolie gemachte Kunst nicht ein bisschen satt, die sich übrigens für wahnwitzige Summen verkauft? Sind wir nicht in einen Bereich geraten, in dem Schrott de facto als Schatz behandelt wird?

Als Peter mitbekommt, dass Missy wieder Drogen nimmt, wird die aufgebaute  Welt und die Lebensauffassung Peters brüchig. Er beruhigt sich selbst mit fadenscheinigen Argumenten und Überlegungen: Da ist die heimliche Brüderlichkeit des Ganzen, bei dem es weniger um das Fleisch, als um das Gemeinschaftsgefühl geht…Männer bilden eine eigene Gemeinschaft, vielleicht ist es so einfach. Jetzt kann er Missy lieben, jetzt, da er nicht mehr das Bedürfnis hat, ihn zu beschützen oder zu bewundern.  Da wird es für den Leser schwer bei soviel schwülstiger Naivität, mit Vergnügen weiterzulesen – und er staunt: Deinetwegen schwul, mein Junge, allein auf der Welt, als wärst du ein Geschlecht für dich. In Wirklichkeit fürchtet Peter vor allem die Ächtungen, welche die ach so tolerante Gesellschaft der Künstler und Kunstliebhaber für so einen Fall bereithält.

Ich hatte öfter den Eindruck von einer unglücklich konstruierten Geschichte, in die einfach zuviel hineingepackt wurde. Die Größen der Weltliteratur werden an allen möglichen (und unmöglichen) Stellen heraufbeschworen. Und irgendwie liegt es in der Luft, dass jetzt auch mal auf Thomas Mann angespielt wird.  Als Peter mit Missy im Zug nach Greenwich fährt heißt es: Missy sitzt Peter gegenüber und betrachtet die öde Stadtlandschaft, die vorbeizieht. Der Zauberberg liegt offen, aber ungelesen auf seinem Schoß. Und ein paar Seiten später wird auch Der Tod in Venedig ins Gespräch gebracht. Das Thema stimmt in etwa: Der alternde Künstler, der sich in einen Jungen verliebt. Ja, ich bin ein älterer Typ, auf den ein viel jüngerer Mann eine gewisse Fasziation ausübt, aber Missy ist kein Kind, wie Tadzio es war, und ich bin nicht so fixiert wie Aschenbach…

Es war schon spannend, zu erfahren, wie die verfahrene Kon-stellation enden würde. Die männlichen Hauptpersonen waren mit einer Situation konfrontiert, deren Bewältigung Eigenschaften erforderte, die sie nicht besaßen: Entschlussfähigkeit  und moralische Selbständigkeit. In der vom Leitbild des finanziellen Erfolgs geprägten Gesellschaft siegt oftmals die Statusangst über die zwischenmenschliche Aufrichtigkeit, das hat der Autor Michael Cunningham durchaus treffend gezeigt. Leider gibt es zahlreiche Passagen, die an die Grenze zum Kitsch führen, da spricht dann  Peter von sich selbst als dem „Diener der Schönheit, der an die Schönheit an sich verliebt ist“. Er erinnert sich an schwindelerregende Gefühlswallungen. Es ist das pure, überwältigende und leicht erschreckende Begreifen dessen, was er Schönheit nennt, auch wenn das Wort unzureichend ist. Es ist die kribbelnde Ahnung göttlicher Präsenz, der unbeschreiblichen Perfektion von allem, was es jetzt gibt und in Zukunft geben wird. Wird er begreifen, dass sein bisheriger Horizont sehr begrenzt war? Ich habe in letzter Zeit kaum ein Buch gelesen, in dem ich so zwiespältige Leseerlebnisse hatte, gute und interessante Milieuschilderungen, subtile Gesellschaftsbeobachtungen, dann  andererseits wieder weitschweifige, überladene Abschnitte und das mit der Zeit fast lästige name-dropping, die halbe Weltliteratur wird angerufen,  von Joyce, Melville über Hawthorne bis Arthur Miller, Fitzgerald, Donald Barthelme und Raymond Carver, nur um einige zu nennen. Hier gibt der Autor den „Über-Pynchon“(siehe Pynchon-Beitrag), es  scheint in Mode zu sein bei einigen amerikanischen Autoren.  Es handelt sich ja nicht um echte Intertextualität und so ergibt sich für die Leser(innen)dadurch kein Hinzugewinn.  Dass wir das ganze Geschehen ausschließlich aus der Perspektive Peters serviert bekommen, ist natürlich vom Autor so gewollt, dass die Gedanken und der Bewusstseinsstrom dieser Hauptperson zusätzlich oft noch mit etwas bissigen, zynischen Kommentaren versehen wird, mal vom Autor, mal von Peter selbst, hat mich einige Male sehr gestört. Es fühlt sich an wie eine Bevormundung, als Leser hat man gar keinen Raum mehr für eigene Gedanken und Gefühle. Und die Figur des Missy ist eindeutig überpsychologisiert, er soll den wiedergeborenen Bruder, Tochterersatz für die abtrünnige Bea und auch noch die junge Rebecca darstellen. Auch dass Rebecca gegen Ende des Buches,  in einer Phase, da die Handlung endlich Fahrt aufnimmt, so gut wie gar nicht mehr im Text präsent war, praktisch nur als Stichwort-Geberin,  fand ich schade. So haben wir am Ende bei allen hochfliegenden idealistischen Auslassungen über Kunst und Schönheit  doch nur eine sehr männliche Welt, der die Vielschichtigkeit fehlt, oberflächlichen Glamour, Figuren, die sich nach echten Erlebnissen sehnen, aber in bequemer Gewohnheit und Statusangst erstarrt sich nicht befreien können.

Für Interessierte: Weitere Rezensionen:

Besprechung im Literaturblog Buecherwurmloch

nzz Besprechung(pdf)

Offizielle website des Autors

 

 

Cover Michael Cunningham: In die Nacht hinein
Cover Michael Cunningham: In die Nacht hinein

In die Nacht hinein

DEUTSCHE ERSTAUSGABE

320 Seiten,13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-630-87353-4

Verlag: Luchterhand Literaturverlag