World Poetry Day 2017

Der Welttag der Poesie wurde im Jahr 2000 von der UNESCO ins Leben gerufen.
„As a deep expression of the human mind and as a universal art, poetry is a tool for dialogue and rapprochement. The dissemination of poetry helps to promote dialogue among cultures and understanding between peoples because it gives access to the authentic expression of a language.“
(Irina Bokova, Director-General of UNESCO – Quelle: Message for the World Poetry Day)

2009 schrieb die ZEIT in einem Beitrag, der zeitgenössischen Lyrik fehle die „Street Credibility“, sie sei zu undurchschaubar, zu hermetisch.
2015 erhält Jan Wagner den Deutschen Buchpreis mit seinem Band Regentonnenvariationen. Vielleicht ein Rettungsversuch? Danach wird von einem kurzzeitigen neuen Boom der Lyrik gesprochen.

Zwar sorgen die sozialen Medien für eine schnelle Verbreitung von Lyrik, dass ein Gedicht im Wust von Informationen, Datenübermittlung und digitalen Bildern nach kurzer Zeit noch bemerkt wird, scheint eher unwahrscheinlich. Immerhin sieht man eine Tendenz, aus Lyrik ein öffentliches Ereignis zu machen, poetry slams gibt es inzwischen nicht nur in den Großstädten. Obwohl diese Veranstaltungen gut besucht sind, ist die Schar der Käufer von Lyrikbänden leider klein. Selten überschreitet die Druckauflage 1000 Exemplare.

Drei Liebesgedichte

Ich möchte den Tag der Poesie 2017 dem Gedächtnis eines Dichters widmen, der letzte Woche, am 17.3.2017 gestorben ist, und den ich nach dem Erhalt des Literatur Nobelpreises 1992 völlig aus dem Blickfeld verloren hatte: Derek Walcott.

Derek Walcott, Quelle:• coursewikis.fas.harvard.edu

Der 1930 auf der karibischen Insel Saint Lucia geborene Dichter schöpft aus der Vielfalt der Kulturen, vermischt Hochsprache mit regionalen Slangs und erfreut uns mit großer Themenvielfalt. Derek Walcott war Professor für Literatur an der Boston University(USA) und schrieb auch Theaterstücke. In seinem letzten Band „Weiße Reiher“ beschreibt er, an Diabetes erkrankt, sehr direkt sein Begehren wie auch dessen Vergeblichkeit:

Sechzig Jahre
In meinem Rollstuhl in der Virgin Lounge, Vieuxfort,
sah ich sie in ihrem Rollstuhl sitzend, ihre Schönheit
verkrümmt wie eine zerdrückte Blume, sie, der ich zuvor,
als ihr das Feuer meiner Jugend dienstbar war,
goldne Schönheit und Jugend für alle Zeit
verhieß, ich mochte altern. Alt, mit Tripelkinn, ihr Lächeln kam
verheerend aus einem faltigen Netz, doch für einen Moment
spürte ich altes Fieber, als wir da saßen, kaputt, voll Haß
auf die Zeit und die Lüge der Nettigkeiten.
Kleine Wellen lappen noch immer am Kai,
wo mich der Bootsführer im orangenen Abenddämmer verließ,
ein halbes Jahrhundert ists her, ich immer jagend
nach dem unmöglichen Vollzug; unsre Bekannten
wußten, so kommen wir nicht zusammen, nicht auf der Promenade.
Jetzt durchfuhren uns stumm die Messer der Sprechanlage.

Im Sub-Genre „Liebesgedicht“ hat sich Erich Fried unvergesslich gemacht, obwohl er oft ausschließlich als politischer Dichter eingestuft wird. Liebeslyrik kann einfach aussehen, 1983, wenige Tage vor seinem Tod schrieb er das folgende, weithin bekante Gedicht, die Wechselrede zwischen Liebe und Vernunft:

Was es ist
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

ERICH FRIED

Obwohl als aussichtslos, lächerlich, leichtsinnig, unmöglich bezeichnet, behält die Liebe in allen Versen das letzte Wort. Sie erläutert nicht, weil es nichts zu erklären und zu verstehen gibt.
In den 80er Jahren gab es für die 1946 im Sauerland geborene Ulla Hahn größere Auflagen, ein ironisches Gedicht aus dem Band „Herz über Kopf“ passt noch gut in die heutige Zeit, wo in Beziehungen oft von Psychostress die Rede ist:

Bildlich gesprochen
Wär ich ein Baum ich wüchse
dir in die hohle Hand
und wärst du das Meer ich baute
dir weiße Burgen aus Sand.

Wärst du eine Blume ich grübe
dich mit allen Wurzeln aus
wär ich ein Feuer ich legte
in sanfte Asche dein Haus.

Wär ich eine Nixe ich saugte
dich auf den Grund hinab
und wärst du ein Stern ich knallte
dich vom Himmel herab.

Gedicht „Sechzig Jahre“ aus: Weiße Reiher, Gedichte
übersetzt von Werner von Koppenfels
Erscheinungsdatum: 27.02.2012
184 Seiten
Hanser Verlag
Fester Einband
ISBN 978-3-446-23867-1

Neidgesellschaft

Neiden

 

der Zukunft das Morgen

dem Kalender die Tage

dem Schurken das Rauben

dem Denker die Frage

dem Kollegen das Gehalt

dem Optimisten den Glauben

dem Priester den Segen

dem Dichter das Wort

dem Hemd den Zipfel

dem Hund die Wurst

dem Chef die Frau

dem Ofen die Hitze

dem Bauer die Sau

dem Sportler den Sieg

dem Acker die Kartoffel

dem Boxer den Hieb

dem Hals die Wende

dem Dadaisten das Da

dem König das K

 

dem Gedicht das ENDE

 

 

 

 

 

Arno Schmidt: Die aschengrube Welt


Aus dem Leben eines Fauns

Literatur muss Spaß machen und beim Wiederlesen sind die Erzählungen und insbesondere die frühen(Kurz-)Romane Arno Schmidts stets Quelle neuer Entdeckungen und ob seines ungebändigten Wortwitzes auch eine helle Freude.

Arno Schmidt, geboren 1914 in Hamburg, gestorben  1979 in Celle, der Außenseiter noch der literarischen Außenseiter gilt gemeinhin ja als schwierig, eine Menge von Exegeten ist mit seinem Werk, insbesondere dem legendären Text ZETTELS TRAUM befasst und nicht selten wird er auch der deutsche Joyce genannt, alles etwas vorschnell dahingesagt, oft werden in der Literaturkritik -wenns Ungewohntes zu beurteilen gilt- die Namen Joyce und gerne auch Kafka aus der Schublade geholt. Nein. Ich halte Schmidts Stil und Formgebung seiner Texte für so einzigartig, dass man allgemein gehaltene Vergleiche mit anderen Autoren seiner Zeit kaum anstellen kann.Weiterlesen »