Bloomsday 2017

Dublin, 16.Juni, 1904

Nicht nur in Dublin, auf der ganzen Welt feiern Literaturbegeisterte Bloomsday in Erinnerung an den Anzeigenagenten Leopold Bloom, der in James Joyces weltberühmtem Roman Ulysses am 16.06.1904 Dublin durchstreift und da 18 Kapitel lang  in ironischer Anlehnung an Homers Odyssee seine Irrfahrt während eines einzigen Tages, sein „Alltagsabenteuer“ erlebt

Bloomsday Polen;
Quelle:https://www.dfa.ie/irish-embassy/poland/news-and-events/2016/bloomsday-2016/

Leopold Bloom, neben Stephen Dedalus, einem verkrachten Künstler -Joyce‘ Alter ego-die Hauptfigur im Ulysses, „Poldy“, wie ihn seine Frau nennt, 38 Jahre alt, nach vielen anderen Jobs derzeit Anzeigenagent, seit 16 Jahren mit Molly verheiratet, Offizierstochter , die als Konzertsängerin mit nymphomanischen Zügen auftritt.. Leopold ist auch Vater der gemeinsamen Tochter Milly. Ein zweites Kind, Rudy, ist kurz nach der Geburt gestorben, worüber der Vater immer noch trauert. Ein wenig heldenhafter Jedermann also, mit einer absonderlichen kulinarischen Vorliebe für Innereien. Ein leutseliger Allerweltstyp, ganz im Gegensatz zu Stephen Dedalus, der sensible, manchmal aggressive und komplizierte Künstler. Joyce wollte durchaus zum Ausdruck bringen, dass das Zeitalter für Helden vorbei war. Er verachtete die heroischen Abstraktionen, für die so viele Soldaten geopfert wurden. Die Odyssee seiner fiktiven Figuren führt nicht durch die Abenteuer der Welt griechischer Mythen, sondern eben durch einen „normalen“ Donnerstag in Dublin. Aber Joyce stattet seinen Figuren in den vielzitierten „inneren Monologen“ und Bewusstseinsströmen mit einem reichen Innenleben aus und sein Streifzug durch die Stadt an jenem warmen Sommertag 1904 ist bis ins Detail nachprüfbar. Der 16. Juni 1904 soll der Tag gewesen sein, an dem James Joyce seiner zukünftigen Frau Nora Barnacle erstmals Dublin gezeigt hat, der Tag wohl auch des ersten sexuellen Kontaktes.

Im Roman begleiten wir Bloom vom Frühstück bis zum Begräbnis seines Freundes, zu Treffen mit Bekannten, folgen ihm auf seinen Einkaufstouren, wo er Fleisch ersteht und Seife, beobachten ihn beim Trinken und während einer erotischen Szenerie am Strand, wo er neben drei jungen Frauen steht, die einem Feuerwerk zusehen und schließlich bei der letzten Begegnung dieses Tages mit der Polizei, als er spät abends nach Hause geht. Und zum Schluss bekommt Molly das Wort, wie sie ohne Punkt und Komma in ihrer berühmten Solopartie über ihren „Schlauberger“, „Wichtigtuer“ und „Pfuscher“ herfällt. Dies ein Paradebeispiel für einen damals noch ungewöhnlichen stream of consciousness, wie er von Joyce bereits in Vollendung angewandt wurde.

Zensur und Verbot

In dieser Ausgabe erschien 1918 das erste Kapitel des Ulysses. Quelle:http://library.brown.edu

Aber wir erinnern uns an Bloomsday nicht ausschließlich und vordergründig an Leopold Bloom. Vor allem ist es des Gedenkens wert, dass es diesen Roman überhaupt in der heutigen Fassung zu  lesen gibt. Lange Zeit und vielfach in Europa und Übersee zunächst verboten als „obszön, unzüchtig, lasziv, nichtswürdig, anstößig und widerlich“, brauchte es den Mut und die Weitsicht von unerschrockenen Menschen, die den wahren Wert dieses Textes erkannten. Sylvia Beach, die legendäre Buchhändlerin des Shakespeare & Co in Paris sowie der Drucker Maurice Darantiere, schafften es, das Buch an Joyces Geburtstag, am 02.02.1922 herauszubringen. Auch diese Idealisten müssen an Bloomsday ganz groß gefeiert werden. Darantiere reiste sogar bis nach Deutschland, um das von Joyce unbedingt gewünschte Kobaltblau für den Umschlag zu besorgen. Für diese erste Ausgabe wurden gerade mal 1000 Exemplare gedruckt.  Bereits in den Jahren von 1918 bis 1920, während Joyce noch an dem Roman Ulysses arbeitete, erschien der Roman als „work in progress“in der New Yorker Literaturzeitschrift THE LITTLE REVIEW. Erst nach der vierzehnten Folge glaubte die amerikanische Zensur eingreifen zu müssen. Die betreffenden Ausgaben des Magazins wurden konfisziert und verbrannt. 1922 übrigens ein großes Jahr für die Literatur: Neben Ulysses erschien T. S. Eliot mit The Waste Land, Sinclair Lewis mit Babbitt, Proust mit Sodom und Gomorra, Virginia Woolfs erster experimenteller Roman Jacobs Zimmer , Rilke mit den Duineser Elegien.

Erstausgabe; Umschlag im Blau der griechischen Nationalflagge

Das Buch-in den Kapiteln sind die verschiedensten Stilmitteln und Textstrukturen angewandt, was die große Neuerung, aber auch Attraktion des Romans bedeutet- ist unter Joyces ganzem körperlichen und psychischen Einsatz mit großen Schmerzen und Beeinträchtigungen geschaffen worden. Daran sollte man an einem solchen Tag auch denken. Triest-Zürich-Paris, 1914-1921 sind die Worte, mit denen das letzte Kapitel unterzeichnet ist. Neben der Last der Umzüge, welche die Familie während der Schaffensperiode am Roman zu erdulden hatte, verschlechterte sich die bereits vorgeschädigte Sehfähigkeit des Autors weiter, Operationen waren nötig, seine Arthritis verursachte Schmerzen und sämtliche Zähne mussten entfernt werden.

Joyce, nach den Augenoperationen. Quelle: brigitte.de

Ich schreibe und revidiere und korrigiere mit einem oder zwei Augen ungefähr zwölf Stunden am Tag, weiß Gott, und mache, wenn ich nichts mehr sehen kann, hin und wieder fünf Minuten Pause. Danach rotiert mein Hirn, aber das ist nichts verglichen damit, wie meinen Lesern das Hirn rotieren wird.(Joyce 1921, ein Jahr vor Fertigstellung des Romans)

Joyce, 1882 in Dublin geboren, macht seine Geburtsstadt im Ulysses zu mehr als einer Kulisse und mehr als einem Handlungsort. Dublin ist das Universum in 1000 Seiten.

Dass heute das Werk zur Weltliteratur gehört und immer noch weiten Widerhall findet , ist nicht gerade den Iren zu verdanken. Nach dem Erscheinen war es noch jahrzehntelang in Irland nicht zu erwerben , Joyce galt als verpönt, und hat sich dazu noch die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens nicht in Irland aufgehalten.

Joyce hat mit der detailgenauen Beschreibung von Handlungs-Schauplätzen den Touristikmanagern natürlich eine Steilvorlage geliefert, ihn werbewirksam als Markenartikel einzusetzen und entsprechende Stadtführungen und Events, auch außerhalb der Bloomsday-Aktivitäten, zu veranstalten. Für einen großen Roman ist diese wirklichkeitsgetreue Kulisse aber kein Kriterium. Auch andere Autoren haben immer wieder an  realen Schauplätzen ganze Universen entworfen in ihren Büchern, denken wir an Balzacs Paris, Döblins Berlin, Austers New York.

Und dass es ein Roman für Literaturwissenschaftler sei, kann ich nicht bestätigen. Joyce hatte seine Freude daran, Akademiker hinters Licht zu führen und zu Überinterpretationen zu verleiten. So amüsierte er sich beispielsweise über psychoanalytische Deutungen, etwa die Interpretation des Martello-Tower als Phallus-Symbol. Meine Leseerfahrung war so, dass ich bei der ersten Gesamtlektüre sicher nicht alles einordnen konnte, was die vielen  Fakten und Anspielungen betraf, sehr wohl aber immer und immer an diesem vorwärtsdrängenden Text, an der Sprache und Ausdrucksvielfalt und dem Erfindungsreichtum Freude und Spaß gehabt habe, auch wenn auf manchen Seiten einfach mal ein paar Namen in der Luft hängen blieben, Clonhowes, Malahide, Paddy Dignam, Davy Byrne’s…Später konnte ich mich den einzelnen Kapiteln näher widmen. Die Entdeckungstour wird nie enden…

Bloomsday bike rally. Quelle: dublin-james-joyce-centre

An vielen Läden und Häusern in Dublin findet man kleine Bronzetafeln, die Aufschluss geben, welche Episoden aus dem Ulysses sich an den entsprechenden Orten zugetragen haben.

Lesung am Martello Tower. Quelle:dublin-james-joyce-centre

Direkt im Martello Turm, etwas außerhalb des Zentrums, an der irischen See , bekannt aus dem Eingangskapitel des Ulysses, liegt das James Joyce Museum, man sieht die Iren haben ihrem großen Autoren spät doch noch Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Offizielle Veranstaltungsseite Dublin:http://jamesjoyce.ie/bloomsday/

 

Advertisements

13 Kommentare zu „Bloomsday 2017

      1. Na ja, es war ja nicht am Stück, außerdem war der Zeitpunkt nicht glücklich. So etwas sollte ich eher im Sommer in einer entspannten Phase hören. Parallel zum Stress in der Arbeit war das eine mühsame Angelegenheit. In ein paar Monaten oder Jahren (*hüstel*) wage ich das noch mal, vermutlich steigt der Genuss dann an… Hier habe ich zu meinem ersten Durchhören etwas geschrieben: https://solera1847.wordpress.com/2017/05/15/gehort-ulysses-von-james-joyce/

        Gefällt 1 Person

  1. Ich habe noch die großartige Einführung/Lesung von Hans Wollschläger zu seiner damaligen Übersetzung als Kassette und keinen Recorder mehr -:(((( , muß aber gestehen, dass ich am kompletten Werk bisher gescheitert bin, habe mir dann nur die von Wollschläger in den verschiedenen Sprachstilmitteln vorgetragenen Kapitel herausgesucht, die dann aber mit Vergnügen gelesen, weil seine Stimme im Ohr.
    Ich werde mal auf die Suche nach der von Solera empfohlenen Lesung gehen.
    Mit Terrassenrosenblumigen Grüßen, Karin

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank, Karin, für den Besuch und die duftenden terrassenrosenblumigen Grüße.
      Ich verstehe die Menschen, die das Buch nicht mögen. Jeder, der über die ersten Seiten hinauskommt, hat dann seine persönlichen Strategien, an den Text heranzugehen. Kapitelweise, Häppchenweise, Satzweise.Man kann sich überall einklinken und sich treiben lassen und eigene Assoziationen herstellen…Besonders das Fehlen moralischer Wertungen finde ich angenehm.

      Wunderschönen Sonntag..

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich habe gerade Deinen Artikel zum Bloomsday gelesen. Großartig. Ich liebe dieses Buch Ulysses, habe alles was Joyce geschrieben hat, bis auf Stephen der Held, auf deutsch und englisch. Dazu kommt eine große Liebe zu Irland. Und wenn man sich in Dublin auskennt und die Handlungsorte des Buches aufsuchen kann, ist die Freude doppelt groß. Dieses Buch ist tatsächlich für Leser und nicht für Literaturkritiker geschrieben, ganz richtig. Und es ist ungeheuer humorvoll. Ob ich es nochmal lesen werde. Ich sage mit Molly, am Ende des Buches: „ja ich will Ja“

    Gefällt mir

Kommentar erwünscht

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s