Jens Wonneberger: Die Geschichten liegen auf der Straße

 

Jens Wonneberger, Jahrgang 1960, in Sachsen aufgewachsen, in Dresden lebend, ist mir schon öfter in Feuilletons begegnet. Jetzt habe ich seinen 2014 erschienen kurzen Roman Goetheallee gelesen und es scheint mir angebracht, ein paar Sätze zu meiner Lektüre anzufügen.

Jens Wonneberger
Jens Wonneberger, Quelle: müry Salzmann Verlag

Ein richtig muffiges,  spießiges Umfeld ist es, mit dem man ohne große Umschweife bekannt gemacht wird. Der Ich-Erzähler besucht täglich den Kiosk von Frau Hartmann, um sich seine Zeitung und Zigaretten zu holen. Meist trifft er auch auf den Hausmeister Wehofsky –in dessen Fängen sich die Wohnanlage befindet- der sich als herausgehobene moralische Autorität fühlt. Der schreibende Erzähler hat sich gerade mit der Imagebroschüre der Touristikzentrale herumgequältwährend seine Frau Sabine als Fallmanagerin im Jobcenter arbeitet. Den Schreibauftrag  hat ihm seine Frau verschafft, denn sie versteht sich auf Motivation, also packte ich zuZum Glück gibt es den Vorstadt-Filz, denn Sabine isst auch gelegentlich mit der Touristik-Mitarbeiterin zu Mittag, das kann nicht schaden. Der sensible  Erzähler-Autor-Freiberufler hat Minderwertigkeitsgefühle und hasst sich selbst dafür, solche Auftragsarbeiten annehmen zu müssen… Sabine ist die Dominante, mir ist das recht, manchmal habe ich sogar das Gefühl , sie lebt nur deshalb mit mir zusammen, weil ich als stiller Teilhaber unserer Ehe der Entfaltung ihres Initiativgeistes so wenig Widerstand entgegensetze und zufrieden bin, wenn sie mich an die Hand nimmt, wie einen ihrer Fälle in der Agentur.

Der Unglückliche, ein Bilderbuch-Neurotiker sozusagen,  der sich über sich selbst nicht im Klaren ist, vermutet überall Fallstricke, seine Assoziationen während seiner Streifzüge durch die Stadt verstärken seine prekäre negative Selbsteinschätzung noch. Dabei hätte er beste Voraussetzungen, sind doch laut Freud Tagträumer und Dichter einander „zum Verwechseln ähnliche Persönlichkeiten.“

Immerhin ist er ein guter Beobachter, Sabine ermutigt ihn zum Schreiben, denn die Geschichten lägen doch auf der Straße, und so bummelt er um die Blöcke, um dem Leser das Alltagsleben zu schildern, in dem im Grunde wenig passiert. Aufregend ist dieses Leben nicht, aber die Welt kann bei einer so heiklen Seelenlage wie der des Erzählers zu einem Ungetüm emporwachsen. Er fühlt sich außerdem als Schmarotzer, denn Sabine trägt eindeutig die finanzielle Hauptlast des Haushalts. Viel wird in dieser Vorstadt-Welt gemutmaßt, wenig echte Kommunikation findet statt. Bei jeder Gelegenheit erinnert er sich an seine frühere Geliebte Katharina, er meidet nach Möglichkeit die Goetheallee, denn da befindet sich die Buchhandlung von Frau Wohlgemuth, die seine Bücher nicht führt. sie stellt nur Bestseller aus, die glänzend wie polierte Grabsteine zwischen Trockenblumen und bizarren Totholzarrangements hinter der Scheibe stehen. Er sieht den Spatzen zu, beschreibt die aufblühenden Kastanien, immer mit schlechtem Gewissen unterwegs, wie das in Deutschland denen passiert, die keine rechtschaffene Arbeit haben. Und da ist noch Karls Klosterstube, die Stammkneipe des Erzählers, hier legt der Wirt Karl die Songs seines Privatheiligen Johnny Cash auf, es wird nicht viel geredet, die Musik ist laut, ein Heimatabend für nennt Sabine die trostlose Szenerie. Der Autor beschreibt mit viel Ironie diese antiquierte Männer, die noch immer und auf ewig von der Route 66 träumen, während der Erzähler andauernd in die Vergangenheit abdriftet, sich an Italien-Reisen erinnert  und lange überlegt, welche Farbe denn nun eigentlich Katharinas Augen hatten. Und endlich erfahren wir: es war die Farbe von reifen Holunderbeeren. 

Aber alles, was er anfängt, ist Ersatzhandlung und eine Ausweichstrategie, nicht an den Schreibtisch zu müssen.  Die Unschlüssigkeit und Verunsicherung des Erzählers hat Jens Wonneberger wirklich sehr gut eingefangen, oft in unscheinbaren kleinen sprachlichen Bildern: Über dem Hügel westlich der Stadt braut sich ein Unwetter zusammen, eine graue, tief hängende Wolkenfront ist aufgezogen und verfinstert den Himmel. Nur durch eine kleine runde Öffnung, die wie ein Einschussloch aussieht, fallen noch ein paar Sonnenstrahlen.

Aber im Haus steht ein Monstrum von Schreibtisch und: Ohne Auftrag ist der Tag ein schwarzes Loch. Immerhin rafft der Schriftsteller sich auf und sammelt Stoff über einen ehemaligen Nazi, welcher der Lebens-reformbewegung angehörte und Gedichte schrieb, es war der Großvater von Frau HartmannDoch echte Begeisterung sieht anders aus, es scheint eher ein Alibi-Projekt zu sein zur Rechtfertigung. Vor Sabine und vor aller Welt. Dass Sabine den Hausmeister, den Latzhosenaffen auf einmal mit Vornamen anspricht, ist Grund genug für einen ausgeprägten Eifersuchtswahn des Erzählers. Das Selbstvertrauen scheint endgültig dahin zu sein, die Rituale des Alltags nehmen ihren Fortgang, doch der Erzähler beobachtet seine kleine Welt jetzt noch misstrauischer. 

Schon nach den ersten Seiten erinnerte mich Erzählhaltung und Erzählstil Wonnebergers an Romane von Wilhelm Genazino, in denen er den Flaneur der Neuzeit erschafft und beschreibt. Die Hauptperson, der Anti-Held, der in seinem kleinen vertrauten Biotop Vorstadt die ganze Welt finden will, fand ich von Beginn an sympathisch, mit zunehmender Dauer der Lektüre will man den Akteur dann endlich handeln sehen und -soviel sei verraten- zum Ende hin scheint er ja endlich aus dem Tal der Unschlüssigkeit und Resignation herauszukommen. Dass ausgerechnet die Aufzeichnungen eines Lebensreformers und Altnazis neue brauchbare Erkenntnisse für den Erzähler hervorbringen, sollte vielleicht die Ironie der Geschichte aufzeigen, doch das  kam mir doch sehr bemüht konstruiert vor. Ich habe das Buch gerne gelesen, der diffuse psychische Zustand des Erzählers, der gehend seiner existenziellen Verwirrung Herr werden möchte,  ist überzeugend ausgearbeitet im Hin-und Herwälzen der Gedanken, die Verunsicherung tritt selbst in Landschaftsbeschreibungen zutage: Die von rötlichen Adern durchzogene Erde der steilen Böschung ist an manchen Stellen wie wundgescheuert.

Die ganze banale bundesrepublikanische Alltäglichkeit, in der wir scheinbar so sicher verankert sind, hat einen doppelten BodenIch konnte als Leser dieses Romans von Jens Wonneberger ein Gespür dafür bekommen, in welch starrem System wir uns im Alltag eigentlich bewegen, und wie fremdbestimmt wir Menschen oft sind. Wie oberflächlich unsere Kommunikation im angeblichen Zeitalter der Kommunikation häufig ist, und wie wir Gefahr laufen, in genormten DIN-Idyllen dahinzudümpeln, wenn wir nicht anfangen, eigenständig zu denken und zu handeln. 

Cover_Jens Wonneberger_klein
Cover „Goetheallee“

 

 

 160 Seiten
11,5×18 cm
geb. mit SU
ISBN 978-3-99014-128-1

 

 

 

Marina Büttner schreibt in ihrem empfehlenswerten Literaturblog Literatur leuchtet eine Rezension zu Jens Wonnebergers neuerem Roman „Himmelreich“.

Im Poetenladen gibt es ein längeres Interview mit Jens Wonneberger nachzulesen.

Advertisements

11 Kommentare zu „Jens Wonneberger: Die Geschichten liegen auf der Straße

    1. Danke, Sylvia für den freundlichen Besuch. Wonneberger hat ein Gespür für das Unscheinbare, einen sehr genauen Blick für die Welt im Kleinen. Ob es sich bei der im Roman beschriebenen Stadt um Dresden handelt(Dresden hat ja eine Goetheallee) oder eine fiktive Stadt, konnte ich nicht feststellen.

      Viel Freude bei der Lektüre.
      Beste Grüße und Wünsche
      HS

      Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Madame Filigran,

      vielen Dank für die freundliche besorgte Nachfrage. Es ist alles in Ordnung, ich habe mir selbst mal eine Sommerpause „verordnet“, zwar mit vielem Lesen, aber weniger
      Computerpräsenz. Es wird bald wieder Beiträge geben. Zunächst werde ich mir noch die Sommer-posts der Lit-Blogger-Gemeinde zu Gemüte führen, um wieder auf dem Laufenden zu sein.
      Beste Grüße, schöne Herbsttage.
      HS

      Gefällt 2 Personen

Kommentar erwünscht

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s