Guillermo Martinez: Roderers Eröffnung

 

Dieser kurze Roman des Argentiniers  Guillermo Martinez (Jhg. 1962)erschien, obwohl bereits 1992 im Original veröffentlicht,  in deutscher Übersetzung erst 2010, als Argentinien Gastland der Frankfurter Buchmesse war.

Guillermo Martinez in Miami 2014; Quelle:Wikipedia
Guillermo Martinez in Miami 2014; Quelle:Wikipedia

Der Titel führt etwas in die Irre: Von Schach handelt das Buch nur am Anfang, als der namenlose Ich-Erzähler, ein junger Mann, der Schriftsteller werden möchte,  in einer zwielichtigen Bar in Puente Viejo, einem kleineren Ort am Meer, den neu zugezogenen Gustavo Roderer trifft, mit ihm eine Partie Schach spielt und verliert. Für den Erzähler eine Demütigung, denn er ist der beste Spieler am  Ort und außerdem Jahrgangsprimus auf dem Gymnasium. Er schildert Roderer zunächst undifferenziert als unsympathischen Sonderling: Roderer hatte etwas an sich, das den geringsten körperlichen Kontakt unvorstellbar machte… 

Und diese erste Schachpartie der beiden jungen Männer eröffnet stellvertretend  für die nächsten 100 Seiten, und über Jahre andauernd, diese Konfrontation, dieses Duell, bei dem ich der einzige Kämpfende war und nichts als Fehlschläge landete, sagt der Erzähler. Als die beiden für ein paar Monate in dieselbe Klasse gehen, braucht der Erzähler allerdings überraschenderweise nicht um seine herausgehobene Stellung zu fürchten, denn Roderer ist ohne jeden Ehrgeiz, die Schule langweilt ihn, er liest während des Unterrichts mitgebrachte Bücher. Hegels Logik, Die Göttliche Komödie auf italienisch, Goethes Faust , Bücher der unterschiedlichsten Disziplinen-und wieder fühlt sich der Erzähler, der doch Schriftsteller werden möchte, beschämt, denn da waren Bücher,in die ich erst sehr viel später Einblick erlangte, und andere, die in schmerzlicher Ferne funkelten, Bücher, die mir, wie ich ahnte, immer fremd bleiben würden.

Der Lehrer Dr. Rago verdeutlicht den Unterschied der beiden Hochbegabten und behauptet, die verschiedenen Arten von Intelligenz ließen sich zu zwei Grundtypen zusammenfassen: da ist zum einen die assimilierende Intelligenz, die ähnlich wie ein Schwamm alles sofort in sich aufsaugt…, die im Einverständnis mit der Welt ist und sich in allen geistigen Domänen in ihrem Element fühlt.

Hier ordnet sich der Erzähler selbst ein, im Bewusstsein, dass sich dieser Intelligenztyp nur quantitativ von den Fähigkeiten jedes beliebigen Menschen unterscheidet: schneller, schärfer, gewandter bei Analyse und Synthese.

Was nun den anderen Intelligenztyp betrifft, so ist er wesentlich seltener und schwieriger zu finden. Es handelt sich da um eine Art Intelligenz, die die gewohnten geistigen Bahnen, die gängigen Argumente, alles Bekannte und Bewiesene als befremdlich oder häufig sogar als feindlich empfindet…Diese Ablehnung ist manchmal so extrem, so lähmend, dass jemand mit dieser Intelligenz riskiert, als willensschwach oder dumm abgetan zu werden. Doch es drohen ihm noch schlimmere Gefahren: Wahnsinn und Selbstmord. 

Klar, wen der Leser in diese Kategorie einordnet: Gustavo Roderer ist der Gefährdete. Er, der sich schon anfangs nach der Schachpartie als „krank“ bezeichnet, zu dem Zeitpunkt noch nicht einzuordnen, scheint an einer Entwicklungsstörung zu leiden irgendwo innerhalb des Autismusspektrums, die Schwäche in der sozialen Interaktion, seine Eigenbrötelei und gleichzeitige Stärke in der Fähigkeit, sich mit ungewohnter Intensität und abnormem Durchhaltevermögen auf ein bestimmtes Spezialinteresse zu konzentrieren deuten darauf hin. Denn Roderer will nichts Geringeres als die Erstellung eines großen Denkystems, das alle bisherigen Philosophien für unzulänglich erklärt und überflüssig macht.

Der angepasste Erzähler dagegen macht seinen Weg, überspringt eine Klasse, studiert in Buenos Aires, macht in den Semesterferien einen Trip durch Peru, wird kurz als Soldat einberufen im Falkland-Krieg und geht später auch noch nach Cambridge, um Vorlesungen über Logik zu hören. Der Autor streift diese ganzen Begebenheiten nur mit kurzen beiläufigen Beschreibungen, die Interesse wecken, Stoff für einen veritablen Roman hätte darin gesteckt, aber der Leser wird immer wieder mit dieser geistigen Auseinandersetzung der beiden so verschiedenen Hochbegabten befasst. Das fand ich schade, diese Rückführung auf die Dualität „gute und schlechte Intelligenz“ gewissermaßen, es werden kaum zu verstehende Theoreme von den beiden ins Feld geführt, die teils fiktiv, teils real sind, um gegenseitige Überlegenheit zu signalisieren. Und erst im letzten Drittel des Romans (Die Einstufung als Novelle wäre angemessener) erfahren wir in einem Brief Roderers an den Erzähler deutlicher -Spinoza, Hegel, Nietzsche müssen „herhalten“- welche Hybris in seinen Bemühungen steckt und welche Tragik.

Doch ich habe mir in diesen Jahren eine Methode erarbeitet, eine Wahrnehmungsfähigkeit, die das Menschliche übersteigt, eine neue Einsicht, die mir die Türen eines anderen Himmels öffnen wird, eines noch leeren Himmels, der auf die Menschen wartet… Wünsche mir Glück; ich trage eine Fackel des bestgehüteten Feuers und ich begebe mich damit in Regionen, die dem menschlichen Denken stets verschlossen waren.

 Es sollte wenigstens noch eine Liebesgeschichte, wenn auch eine misslungene-ich will den Ausdruck „tragisch“ bei all der Tragik gar nicht mehr gerne verwenden-erwähnt werden. Christine, die Schwester des Erzählers, ist schon kurz nach dem Auftauchen Roderers in ihn verknallt, der aber über seinen Büchern die Welt vergisst und keine Notiz davon nimmt. Aber Christine sollte dennoch bis zum Ende, das bitter ist, (ich will nicht das ganze Geschehen explizit darstellen)  einen Einfluss auf Roderer ausüben und maßgeblich daran beteiligt sein, Roderers Leben im Grunde wie eine große armselige rationale Anstrengung aussehen zu lassen.

Ähnlich wie in Doctorows In Andrews Kopf sind auch in diesem Buch die Möglichkeiten  für den Leser, zu den unterschiedlichsten Schlussfolgerungen und Erkenntnissen zu kommen, vielfältig. Eine gesellschaftliche Verweigerungshaltung mit allen Konsequenzen zu leben, führt, wenn sie auch noch zu einem wahnhaften  Groß-Ich aufgeblasen ist, zu einem unguten Ende, zu eiskalter Einsamkeit und die vernachlässigten und unterentwickelten oder gar nicht verwirklichten Seiten der Persönlichkeit bilden im Gefühlsleben  unerklärliche irrationale Stimmungen aus.

An einer Stelle beschreibt sich indirekt auch der Schriftsteller Martinez selbst beim Verfassen dieses Buches: Er (der Schriftsteller) hatte Angst, seine (Roderers) Unterkühltheit zu weit zu treiben und damit eine unmenschliche Figur aus ihm zu machen, ein Symbol, ein abstraktes Wesen. So hat er ihn zwar konzipiert, das ja: als seelenlosen Helden, als Helden, der sich nach einer Seele sehnt…

Und zum Glück auch für den Leser: Im Laufe der Ereignisse wird der Held menschlicher, auch wenn er zu emotionaler Intensität letztlich nicht fähig scheint. 

Martinez hat von Anfang an die Entfremdung und Selbstentfremdung des Menschen im Blick, die Spannung für den Leser steigt bis zum Schluss stetig, das Ganze gelingt in sprachlicher Bravour. Ob man in einem so kurzen Text tatsächlich so viele Anspielungen hineinpacken muss,  Sartres Ekel, Balzacs Louis Lambert, Goethes Faust natürlich, Dalis fließende Uhren, Beweistechniken der Mathematik undundund bei einem ohnehin schon kopflastigen Thema, das habe ich mich schon gefragt, da erkennt man doch eine Verwandtschaft zu den Postmodernen Amerikanern, z.B. Thomas Pynchon, wo ich mir dieselbe Frage gestellt habe. 

Guillermo Martinez ist promovierter Mathematiker. In diesem frühen Werk hätte etwas mehr Weitschweifigkeit nicht geschadet; ich muss zugeben: bei einem lateinamerikanischen Roman hätte ich mir auch etwas mehr Lokalkolorit gewünscht, da scheint doch noch eine unauslöschbare Nostalgie für den magischen Realismus in mir zu schlummern. (Glücklicherweise sind aus dieser Epoche noch ungelesene Schätze im Vorrat.)

Das Buch habe ich aus einer Mängelausgaben-Wühlkiste „gerettet“.  Leider sind viele Bücher des Eichborn-Verlages nach dessen Übernahme dort gelandet.

Buchcover, Eichborn Verlag
Buchcover,
Eichborn Verlag

ROMAN. AUS DEM SPANISCHEN VON ANGELICA AMMAR. EICHBORN.BERLIN VERLAG, FRANKFURT A.M. 2009. 118 SEITEN. 14,95 EURO. ISBN: 978-3-8218-5787-9

Für Interessenten:

http://www.lovelybooks.de/autor/Guillermo-Martínez/Roderers-Eröffnung-568686067-

http://culturmag.de/rubriken/buecher/guillermo-martinez-roderers-eroffnung/838

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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11 Gedanken zu “Guillermo Martinez: Roderers Eröffnung

  1. Wie immer eine besondere Buchbesprechung durch dich!

    Die Themen Schach und Mathematik und Südamerika zusammen üben auf mich eine totale Faszination aus!

    Mal sehen, wo ich dieses Buch am schnellsten bekomme!

    Liebe Frühlingsgrüße
    vom Lu Finbar

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    • Danke Lu, für Grüße und Kommentar.
      Ich dachte auch an die Schachnovelle von Zweig, von Südamerika leider etwas wenig Flair enthalten. Das Buch heißt Roderers Eröffnung(etwas irreführend wie oben beschrieben),nicht weil irgendeine Eröffnungsvariante explizit vorgestellt wird, sondern weil Roderer in seinem Projekt quasi nicht über den Anfang hinausgekommen ist. So lautet zumindest meine Interpretation…
      Derweil wir noch auf den richtigen Frühlingseinzug warten, genieße ich schon seit geraumer Zeit Deine wunderbaren Kesselstadt-Frühlings-Impressionen auf finbarsgift.
      Sei herzlich gegrüßt
      HS

      Gefällt 1 Person

      • DAS freut mich nun aber ganz besonders, Herbert!

        Ja, Zweigs Schachnovelle war schon sehr wegweisend!

        Derzeit findet wieder ein Kandidaten-Tournier in Moskau statt,
        ich bin seeeehr gespannt, werden den jungen norwegischen Schachweltmeister danach herausfordern wird 🙂

        Liebe Frühlingsgrüße vom Lu

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  2. Uff. Harter Tobak. Scheint ein Werk zu hilfreicher Selbsanalyse zu sein. Aber promovierter Mathematiker als Hobby-Freud? Ein bissl Restmisstrauen bleibt. Kommts mit Hesses „Glasperlenspiel“ und/oder „Nachtzug nach Lissabon“ mit?

    Gefällt 2 Personen

  3. Hi, Bludgeon. Das „Uff“ ist ein treffender Kommentar. Etwas überraschend für mich die beiden von dir erwähnten Bücher von Hesse und Mercier. Zeigt aber deine Belesenheit, alle Achtung, ich habe gerade noch das Glasperlenspiel aus dem Regal geholt.(Seit wievielen Jahren nicht mehr berührt?) Ja, das utopische einer reinen Geistigkeit über alle Disziplinen hinweg in Abkehr von der Welt taucht bei Hesse immer wieder auf, hat er selbst in seinem Leben auch ausgetestet. Ich denke, dass trotz der viel intensiveren Behandlung des Themas durch Hesse beide Bücher letztlich in der Resignation steckenbleiben. Wenn ich etwas wissen will zu Fragen der Zeit, dann wäre Nachtzug nach Lissabon unschlagbar das Beste unter den dreien für mich.
    Danke für den Besuch Bludgeon, hatte dich etwas aus den Augen verloren.Sorry.
    Hab eine gute Zeit.
    HS

    Gefällt 1 Person

    • Oh. Die Verblüffung ist ganz meinerseits: Der Nachtzug ist für mich das gescheitertste Buch, das ich je gutfand ohne das Lob so richtig erklären zu können: Der Handlungsaufbau ist doch eigentlich recht mies: Die Frauenrettung am Anfang ohne Folgen für später, die Telefonnummer auf der Stirn, die dann keine weitere Bedeutung hat, die unrealistisch schnelle und märchenhaft funktionierende Aussteigerei… und doch hab ichs durchgelesen und allerhand davon behalten.
      Das Glasperlenspiel dagegen hat Ewigkeitswert, weil letztlich die Computerei doch dessen Verwirklichung ist. Albernheit, Wissenschaft und Porno verwoben bei Youtube; Weltwissen bei Wikipedia wo trotzdem nur „Erwählte“ mitspielen … und die gelehrtesten Computernerds verlernen alles, was zum Leben gehört – und können schließlich nicht mal schwimmen – siehe Tod des Haupthelden dort.
      Da siehste mal wieder wie das doch unterschiedlich mit der persönlichen Wahrnehmung ist – und trotzdem sind wir zwei Bücherwürmer – in ganz unterschiedlichen Äpfeln.

      Gefällt 4 Personen

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