Herbstlyrik

Besonders im Herbst bin ich geneigt, in meinen Lyrikbeständen zu blättern; Herbstgedichte sind ja in der Literatur auch fast ein eigenständiges Genre. Man könnte beispielsweise bei den Expressionisten suchen- heute nicht. Ein unerschöpfliches Reservoir auf der Suche nach neuen sprachlichen Gestaltungsmöglichkeiten und Sichtweisen bieten die knapp 500 Seiten Lyrik des im März verstorbenen Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer.

Skizze im Oktober

Der Schleppdampfer ist sommersprossig vor Rost. Was tut er hier,          so tief im Lande drinnen?                                                                                    Er ist eine schwere erloschene Lampe in der Kälte.                                      Aber die Bäume haben wilde Farben. Signale zum anderen Ufer!                Als wollten welche geholt werden.

Auf dem Wege nach Hause sehe ich die Tintenpilze durch die                      Grasnarbe schießen.                                                                                              Sie sind die hilfesuchenden Finger von einem,                                                  der lange vor sich hingeschluchzt hat im Dunkeln dort unten.                      Wir gehören der Erde.  

Tomas Tranströmer (aus dem Gedichtband Pfade, der 1973 erschienen ist und im Band Sämtliche Gedichte enthalten ist)

Tomas Tranströmer verfasst seine  Gedichte  oft in einer kargen Sprache und in einer Art registrierendem Tonfall. Den Schleppdampfer aus dem hier veröffentlichten Gedicht versieht er mit rostigen Sommersprossen, eine Shabbiness-Idylle, die gleich im nächsten Satz durch eine beunruhigende Frage gestört wird. Aus dem Anfangsbild entstehen keine träumerischen Höhenflüge, wie oft in Gedichten üblich. „Was tut er so weit im Lande drinnen?“, frage der Autor, eine ungeklärte Erinnerung, ein Überbleibsel, unnütz in der dunklen Jahreszeit. Ein Schleppdampfer, eigentlich dazu da, andere Schiffen durch unwegsame Gewässer sicher zu leiten, ist jetzt eine erloschene Lampe.   Tranströmer verrät uns nichts darüber, ob das Schiff durch eine Flut angeschwemmt wurde, ob es unsachgemäß entsorgt wurde oder ob es eine andere Erklärung gibt. Er ruft energisch die Gegenwart auf: Aber, ein deutliches Gegenstück zu dieser ominösen Vergangenheit wird angekündigt: es ist Oktober, die Bäume haben wilde Farben.  Diese Farben wirken offenbar wie ein Signal für Menschen, die das andere Ufer erreichen wollen. „Als wollten welche geholt werden“, wir erfahren nichts näheres, es ist eine Vermutung des Autors, wir befinden uns an einem Gewässer und ein sehnsuchtsvolles Wollen steht im Raum, doch was ist mit dem anderen Ufer gemeint? Das Jenseits? Sehnen sich Menschen nach dem Tod?Oder möchten Menschen einen neuen Anfang an einem anderen, besseren Ort? Wir befinden uns im Herbst, die Buntheit der Bäume vermittelt noch etwas wie eine Hoffnung…

Mit den ungelösten Fragen und mit dem Bild von Wartenden, die geholt werden wollen führt uns der Autor in die zweite Strophe. Er spricht jetzt als ein Ich. Er macht sich auf den Weg nach Hause, das Bild von dem rostigen Schiff, von den wilden Farben der Herbstbäume und  den Wartenden ist noch auf der Netzhaut, da sieht er die Tintenpilze aus dem Boden schießen. Und jetzt  auf einmal ist sich der Autor sicher. Keine Spur mehr von Mutmaßung und unsicherem Abwägen: Ich, sagt er jetzt, ich sehe diese Tintenpilze und ich weiß, dass es hilfesuchende Finger sind. Von einem, der in einer existenziellen Notlage ist und Beistand benötigt. Die aufschießenden Pilze erfahren eine mystische, beklemmende Deutung durch den Autor selbst. Zweimal haben wir in dem Gedicht Hilfesuchende: Die Wartenden von Strophe eins, die ans andere Ufer gebracht werden wollen und dieser Unglückselige, der seine Finger in Form von Tintenpilzen durch die Grasnarbe steckt. (Von Knollenblätterpilzen nahm man in der Pflanzenmystik an, dass die Toten sie unterirdisch als Trompeten spielen).Die abschließende Gedichtzeile „Wir gehören der Erde“ kommt überraschend und scheinbar ohne kausale Verbindung zum vorher Gesagten. Ist es eine Warnung an die menschliche Hybris im Sinne des Ausspruchs von Häuptling Seattle, dass  die Erde nicht uns gehört, sondern wir der Erde? Oder ist der Satz ein Hinweis auf die Beerdigungsfloskel „Asche zu Asche, Staub zu Staub“? Das Ziel des menschlichen Lebens ist es zu sterben, zur Erde, zur Ursprungsituation zurückzukehren. Ich glaube, der Autor fordert uns zu einer Vertiefung der Wahrnehmung auf. Das rostige Schiff ist eben nicht nur ein Wrack, sondern ein Verlust an Sicherheit. Die Bäume in ihren wilden Farben nicht nur Natur im Jahreszeitenkontext, sondern Signale für Wartende, die aufschießenden Pilze sind gar hilferufende Finger. So wäre eine mögliche weitere Lesart des Wir gehören der Erde  eher tröstlich als Geborgenheit und Aufgehobensein im Kreislauf der Natur, wie wir es von vielen anderen Gedichten auch kennen. 

Deine Tage gehen falsch,  
Deine Nächte stehn voll öder Sterne.
Immer kommen hunderte Gedanken,                                                               immer  gehen hunderte Gedanken.

Kannst du dich erinnern?                                                                                     Einmal warst du                                                                                                       nur ein Boot in einem grünen Flusse,                                                                 einmal hattest du die Füße eines Baumes                                                         und du warst im Hafen der Erde verankert.

Du musst wieder dorthin zurückkehren
den alten Regen trinken und Blätter gebären.
Deine Schritte sind zu hastig,
deine Worte, dein Gesicht macht dich gemein.
Du musst wieder stumm werden, unbeschwert,
eine Mücke, ein Windstoß, eine Lilie sein.

Günter Eich (aus: Gesammelte Werke, Band I, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973)

                 

 

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5 Kommentare zu „Herbstlyrik

  1. Klasse Beitrag für mich großen Lyrik Fan, der auch den Tomas Tranströmer sehr schätzt,

    aber die Poeme vom Lars Gustafsson noch mehr, und sowieso seine Romane Risse in der Mauer, wofür er allein schon hätte den Nobelpreis bekommen müssen!!

    Feiner Eintrag, Herbert, mit einer tollen Gedichtinterpretation!

    Dir einen schönen Tag wünsche, liebe Herbstgrüße vom Lu

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke, Lu, für den Besuch und Kommentar. Von Lars Gustafsson habe ich vor längerer Zeit Erzählungen gelesen, seine Lyrik kenne ich überhaupt nicht. War also ein guter Hinweis von Dir. Bin immer wieder von Deinen Beiträgen angetan, habe ja selbst mal einige Jahre in der Kesselstadt gearbeitet.
      Viele Grüße und gute Herbstanregungen und eine gute Zeit.
      herbert

      Gefällt 1 Person

  2. Neben der Begeisterung für Tomas Tranströmer kann ich ebenfalls die Begeisterung für die Lyrik von Lars Gustafsson teilen! Jahrunderte und Minuten, die Gedichtauswahl bei S. Fischer, ist hervorragend!

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