Thomas Pynchon:Die Versteigerung von No.49

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Thomas Pynchon (Zeitpunkt der Aufnahme unklar)

Die Rezensionen von Thomas Pynchons neuestem Roman Bleeding Edge klingen noch nach, da habe ich aus einer meiner Kisten noch ungelesener Bücher Pynchons früheren Roman Die Versteigerung von No.49 geholt, um die vielbesprochene  Pynchonwelt kennenzulernen.  Dieser auch vom Umfang überschaubare Text (202 Seiten) eigne sich gut als Einstieg,  wurde mir von Freunden versichert. Pynchon lite. 

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Die Versteigerung von No. 49

Ausnahmsweise zitiere ich gleich den ersten  Satz des Romans, der 1966 erschienen ist:

An einem Sommernachmittag kam Mrs. Oedipa Maas von einer Tupperware-Party, deren Gastgeberin vielleicht allzuviel Kirsch in das Fondue getan hatte, nach Hause und bemerkte, dass sie, Oedipa, zum Testamentsvollzieher oder, was sie annahm, zur Testamentvollzieherin des Vermögens eines gewissen Pierce Inverarity eingesetzt worden war, der wieder war Großgrundbesitzer in Kalifornien gewesen, hatte mal in seiner Freizeit zwei Millionen Dollar verloren, aber auf vielen und verschlungenen Wegen immer noch genügend Aktiva flüssig machen können, um aus diesem Schlamassel mehr als blütenweiß wieder herauszusteigen. 

Wie man sieht, ist die Ausgangslage relativ simpel, ähnlich wie bei Saul Bellows Humboldts Vermächtnis was folgt ist allerdings eine bizarre, phantastische Reise in eine Welt voller Andeutungen, Verwirrungen, wahnhaften Vorstellungen und Verschwörungen. „Oedipas Weg zum Ziel wird zu einem Horrortrip durch die Welt der USA“, verrät der Klappentext, „eine Gegenwelt, die vielleicht von einer Gegenorganisation gesteuert wird.“

Der verstorbene Pierce Inverarity war berüchtigter Immobilienspekulant und Oedipas  Ex-Liebhaber. Als  Leser fragt man  sich sofort, warum dieser gerade die in Vermögensgeschäften unbedarfte Hausfrau Oedipa Maas als Testamentsvollstreckerin ausersehen hat, eine der vielen Fragen, die bis zum Ende des Buches nicht beantwortet sein werden. 

Gleich zu Beginn verrät Thomas Pynchon bei verschiedenen Personencharakterisierungen seine ganze Meisterschaft, so bei der Darstellung von Oedipas Ehemann Mucho Maas, ehemals Gebrauchtwagenhändler und jetzt Diskjockey bei einem Radiosender; bei Dr.Hilarius, ihrem „Seelenklempner und Psychotherapeuten“, der sie für eine Testreihe für Hausfrauen in der Anwendung von LSD, Meskalin und anderer Drogen gewinnen will. Doch Oedipa lehnt ab, sie hat ja ihre Mission. 

Zusammen mit Metzger, einem der Anwälte Pierce Inveraritys zieht sie los nach San Narciso, um sich in Pierces Büchern und Geschäftsberichten zu vertiefen. Hier in der Nähe von L.A. befindet sich das Zentrum seiner Liegenschaften, Büros, riesigen Firmen und Unternehmen: Yoyodyne. Sie freundet sich in einem Motel mit der Popgruppe „The Paranoids“an, und kommt bei ihren Nachforschungen auf die Spur von Trystero, ein sehr seltsames Postbeförderungssystem, das seit Jahrhunderten im Untergrund gegen das staatliche Postsystem der USA operieren soll. Sie stößt auf eine Fülle von Zeichen und Bildern-Bruchstücke, die sich weder Oedipa noch der Leser schlüssig zu einem Bild zusammensetzen können.  Sie hat eine Affäre mit Metzger und ihr eigentlicher Auftrag, dass alles inventarisiert und taxiert werden müsste, gerät eine ganze Zeit völlig in den Hintergrund.

Was für mich ganz spannend begonnen hatte, verdichtete sich jetzt allmählich zu einem Gewebe von Mutmaßungen, Zeichen und Symbolen, die das Geschehen umgeben. Ich sage bewusst „Geschehen“ und nicht „Handlung“, denn die Personen scheinen alle manipuliert, ausgeliefert einer übergeordneten, vom Verstand nicht zu kontrollierenden Macht.

An der Klowand (einer Bar; Einfügung von mir) fiel ihr zwischen lippenstiftgemalten Obszönitäten die folgende, fein säuberlich in Druckbuchstaben geschriebene Botschaft auf: Pynchon Botschaft

WASTE? wunderte sich Oedipa. Unter die Nachricht war mit Bleistift ein Symbol gezeichnet, das sie noch nie gesehen hatte, eine runde Windung, ein Dreieck und ein Trapez, so:Pynchon Posthorn

Es war vielleicht irgendeine Schweinerei, aber irgendwie zweifelte sie daran.

„Vielleicht“ und „irgendwie“ sind Worte, die für meinen Geschmack etwas zu häufig vorkommen. Gut, Mitte der Sechziger Jahre, als das Buch erschien, gab es bestimmt eine große Verunsicherung in den Staaten,  Präsident Kennedy war ermordet worden, ein immer stärkeres Engagement im Vietnam-Krieg war vereinbart und durchgeführt. Verunsicherug und Verschwörungstheorien hatten Hochkonjunktur. Kann sein, dass Thomas Pynchon das auf seine Weise abbbilden wollte in diesem Roman. 

Immer häufiger begegnet Oedipa dem Symbol. Die Historie von Thurn und Taxis wird eingeflochten, ein Theaterstück The Courier’s Tragedy wird besucht, wir erfahren von Briefmarken-Fälschungen,  Songtexte der Paranoids durchbrechen das Geschehen. Die Selbstzweifel Oedipas werden immer größer, sie hat Anfälle, Absencen, als Leser hat man Sympathie für diese Hauptfigur, die so umherirren muss. (Wie einst der König von Theben,  Oedipus?).

Das Symbol(wie oben abgebildet) stellt ein Posthorn dar mit einem Dämpfer, erfährt man schließlich, was im übertragenen Sinn wohl bedeutet: die Kommunikation, der Informationsfluss ist behindert, wenn man Trystero als gegeben annimmt: unterwandert. 

Im vorletzten Kapitel kommt sie nach Berkeley, Oedipa erinnert sich an ihre eigene Studienzeit. Als Leser war ich froh,  zwischendurch einen Textabschnitt zu bekommen, der sowas wie Realität abbildet: Ihr eigenes Studium hatte sie zu einer Zeit hinter sich gebracht, in der die Nervenenden noch gepolstert waren, in einer Zeit der Sanftmütigkeit und Nachgiebigkeit, die sie nicht nur bei ihren Altersgenossen, sondern auch bei dem größten Teil der sichtbar sie umgebenden wie auch der vor ihnen liegenden Strukturen angetroffen hatte…Hier dieses Berkeley hatte so ganz und gar keine Ähnlichkeit mit dem schläfrigen Nest Siwash ihrer eigenen Vergangenheit, sie hatte das Gefühl, als wäre es eher verwandt mit diesen fernöstlichen oder lateinamerikanischen Universitäten, von denen man so oft liest, mit diesen autonomen kulturellen Medien also, wo sogar die heiligsten der Volksbräuche in Zweifel gezogen werden können, Meinungsverschiedenheiten mit der Gewalt von Sintfluten ausgetragen werden…

Oedipa wird gegen Ende des Romans immer nachdenklicher und melancholischer und einsamer. Sie begann nämlich langsam einen richtigen Widerwillen dagegen zu entwickeln, irgendeiner Sache auf den Grund zu kommen… Sie kam sich vor wie eine flatternde Gardine in einem sehr hohen Fenster, die versucht, über einen Abgrund hinweg zu den andern hinüberzuwehen.

Bildet sie sich alles nur ein?Hat das alles Pierce Inverarity vor seinem Tod noch angezettelt, ganz San Francisco mit Posthörnern überschwemmt,um sie zur Verzweiflung zu bringen,  gibt es einen Sinn dahinter?    

Am erträglichsten schien ihr immer noch, geisteskrank zu sein, und Schluss.  

Am Ende herrscht eine wehmütige melancholische Stimmung, die ich gut gelungen und überzeugend dargestellt fand von Thomas Pynchon.    Das versöhnte mich als Leser nach so mancher Abneigung gegen einige Abschnitte des Buches.   Zur titelgebenden Versteigerung kommt es übrigens erst ganz zum Schluss. No.49 ist eine gefälschte Briefmarke. Noch bevor die Marke aufgerufen wird, endet der Roman.  

Der Auktionator räusperte sich. Oedipa lehnte sich zurück und wartete auf das Versteigerungsobjekt No 49.

 

Ich denke, dass ein Autor bei einem Text, in dem grundsätzlich alles möglich sein soll, fern jeder Rationalität und Lesererwartung, aufpassen sollte,  sich nicht dem bloßen Klamauk anzunähern.  Zur hermetischen Verdunkelung neigend ist Pynchon allemal, das kenne wir auch von so manchen Lyriker(inne)n, das kann ein Text meiner Meinung nach gut vertragen, wenn Bilder und Metaphern uns berühren. Zuviele April-April-Effekte möchte ich mir allerdings nicht antun, auch wenn manche Kritiker dies dann als postmodern einstufen und meine Lesererwartung als spießig.

Vor der Lektüre habe ich keine Rezensionen zum Buch gelesen, was ich im Nachhinein vorgefunden habe, hat mich doch überrascht, welche Fülle und Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten!

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Thomas Pynchon

Zu den Portraits: Ich habe kein auch nur annähernd gegenwartsnahes Portrait ausfindig machen können, immerhin wird der Autor bald 80 Jahre alt. Es ist aber bekannt, dass der Autor völlig zurückgezogen in New York lebt. Bereits 1973 zur Übergabe des „National Book Award“ sandte er einen Komiker!

Mein Leseexemplar war aus der Reihe „Rowohlt Jahrhundert“ Nr. 84.

Heute ist das Buch als rororo TB, ISBN 978-3-499-13550-7, 208 Seiten, für € 8,99 im Buchhandel erhältlich.

Rezensionen und weiterführende Artikel:(kleine Auswahl)

Textem

Pynchonwiki.com

dreizehn-Magazin.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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18 Kommentare zu „Thomas Pynchon:Die Versteigerung von No.49

    1. Als erstes: ich hoffe doch, dass ich mit ohneeinander von Fabulierlust beim „du“ bleiben kann?! (Lit-Fans unter sich).

      Dein link war leicht fehlerhaft, wie du ja bemerkt hast. Richtig lautet er: Artikel Winkels: http://www.cicero.de/salon/ein-u-boot-im-wuestensand/43966

      Danke für die Literatur-Hinweise. Italo Calvino kenne ich, ja, finde ich auch beeindruckend, die Lektüre ist allerdings schon eine Weile her. Robert Mattheis ist mir ganz neu, das habe ich mir notiert. Ich lese gerade Lobo Antunes , bis jetzt bin ich begeistert.
      Schöne Grüße aus Baden-Baden, werde heute mal deine älteren Beiträge ansehen. Leider geht so viel Gutes so schnell unter im Blogger-Keller.

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      1. Warum mein Link nicht ging, weiß der Fuchs. Gerne können wir beim ‚du“ bleiben. Ich wußte nicht so genau, ob dir das recht ist ☺️
        Robert Mattheis „Hohlkörper“ ist ein Debütroman. Deshalb ist er relativ unbekannt. Wer postmoderne Literatur mag, sollte nicht verpassen diesen Roman zu lesen.
        Es freut mich, wenn ich mit Fabulierlust, dein Interesse geweckt habe. Aber erwarte nicht zu viel. Ich schreibe gelegentlich kleine Storys. Rezensionen schreibe ich nicht, weil ich das nicht kann. Aber ich kenne mich schon ein wenig in der Literatur aus. Ich lese gerne Thomas Mann, Martin Walser, Albert Camus, Peter Stamm und vorallem auch gerne junge und unbekannte Autoren.

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    1. Vielen Dank für den Besuch, das Interesse an meinem Beitrag und für den link zu dem langen Artikel in Cicero.
      Ich mags ja auch gerne anspruchsvoll, zu einem Studienobjekt sollte allerdings ein Text für mich nicht werden. (Es warten noch so viele Bücher, auf die ich gespannt bin, und die ich noch lesen will). Ich habe den Eindruck, unter „Postmoderne“ kann man alles unterbringen, was nicht so ganz zum Mainstream passt. Pynchon deutet die Welt auf seine Weise, er benutzt dabei Material, das nicht unmittelbar zugänglich ist, mir persönlich sollte es halt nicht zu kryptisch werden. Ich habe aber Verständnis für diejenigen Literaturbegeisterten, die sich an dem metasprachlichen und intertextuellen Spiel erfreuen und begeistern und sich gründlich damit befassen.

      Nochmals danke und viele Grüße
      Herbert

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      1. Der Artikel war nicht im Cicero, sondern erschien 4/2006 in der Zeitschrift Literaturen. Cicero hat Literaturen übernommen, nachdem die Gründungsherausgeberin ihre Position aufgab. Cicero bringt „Literaturen“ nur noch als Beiheft heraus.
        Beste Grüße und einen schönen Sonntag.

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      2. Falls Sie irgendwann noch mal die Lust und Laune auf einen postmodernen Roman haben, empfehle ich Ihnen Italo Calvino „Wenn ein Reisender in der Winternacht“ oder von Robert Mattheis „Hohlkörper“. Beide Bücher sind definitiv kein Mainstream. Bei Calvino findet man großartige Zitate und Hohlkörper gibt einen absurden Einblick in die Medienwelt.

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  1. „Doch Oedipa lehnt ab, sie hat ja ihre Mission.“ Es scheint ein Fall vom-Regen-in-die-Traufe zu sein, von Versuchskaninchen „in der Anwendung von LSD, Meskalin und anderer Drogen“ zu: „Am erträglichsten schien ihr immer noch, geisteskrank zu sein, und Schluss.“, und ich dachte schon, mit einem konkreten Auftrag seit man gefeit im Leben. Dieser psychodelische Klang-und Sinn-Nebel lockt mich erst mal nicht. Aber so zusammengefasst war’s ein schönes Lesen. Danke. Das Trystero-Symbol erinnerte mich an den vergessenen Kult von „Kilroy was here“ und an die Drudel von Roger Price. Strange!

    PS: wenn man ‚Pynchon‘ und ‚Simpsons‘ in die Suchmaschine eingibt, findet man ein weiteres Portrait.

    PPS: Ich war glücklich, der „Rowohlt Jahrhundert“ Reihe wieder zu begegnen, erinnere mich noch am Erscheinen der ersten Bände: Musil, Mann ohne Eigenschaften, noch so ein schwieriges Buch, und um etliches dicker … Und siehe da, Heinrich Manns Henry Quatre war auch da erschienen!

    Gefällt 3 Personen

    1. Ja, bei schröersche entdeckt man doch immer wieder den echten Kenner. Danke auch für den Hinweis mit den Simpsons. Da ist er wohl aufgetreten im Fernsehen, der gute Pynchon.Ich bereue es ja nicht, dieses Buch gelesen zu haben, es war aber nicht das große Lesevergnügen für mich. Aber das spricht nicht gegen den Roman.
      Danke und viele Grüße
      Herbert

      Gefällt 3 Personen

    1. Wie gesagt: ich probierte es erst einmal mit einem scheinbar „leichtgewichtigeren“ Pynchon. Ich mag ja durchaus komplexe Handlungen, auch Groteskes und Phantastisches, schön wäre es, wenn noch ein wenig Humor dabei wäre. Es gibt auch, vor allem in den Staaten, eine große Pynchon-Fan-Gemeinde, die unentwegt damit beschäftigt ist, versteckte Verschlüsselungen aufzuspüren…Das wird mir dann zu akademisch.
      Harry Mulisch hat mir auch gefallen, da habe ich noch Ungelesenes. Ich glaube: „Das Attentat.“
      Danke für deinen Besuch und Kommentar. Viele herzliche Grüße

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      1. Ja, „Das Attentat“ -ein gutes und wichtiges Buch, hat mich sehr beschäftigt: welcher Widerstand ist angemessen? Wie arrangiert man sich in der Diktatur? Wie geht man um mit alter Schuld, der eigenen, die der anderen, etc. Auch die Empfindungenm des jungen Zeitzeugen als Heranwachsenden finde ich einfühlsam geschildert.

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