Pat Barker: Niemandsland/ Erster Weltkrieg-Trilogie

Pat Barker wurde 1943 in Thornaby-on-Tees geboren. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie, studierte an der London School of Economics und unterrichtete Geschichte und Politik. Für den Roman „The Ghost Road“, den letzten Band der „Regeneration“-Trilogie, erhielt sie 1995 den Booker Prize.

Pat Barker, Autorin
Pat Barker, Autorin

Der vorliegende Roman Niemandsland, der erste Band einer Trilogie  (Original: Regeneration )von Pat Barker erschien erstmals 1991. Und die Autorin nimmt sich eines Themas an, das auch bei deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg massenweise auftrat:  Psychische Störungen, von denen nach den Kämpfen in den Schützengräben Tausende betroffen waren. Literatur und Schreiben

 

Im Militärkrankenhaus Craiglockhart sind im Sommer 1917 Soldaten untergebracht, die als Folge der Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg psychische Schäden davongetragen haben. Behandelt werden sie unter anderen von Dr. Rivers, der  für die damalige Zeit äußerst fortschrittliche, auf der Psychoanalyse Freuds begründete Verfahren der Gesprächstherapie anwandte, um die Soldaten von ihren Leiden zu befreien. Im Englischen spricht man von shellschock, wenn von diesen schweren psychischen Störungen die Rede ist. In der deutschen Übersetzung wird der Ausdruck Granatschock verwendet, gebräuchlich sind in der Literatur auch die Umschreibungen  Kriegszittern, Schüttelneurose, Kriegshysterie und Kriegsneurose. 

Der Roman ist nur teilweise fiktiv, sowohl das Krankenhaus mit seinem Leiter Dr.William H. Rivers, als auch die beiden  Kriegsdichter Wilfred Owen und Siegfried Sassoon, zwei junge Offiziere, die zur Behandlung in Craiglockhart eingeliefert werden, sind reale Figuren der Geschichte.

Literatur und Schreiben
Dr. W.H.R. Rivers, Psychiater, Anthropologe, Ethnologe

Pat Barker erzählt in einem sachlichen, unaufgeregten aber spannenden Stil; ich war als Leser sofort in die Situationen eingebunden und von den Ereignissen mitgezogen. 

Das Geschehen beginnt mit einem Brief, den der mit Orden ausgezeichnete, junge Offizier und Dichter Siegfried Sassoon an das Englische Parlament richtet, und in dem er sich beschwert, dass der Krieg nicht beendet wird und weiter unnötig Leiden und tausendfachen Tod fordert. Sasson ist es ernst, er möchte Aufsehen erregen und sogar vor einem Kriegsgericht seine Sache vertreten. Aber die Militärführung möchte keine Märtyrer, und Offiziere sollen auch nicht als Feiglinge dastehen. Auch das Krankenhaus fürchtet um seinen Ruf, es könnten dort Kriegsdienstverweigerer und Simulanten unterkommen. Sassoons Freund Robert Graves sorgt schließlich dafür, dass Sassoon eine „passende“ Diagnose bekommt, die ihn nach Craiglockhart bringt. Es ist von einem schweren psychischen Zusammenbruch die Rede.  

Nacheinander werden wir mit verschiedenen Kranken mit den unterschiedlichsten Symptome bekanntgemacht. Keine Frage: Die Autorin hegt große Sympathie für die Soldaten, insbesondere aber auch für Dr. Rivers mit seinen humanen, rücksichtsvollen Behandlungsmethoden und seine einfühlsame Annäherung an die Patienten. Ihre schrecklichen Erlebnisse hatten sie an der Front in Frankreich. 

Wir begegnen David Burns, der solch bizarre Todesnähe und schreckliche Mörserexplosionen erlebt hat, dass er nicht mehr essen kann und sich dauernd übergibt, da ist der Militärarzt Anderson, Chirurg,  der kein Blut mehr sehen kann und an schrecklichen Alpträumen leidet und seinen Beruf nicht mehr wird ausüben können, da finden wir Billy Prior vor, einen der Hauptcharaktere des Buches, der stumm ist bei seiner Ankunft und nur schriftlich mit den Ärzten kommunizieren kann.

Rivers klärt ihn auf: „Ich denke mir…Mutismus dürfte auf den Konflikt zurückgehen, etwas sagen zu wollen und gleichzeitig zu wissen, dass das katastrophale Folgen haben wird. Also löst man das Problem dadurch, dass man nicht mehr sprechen kann. Und für den einfachen Soldaten, der seine Meinung offen sagt, sind die Konsequenzen immer schwerwiegender als für einen Offizier. Bei Offizieren äußert sich das meist in Stottern.“

In der Tat entwickelten gemeine Soldaten und Offiziere verschiedenartige Symptome: Hysterie, Lähmung, Blindheit, Taubheit, Stummheit, Kontrakturen von Gliedmaßen, Hinken waren die häufigsten beim Soldaten, während Offiziere häufig Alpträume erlebten, Schlaflosigkeit, Schwindelanfälle, Depressionen, Desorientiertheit und Stottern. 

Die Gespräche mit den Traumatisierten werden geschildert, der Kampf, den sie mit sich ausfechten, man darf nicht vergessen, es tobt der Krieg, die Soldaten werden an der Front gebraucht, die Menschenvernichtung ganzer Generationen ist im vollen Gange. Und viele hatten sich freiwillig gemeldet, auch die jungen Offiziere in Craiglockhart. Es könnte nach Feigheit aussehen, nach Drückebergerei.

Auch Rivers selbst befindet sich in schweren ambivalenten Gewissenszuständen:      Als Stabsarzt der Regierung unterstellt, ist es Dr. Rivers Aufgabe, die jungen Offiziere mental wieder in einen Zustand zu versetzen, dass sie an die Front zurück können, um dort zu kämpfen. Andererseits ist er einfach Mensch und ihm ist bewusst, was es bedeutet, die Soldaten erneut in die Schützengräben zu schicken. Wir bekommen  die innere Qual des Arztes gezeigt, seine Zweifel an seiner Arbeit, die ja auch etwas Paradoxes an sich hat: Heilung von Menschen, um sie anschließend dem Tod anheim zu geben. Nach den vielen Gesprächen mit den traumatisierten Männern kam er zu neuen Erkenntnissen:

Rivers wurde in seiner Ansicht bestärkt, dass der Zusammenbruch vor allem durch lang anhaltenden Stress, Immobilität und Hilflosigkeit herbeigeführt wurde und nicht etwa durch plötzliche Schocks oder furchtbare Erlebnisse, die von den Patienten meist als Grund betrachtet wurden. So ließe sich auch erklären, warum Angstneurosen und hysterische Störungen in Friedenszeiten vor allem bei Frauen auftraten, die aufgrund ihrer relativ eingeschränkten Lebenssituation nicht so viele Möglichkeiten hatten, aktiv und konstruktiv auf Stress zu reagieren. Jede Kriegsneurosentheorie würde berücksichtigen müssen, dass Krieg und Gefahr und Entbehrung bei Männern die gleichen psychischen Störungen auslösten wie in Friedenszeiten bei Frauen. 

In welch vergleichsweise komfortablen Situation sich die  Soldaten in Craiglockhart befanden,  wird klar, als Dr. Rivers selbst eine damals übliche Standardbehandlung an einem anderen Krankenhaus miterlebt. Da wird mit Stromstößen gearbeitet. Diese Elektroschockbehandlungen wurden für alle Arten psychischer Beeinträchtigungen angewandt.

 Ein Patient Callan,  der nach Kämpfen in Frankreich die Sprache verloren hat, wird vorgeführt. „Sie müssen Ihr Sprachvermögen schnellstens wiedererlangen“,  sagt der behandelnde Arzt,…“ Sie müssen sprechen, vorher kommen Sie hier nicht hinaus.“ Die Elektrode wird in den Rachen des Patienten eingeführt. Callan wurde mit solcher Wucht zurückgeworfen, dass die Drähte aus der Batterie rissen…“Sie sind nun für die zweite Behandlungsphase bereit, die in der Anwendung von starken äußerlichen Schocks auf den Hals besteht. Diese übertragen sich auf den Kehlkopf, sodass Sie bald flüstern können, was immer Sie wollen“, sagt der Arzt. Der Patient wird festgeschnallt, es dauert über drei Stunden, bis Calland die Wochentage aufsagt. Und so ging es weiter, durch das Alphabet, die Wochentage, die Monate – die Stromstöße schwankten dabei zwischen leicht und extrem stark -, bis Callan normal sprach.“

Aber auch die Liebe hat ihren Auftritt in diesem schreckensvollen Zeitgemälde. Dass es Billy Prior ist, der sie kosten darf, freute mich als Leser besonders, aber wird sie ihn  wirklich wieder aufrecht gehen lassen? Sarah, mit der er sich bei einem Ausgang anfreundet,  arbeitet wie viele andere Frauen in einer Munitionsfabrik, wo sie ihre Gesundheit ruinieren.  Hoffnungsvolle Erwartung kommt auf, was das Überleben von Mitmenschlichkeit betrifft, in einer Zeit, da alles todgeweiht scheint, alles in den Dienst des Krieges gestellt ist. Der Dialog zwischen Liebenden im Krieg aber lebt von Verdrängen und Verschweigen:

„Wenn sie das Schlimmste wüsste, konnte sie kein Zufluchtsort mehr für ihn sein. Ihm kam ein Gedanke, der ihm noch nicht ganz klar war. Soldaten sagten, dass sie ihren Frauen nichts von Frankreich erzählten, um sie nicht zu beunruhigen. Aber es war mehr als das. Er brauchte ihre Unwissenheit, um sich darin zu verstecken. Doch gleichzeitig wollte er, dass sie möglichst viel voneinander wussten. Und diese beiden Wünsche waren unvereinbar.“

Obwohl die Verfasserin weit davon entfernt ist, eine Grausamkeit an die andere zu reihen oder Rührseligkeit zu verbreiten und pazifistische Belehrungen, ich war sehr ergriffen von dem Buch, ungläubig, wozu Menschen bereit sind. Der Versuchung, mit Vernunft und Argumentation die Vorgänge erklären zu wollen, sollte man besser gar nicht erst erliegen. Die Rede von Opfermut und Heldentum ist in diesem Buch entlarvt als leere Phrase.

„Regeneration“ (1991) ist der erste Teil einer Trilogie, die Pat Barker über den Ersten Weltkrieg geschrieben hat. Die Titel der beiden anderen Bände lauten: „The Eye in the Door“ (1993) und „The Ghost Road“ (1995). Matthias Fienbork übersetzte die Trilogie ins Deutsche: „Niemandsland“ (1997), „Das Auge in der Tür“ (1998) und „Die Straße der Geister“ (2000).

Literatur und Schreiben
Pat Barker: Niemandsland

 

Pat Barker: Niemandsland

Carl Hanser Verlag München Wien

ISBN 3-446-18921-1

Die Originalausgabe erschien  erstmals 1991       unter dem Titel Regeneration bei Viking in             London

 

 

 

Gillies MacKinnon verfilmte den Roman „Niemandsland“ von Pat Barker.

Ich wusste zunächst nicht, dass es sich um eine Trilogie handelt, die Folgebände habe ich sofort bestellt. Ich hatte mir letztes Jahr zum Hundertjährigen Weltkriegsbeginn kein besonderes Projekt vorgenommen. Andere Blogger(innen) haben zum Thema bemerkenswerte Beiträge geliefert:

Eine ausführliche Zusammenstellung von Erster Weltkriegs-Literatur bietet der österreichische Literaturblog Duftender Doppelpunkt.

Zu Ernst Jüngers In Stahlgewittern schreibt Literatwo. Auch interessante Anmerkungen zur Entstehung der endgültigen Fassung.

Ebenfalls zu In Stahlgewittern DocTotte.

Literaturundfeuilleton  hat eine eigene Kategorie ERSTER WELTKRIEG. Hervorragend hat mir gefallen die Rezension von Lisa Glöckner zu Gabriel Chevallier: Heldenangst

Saetzeundschaetze hat mehrere gute Beiträge zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts anzubieten:

Der Krieg frisst seine Dichter. Mit Beiträgen zu August Stramm, Alfred Lichtenstein und Georg Trakl.

Extra-Seite zu Georg Trakl:

http://saetzeundschaetze.com/2014/11/03/georg-trakl-3/

Rezension zu Ernst Glaeser: Jahrgang 1902. Zum gleichen Buch schreibt auch

http://literatourismus.net/2014/01/ernst-glaeser-jahrgang-1902/.

Norman Weiß hat auf notizhefte.wordpress.com bereits 2014 ein Cenntenarium-Leseprojekt gestartet und gibt hier eine Zwischenbilanz.Seine Sicht richtet sich auch auf die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung vor Ausbruch des Krieges.

Uwe Kalkowski von kaffeehaussitzer.de hat ein großangelegtes Leseprojekt vorgestellt. Ausführliche, kenntnisreiche Besprechungen, zuletzt zu Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Auf muromez.wordpress.com lesen wir eine bemerkenswerte Rezension zu Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues.

Die Flut an Texten reicht von Regimentsgeschichten bis zu militärischen Fachbüchern. Ich selbst bin mehr an der romanesken Bearbeitung der Thematik interessiert, die ja nicht unproblematisch ist. Selbst heute, da wir vermeintlich aus ruhiger Überlegtheit und Distanz die Vorgänge betrachten können, gibt es noch viele Differenzen in der Beurteilung dieser Zeit.

Brecht hat in einem Gedicht geschrieben:

 Freilich, es gibt Liebhaber der Kriege, Fachleute für Kriege, Handwerker               Leidenschaftlich geneigt diesem Handwerk mit goldenen Boden…

 

 

 

 

 

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3 Kommentare zu „Pat Barker: Niemandsland/ Erster Weltkrieg-Trilogie

  1. Danke für die ausführliche und informative Besprechung zu diesem Buch, das ich etwas aus den Augen verloren hatte – vielleicht gehe ich die Trilogie nun doch noch einmal an. Und natürlich herzlichen Dank auch für die Verlinkungen – da befindet sich unser Blog in illustrer Gesellschaft!

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  2. „Der Versuchung, mit Vernunft und Argumentation die Vorgänge erklären zu wollen, sollte man besser gar nicht erst erliegen. Die Rede von Opfermut und Heldentum ist in diesem Buch entlarvt als leere Phrase.“ – eben dies verleitet mich, die Trilogie lesen zu wollen. Danke für die anregende Besprechung.

    Für englischsprachige Leser gibt es eine reiche Quelle and Besprechungen und Diskussionen zum Thema unter [http://dovegreyreader.typepad.com/dovegreyreader_scribbles/a-crisis-of-brilliance/] und dort auf dem Blog in den übrigen Jahren rund um Remembrance Day. Ich las auf Anregung „A Month in the Country“; in der Erzählung ahnt man nur zwischenh den Zeilen die Abgründe.

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