Saul Bellow: Humboldts Vermächtnis

Der Verlag Kiepenheuer&Witsch bewirbt die Bücher von Saul Bellow mit dem Hinweis, dass dieser der Lieblingsautor von Barack Obama sei.

Das war natürlich nicht der Grund, warum ich seinen Roman Humboldts Vermächtnis zur Lektüre ausgesucht habe. Der Roman ist bereits 1975 erschienen, damals noch in der Übersetzung von W. Hasenclever. Davon besitze ich zwar ein Exemplar, ich habe mir jedoch die Neuübersetzung von Eike Schönfeld  besorgt, für die er 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung bekam. 

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Saul Bellow

 

Saul Bellow wurde 1915 in Lachine bei Montreal geboren, 2 Jahre nachdem seine jüdischen Eltern aus Russland emigriert waren. 1924 zog die Familie nach Chicago, die Stadt, die später den Hintergrund bildete für viele seiner Bücher. Er studierte Soziologie und Anthropologie, reiste nach dem Krieg 2 Jahre durch Europa und lehrte an der University of Chicago Literatur und Creative Writing. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war er einer der wichtigsten amerikanischen Autoren. Als einziger erhielt er den National Book Award for Fiction dreimal. Für den Roman Humboldts Vermächtnis, der 1975 erschien, erhielt der den Pulitzer Prize, 1976 wurde ihm der Nobelpreis verliehen. Seine wichtigsten Werke sind:

Die Abenteuer des Augie March (1953), Herzog (1964) und Humboldts Vermächtnis (1975).

Die Handlung erschien mir zunächst sehr chaotisch.  Das Buch beginnt mit einer verwirrenden Fülle an Informationen.  Charlie Citrine, die Erzählstimme Bellows, springt nur so zwischen den Jahrzehnten und Schauplätzen hin und her.  Es sind die Dreißiger Jahre in New York. Ein Theaterstück von Citrine läuft am Broadway mit großem Erfolg.  Bewundernd spricht Citrine vom großen Dichter Humboldt Fleisher, der sein Freund und Mentor war. Aber: „Ende der Vierziger Jahre begann sein Stern zu sinken, Ende der Fünfziger wurde ich selbst berühmt.“   Und gleich ein paar Seiten weiter lästert er über seinen ehemaligen Freund: „In seinen letzten Lebensjahren lief er, wenn er nicht gerade zu depressiv zum Reden war und nicht in der Klapse saß, in New York herum und erzählte bittere Sachen über mich und meine „Million Dollar“. In vielen  Episoden, weit ausholend, in überbordenden Szenen,  ab-und ausschweifend  , oft im Stil schwarzer Komik, erzählt Citrine vom Niedergang des manisch-depressiven Dichters Von Humboldt Fleisher, und  von seinem eigenen Leben, seinen Leidenschaften, Ängsten und Ideen.

Im Stimmungsraum zwischen Melancholie und Tragik mit einer beachtlichen Portion  Selbstironie kann sich der Leser gefasst machen auf eine bisweilen groteske Reise nach Chicago, New York, Madrid und Paris. Citrine ist inzwischen ein Mitfünfziger, Bürger von Chicago,  mit Ängsten vor dem Alter und er hat die Anthroposophie Rudolf Steiners entdeckt, die ihm Klarheit verschaffen soll über den Tod. Manche seiner wichtigsten Vorkommnisse in seinem Leben schildert er uns als „Meditation“, wie er seine Erinnerungen selbst nennt. Und so werden Zugreisen, Taxifahrten, Aufenthalte im Russischen Dampfbad, Gerichtssäle zum Ausgangspunkt spannender Berichte, wobei Sterben und Tod allgegenwärtig sind. Er möchte auf keinen Fall so enden wie Humboldt, vereinsamt, verarmt, bedeutungslos.

„In Chicago wurde Humboldt zu einem meiner bedeutendsten Toten. Ich verbrachte viel zu viel Zeit damit, über den Toten nachzudenken und mit ihm zu kommunizieren“.

Amerika, das große Unternehmen, braucht eigentlich keine Künstler, glaubt er. Und sie sind dem Untergang preisgegeben.

Denn schließlich hatte Humboldt das getan, was Dichter im groben Amerika tun sollen. Er lief Verderben und Tod noch konzentrierter hinterher, als er Frauen nachgelaufen war. Er pfiff auf sein Talent und seine Gesundheit und erreichte sein Zuhause, das Grab, in einer Staubwolke. Er buddelte sich selbst ein. Okay. Das tat auch Edgar Allen Poe, den man in Baltimore aus der Gosse zog. Und Hart Crane über die Reling eines Schiffs. Und Jarrell, der vor ein Auto fiel. Und der arme John Barryman, der von einer Brücke sprang. Aus irgendwelchen Gründen wird diese Schrecklichkeit vom geschäftlichen und technologischen Amerika seltsam geschätzt. Das Land ist stolz auf seine toten Dichter. Es empfindet durch das Zeugnis der Dichter, dass die USA zu hart, zu groß, zu viel, zu grob seien, dass die amerikanische Wirklichkeit einen überwältigt, eine ungeheure Befriedigung.

Citrine muss sich ständig seiner Jugendlichkeit und Fitness vergewissern, er spielt in einem Sportclub Chicagos Paddle Ball, eine Art Squash,  und er gibt auch zu, dass er sich damit vor einer jüngeren Frau aufspielt, Renata, Gefährtin und wie im weiteren Verlauf der Geschehnisse zu sehen: Intrigantin und Blutsaugerin. 

Charlie, der sich auch mit  dem Ganoven Cantabile einlässt,  hält sich für gewieft, in Wahrheit wird er von seiner Umgebung ständig übervorteilt und bedrängt.

Weil Citrine einen Scheck über Spielschulden platzen lässt, demoliert Cantabile  seinen Mercedes und demütigt ihn öffentlich. Seine Ex-Ehefrau Denise kommentiert:

„Du treibst dich mit deinen alten Chicagoer Schulkumpels herum, mit Irren. Das ist eine Art geistiger Selbstmord, ein Todeswunsch.“

Es geht ständig um Geld und Macht, in einer Schlüsselszene des Romans besiegeln Humboldt und Citrine eine Scheckbuchbrüderschaft. Beide stellen sich gegenseitig einen Blankoscheck aus, den der andere einlösen kann, „wenn er in der Klemme steckt“. Charlie Citrine berichtet:

Nun gaben wir uns die Hand- reichten uns alle vier Hände. Humboldt sagte: „Das macht uns zu Blutsbrüdern. Wir haben einen Bund geschlossen. Das ist ein Bund.“ Ein Jahr später hatte ich den Hit am Broadway, und er füllte meinen Blankoscheck aus und löste ihn ein. Er sagte, ich hätte ihn verraten, ich, sein Bruder, hätte einen heiligen Bund gebrochen, …, ich hätte ihn betrogen. Er hob sechstausendsiebenhundertdreiundsechzig Dollar und achtundfünfzig Cent von meinem Konto ab. Den Scheck, den er mir gegeben hatte, legte ich in eine Schublade unter ein paar Hemden. Wenige Wochen danach war er verschwunden und ist nie wieder aufgetaucht.

Hier und bei vielen anderen Gelegenheiten wird der gnadenlose Kapitalismus und der Niedergang der Amerikanischen Kultur dargestellt. Bellows Erzähler tut dies mal als Opfer sich betrauernd, mal ironisch selbstkritisch,  schließlich ist er zunächst selbst Nutznießer des Systems. Doch auch er gerät zunehmend in Schwierigkeiten, Denise, seine geschiedene Frau, lässt ihn nach und nach durch gewiefte Anwälte finanziell ausbluten, Renata, die Geliebte trachtet mit ihrer geldgierigen Mutter nach sorglosem Luxus in Europa. Er ist sehr um seine Anerkennung besorgt. Aus Angst vor dem Verlassenwerden lässt er sich über den Tisch ziehen.  Die ihn bejubeln wollen nur ihn oder sein Geld benutzen. Er sucht Hilfe in den anthroposophischen Anweisungen Rudolf Steiners Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?

Man dachte: Wie traurig, dieser ganze menschliche Unsinn, der uns von der großen Wahrheit abhält.

Als nach dem Tode Humboldts dessen Frau Kathleen mit einem Testament auftaucht, in dem auch Charlie Citrine bedacht wird,  kommt die Handlung erst richtig in Fahrt. Bei dem Vermächtnis handelt es sich um ein nach Meinung Charlies unbrauchbares Filmskript, Humboldt dagegen meint in seinem letzten Brief, es könne „Millionen einspielen.“

Das Geschehen verlegt sich nach Mailand,  Madrid und Paris, denn  Charlie Citrine soll einen Kultur-Baedecker für Europa verfassen. Er erfährt zu seiner großen Überraschung, dass aus dem Skript tatsächlich ein erfolgreicher Film gebastelt wurde. Ich möchte über den Ausgang des Romans nicht alles verraten, die Melancholie und Komik hält an bis zur letzten Seite. Der Handlungsreichtum im letzten Teil versöhnt etwas mit den  allzu häufig eingestreuten, manchmal schon Essay-Ausmaße annehmenden Reflexionen, das ganze Who is Who der Geistesgeschichte erscheint, oft konnte ich das mit dem aktuellen Romangeschehen in keinen rechten Zusammenhang bringen. Vielleicht aber mein Unvermögen.  

 

Einen unbekannteren Autor hätte man sicher vom Verlag zu Kürzungen verdonnert. 

Die Lektüre war ein echtes Leseerlebnis. Auch eine Herausforderung, bis ich die Zeitsprünge und Rückblenden mal in die Reihe gekriegt hatte am Anfang. 

Wäre noch nachzutragen: Als ich nach der Lektüre nach anderen Beiträgen suchte, erfuhr ich, dass die Figur Von Humboldt Fleisher offenbar dem realen Dichter namens Delmore Schwartz nachempfunden ist. Artikel hierzu.

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Cover

Saul Bellow

Humboldts Vermächtnis

Roman Taschenbuch

Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld

Preis € (D) 12,99 

ISBN: 978-3-596-17872-8

                                                      Leseprobe hier

 

 

 

 

 

 

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