Literatur-Diskussion-Rückblick 2014

Das Jahr beschliessen

möchte ich mit einem persönlichen Jahresrückblick, zu Themen, welche mir wichtig waren in der Literatur-Blogger-Szene 2014.

Das ist einerseits ein Beitrag für mein persönliches Archiv, andererseits gibt es mir die Gelegenheit, ein wenig Ordnung und auch Klarheit in bestimmte Diskussions-Abläufe zu bringen.

Es sind im wesentlichen 2 miteinander zusammenhängende Diskussionsthemen, die 2014 für Aufsehen sorgten:

1. Ist die deutsche Literatur langweilig, brav, angepasst, blutleer?

2. Steht der deutsche Roman vor seinem Niedergang? Sind die Schreibschulen Hildesheim und Leipzig dafür mitverantwortlich?

 

 Der todkranke Patient

 

In einem Artikel der ZEIT vom 20. Februar 2014 kommt Maxim Biller zu dem Schluss:

Die deutsche Literatur ist wie der todkranke Patient, der aufgehört hat, zum Arzt zu gehen, aber allen erzählt, dass es ihm gut geht.“

Er beschreibt

-die „müde Innerlichkeitsprosa von Handke und Strauß“,

-den „kalten. leeren Suhrkamp-Ton“

„Abwesenheit der jüdischen Ruhestörer Peter Weiss, Elias Canetti und Marcel Reich-Ranicki.“

Es fehlen seiner Meinung nach lebendige Stimmen von Migranten-Autoren. Als negatives Beispiel führt er Sasa Stanisic an, der in seinem langweiligen Roman Vor dem Fest sich laut Biller dem Anpassungsdruck des Literaturbetriebes gebeugt  und eine entsprechende Themenwahl getroffen habe.

Schreibinstitute fördern Austauschbarkeit

Einen anderen Ansatz verfolgt Florian Kessler. Im Artikel der ZEIT vom 23.01.2014 behauptet er, selbst Teilnehmer am Studiengang Kreatives Schreiben an der Uni Hildesheim, dass  die Konformität der Texte der deutschen Gegenwartsliteratur hauptsächlich den Schreibschulen Leipzig und Hildesheim zu „verdanken“ sei.

Er bemängelt, dass in den Studiengängen hauptsächlich Studenten aus der gehobenen Mittelschicht säßen, und da sie kaum über Lebenserfahrungen verfügten, verfassten sie anspruchslose Mittelschichts-Literatur. Florian Kessler verweist insbesondere auf den Literatur-Wettbewerb Open Mike, in dem neue Schriftsteller-Talente entdeckt werden sollen und nur Eintönigkeit vorherrsche.

Auch in anderen Beiträgen wird nicht mit Kritik gespart am Literaturbetrieb und der mangelnden Qualität vieler Texte. Der Literaturkritiker Helmut Böttiger beklagt wie Florian Kessler , dass viele junge deutsche Autoren aus dem gleichen Milieu stammten und ihre Werke praktisch austauschbar seien, was Stil und Thematik betrifft. Die Schreibschulen bewirkten, dass „Romane aus dem Baukasten“ entstünden, meistens Geschichten über das Erwachsenwerden, die niemandem weh tun.

„Autorenmarkt leidet an Burnout“ – zu diesem Schluss kommt Till Briegleb, Juror der Berliner Autorentheatertage und kritisiert das Übermaß an immergleichen Texten  auch im Theaterbetrieb. Alle Theater glauben Uraufführungen in ihrem Programm haben zu müssen, die jungen Autoren müssten liefern, auch wenn der Autor eigentlich noch an dem Stück arbeiten müsste.

Niedergang des Romans

 

Schließlich sorgte noch ein Text von Ingo Meyer im MERKUR, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken , mit dem provokanten Titel „Niedergang des Romans“ für Aufsehen. Er beklagt zum Beispiel, dass die Altvorderen Grass und Walser „an sprachlicher Sensibilität verloren haben“ , erwähnt die „schlimme Tradition von Romanen über die jungen Klassiker Goethe, Schiller, Hölderlin usw.“. Peter Handke und Jochen Schimmang und Bodo Kirchhoff befänden sich in der Abwärtsspirale. In mehreren Kurzrezensionen von Büchern von Juli Zeh über Uwe Tellkamp bis Clemens Meyer glaubt der Verfasser Anzeichen für einen Niedergang des Romans zu sehen.

Anhand der Werke einiger beliebig herausgegriffener Autoren ist es m.E. unzulässig und eine unsaubere Argumentation, global einen Niedergang der Gattung Roman zu proklamieren. Und  zur Beurteilung irgendwelche Theorien oder Poetiken heranzuziehen, die vielleicht nicht mehr zeitgemäß sind.

Zwar nahmen sich fast alle großen Tageszeitungen der oben angeführten Themen an, in Literatur-Blogs fand die Diskussion jedoch  wenig Widerhall.

Dort werden Romane über Romane besprochen, Besten-und Leselisten aufgestellt,  als könne von einer Krise oder Stagnation der Literatur nicht die Rede sein.

Einen intelligenten und aufschlussreichen Beitrag schrieb Elisabeth Michelbach dazu unter dem Titel Unter Professorenkindern im Blog Der Tod des Romans.

Eine Zusammenfassung bietet Rainer Metzger im Artikel Deutsche Milieus der Zeitschrift artmagazine.Literatur Blog

 

Allen Bloggern und Literatur-Liebhabern viele gute Leseerlebnisse und eine gute Zeit in 2015.

 

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