Elfriede Jelinek: Lust

Unter meinen ungelesenen Altbeständen sind auch Bücher von Nobelpreisträger/inne/n. Schon länger zum Lesen vorgenommen habe ich mir das 1989 erschienene Buch „Lust“ von Elfriede Jelinek.

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Die 1946 im steirischen Mürzzuschlag geborene Autorin, die ja in Zukunft nur noch im Internet  veröffentlichen will, war 1989 noch 15 Jahre von der Nobelpreis-Verleihung „entfernt“, war aber schon mit vielen Ehrungen ausgezeichnet worden. Ihr bekanntestes Werk war bis dahin der Roman „Die Klavierspielerin“, der auch verfilmt wurde.

Ich sag es vorweg: von entspannter Unterhaltung konnte bei der Lektüre nicht die Rede sein, das ist ja auch nicht mein unbedingter Anspruch. Das ohne Gattungsangabe erschienene Buch hat eine verstörende und teilweise auch abstoßende Wirkung auf mich gehabt.

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Cover Rowohlt Verlag, 1989

Der in 15 Abschnitte gegliederte Text beschreibt den    Ehealltag des Papierfabrikdirektors Hermann und          seiner Frau Gerti in einem vom Ski-Tourismus                beherrschten österreichischen Alpental, zusammen      mit ihrem gemeinsamen Sohn, der keinen Namen hat    und verwöhnt mit dem neuesten Spielzeug seinem      machtbesessenen Vater bereits nacheifert. Die Angst vor der „Krankheit“ führt dazu, dass der Ehemann „treu“ ist und Bordellbesuche meidet. Das    Hobby des Direktors ist ein Werkschor, womit er sich    als Kunst-und Musikliebhaber in der Öffentlichkeit zu    erkennen gibt. Auch muss der Sohn das  Geigespielen erlernen, um das Bild von der  kunstsinnigen und heilen Familie abzurunden. Aber:
 „Die Frau ist manchmal nicht zufrieden mit diesen Makeln, die auf ihrem Leben lasten: Mann und Sohn. Der Sohn eine farbige Abbildung, ein einmaliges Kind, aber es lässt sich fotografieren. Es läuft hinter dem Vater her, damit aus ihm auch ein Mann werden kann. Und der Vater legt ihm die Geige an, dass die Schaumflocken vom Gebiss sprühen. Die Frau haftet mit ihrem Leben dafür, dass alles klappt und sie sich wohl fühlen aneinander…und der Vater ist angefüllt wie eine Schweinsblase, er singt, spielt, schreit, fickt.“
Soweit alles ziemlich trivial: Sex als Machtinstrument der Männer, die Ehefrau wird mit Konsumartikeln abgegolten und macht sich  auch selbst zur ehelichen Hure. Und die Autorin kennt keine Gnade mit den Handelnden.
„Lieb wirft sie sich über den Sohn, aber auch als rauschender Bach fließt sie unter ihm dahin, verhallt in der Tiefe. Sie hat nur dieses eine Kind. Ihr Mann kommt aus seinem Büro zurück, und gleich reisst sie ihren Körper eng an sich, damit die Sinne des Mannes nicht auf den Geschmack kommen .“
Ich habe nicht gezählt, wie oft in den folgenden Kapiteln der Mann von der Arbeit kommt und dann die Beschreibung folgt, wie er über seine Frau herfällt um sich sexuell auszutoben.

„Der Mann ist immer bereit und freut sich auf sich.“

Seitenlange Beschreibungen von Oralsex, Analsex, Gewalt in heftigen monologischen Satzungetümen, Jelinek lässt nichts aus, auch die Ehefrau kommt nicht gut bei ihr weg. Da gibt es keine feine Ironie, die Autorin schreibt aus der Position einer zynischen Überlegenheit heraus, die mit fortdauernder Lektüre nervt.

Übertreibung und Wiederholung sind natürlich ein berechtigtes Stilmittel, um Missstände anzuprangern, können den Leser aber auch bevormunden. Schnell stellten sich beim Lesen auch Vergleiche ein, mit Thomas Bernhard etwa oder Celine, die- mit anderer Thematik allerdings- ähnliche Texte schrieben.

Wie kann man in einem solchen Land eigentlich leben?, stellt sich mir die Frage, wo an überhaupt nichts mehr ein gutes Haar gelassen wird. Das fängt mit den Schlagern im Radio an, „die uns schon von Morgen an den Tag wegfressen“ über das Sparkonto von Kindern:“ In ein paar Jahren hat das Geld dann eine schöne Gestalt angenommen, ein Fahrzeug zum Totmachen oder eine Wohnungseinrichtung zum Totsein“ bis hin zum sonntäglichen Kirchgang:„Auch Arzt und Apotheker scheuen den Gang zu Papst und Muttergottes nicht. Keinem neiden sie seine Arbeit, sie drängen, aus höheren Schulen hervorgesprossen, pflegend und gut gepflegt, ins Wirtshaus…der Arzt neidet dem Apotheker die Apotheke, die er selber gerne profitabel führte.“
Mehrmals im Text zieht Elfriede Jelinek auch eine Parallelle von der sexuellen Ausbeutung der Frau zur Ausbeutung der Arbeiter in der
Fabrik: „Gerti gilt allein schon mehr als die Hälfte von allen Körpern hier, die andere Hälfte arbeitet in der Papierfabrik unter dem Mann.“ Und den Voyeurismus der Männer gegenüber den Frauen, von der Porno-Industrie kräftig angeheizt, verbindet sie mit der Schaulust an den Katastrophen und Verschmutzungen der Natur:…„doch irgendwo wird schon in der Natur eine neue Wunde aufbrechen, zu der sie alle hineilen müssen.“
Als sich Gerti im Vierten Abschnitt endlich entschlossen hat abzuhauen, will man als Leser schon aufatmen: Endlich! Doch sie geht im Schlafrock und unzureichendem Schuhwerk, was wohl andeuten soll, dass ihr zu einem Ausbruchsversuch Entschlossenheit und intellektuelle Ausstattung fehlen. Und so kommt es denn auch: ein Student Michael  liest sie auf der Straße auf und nimmt sie im Auto mit. Sie wird von seinen Freundinnen und Freunden und von ihm selbst schließlich missbraucht und vergewaltigt. Eine Weile noch irrt sie zwischen dem „ehelichen Schlammzimmer“ mit ihrem Mann, der die Affaire ahnt,  und dem Studenten hin und her. Sie trinkt. Eines Abends, um vom Sohn beim „ehelichen Verkehr“ ungestört zu sein, „wirft der Vater in der Küche ein paar Tabletten in den Saft seines Sohnes, um diesen ewig Diensthabenden einmal zum Schweigen zu bringen...Zärtlich legt sich die Mutter als Zugabe ins Kinderbett, bewahrt eine liebende Nacht sie?
Schließlich kommt es zu einem Showdown: Gerti setzt sich ins Auto und will zum  Ferienhaus Michaels fahren, der Direktor jagt ihr hinterher.
„Diese Frau, nie darf sie sich richtig zu Hause fühlen auf der Erde.“
Der Student signalisiert ihr, dass er nichts will als Sex, sie hat sich etwas anderes, allerdings auch nicht näher Bezeichnetes erhofft. Der Mann nimmt sie wieder mit nachhause.
„Wir sind angekommen, das Kind schläft in seinem Gemächtnis. Geduldig schlummert der Sohn an der Leine der Chemie Linz AG…Unbequem liegt das Kind unter dem Auge der Mutter, die an sein Bett tritt und es geraderückt…Es freut sich gewiss aufs Wachsen, ähnlich dem Glied seines Vaters. Zärtlich küsst die Mutter ihr kleines Boot, das die Welt umschifft. Dann ergreift sie eine Plastiktüte, legt sie dem Kind über den Kopf und hält sie unten ganz fest zu, damit der Atem des Kindes darin in Ruhe zerbrechen kann. Üppig entfalten sich unter dem Zelt des Sackes, auf dem die Adresse einer Boutique aufgedruckt ist, noch einmal die Lebenskräfte des Kindes, dem vor nicht allzu langer Zeit Wachstum und Sportgeräte versprochen wurden. So geht’s, wenn man die Natur durch Geräte zu verbessern wünscht!…Jetzt ist es wider Erwarten so ausgegangen, dass ausgerechnet der Jüngste der Familie das dumme Gesicht der Ewigkeit als erster wird sehen dürfen hinter all dem Geld, das, um einzukaufen, auf der Erde frei herumrennt, wenn es niemand an die Leine nimmt. Donnernd laufen die Menschen um die Wette und bitten um schönes Wetter. Und die Schisportler gehen ins Gebirg, egal, wer sonst noch dort wohnt und selber gern gewinnen möchte.“
In der Zusamenfassung könnte man meinen, der Text (255 Seiten) sei reich an Handlung. In Wirklichkeit ist das Geschehen so gut wie zugedeckt vom Bewusstseinsstrom der Autorin; ich könnte fast aus jeder beliebigen Seite zitieren um zu zeigen,  wie in die ständige Wiederholung von pornografischen Szenen andere Themen eingeflochten werden, wie exzessiver  Fernsehkonsum, Skifahren als Ersatzreligion, Tourismus, Naturverschandelung, Heimatkult usw. Das hat auch etwas Groteskes, aber das Lachen blieb mir eher im Halse stecken beim Lesen.

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Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek ist sicher nicht angetreten, um ihre Leser mit leichter Kost zu versorgen, aber ich frage mich doch, kann man die sexuelle Ausbeutung der Frau, den Pornobetrieb, die Machtstellung der Männer wirksam mit ebenfalls pornografischen Beschreibungen aufzeigen und anklagen, also den Teufel mit Beelzebub austreiben,  und dies anhand einer Familie, einer ehelichen Terrorherrschaft, wie sie bestimmt vorkommt, aber nicht die Regel ist.

Man kann die Autorin Elfriede Jelinek nicht anhand eines einzigen Textes und schon gar nicht ohne ihre Theaterstücke beurteilen und verstehen. Möglicherweise habe ich Entscheidendes falsch interpretiert, ich lasse mich da gerne belehren auch, hier steht nur meine ganz persönliche Leseerfahrung.
„Für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen.“
So lautet der Text aus der Laudatio der Nobelpreis-Verleihung 2004. Im Buch „Lust“ habe ich Leidenschaft für die Anliegen und auch die Sprache gespürt, auch Mut zum Experiment, von dem wir zu wenig haben in der Literatur.

Ihre Internet-Projekte auf ihrer sorgfältig gepflegten website lohnen immer einen Besuch.

„Schriftsteller treffen oft ähnlich wie Generäle                                             langwierigste Vorbereitungen, bevor sie zum Angriff schreiten                             und brav ihre Schlachten abliefern.“

Elfriede Jelinek

 

                                 
                                                                                            

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3 Kommentare zu „Elfriede Jelinek: Lust

  1. Eine großartige Beprechung!
    Ich hatte das Buch auch mal eine Weile in meiner Lese-Pipeline und entschied mich dann irgendwann dagegen…
    Jetzt muss ich sagen: gut so!
    Danke!
    Liebe Sommersonnengrüße vom Lu

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    1. Danke für den Kommentar, Lu.
      Elfriede Jelinek polarisiert halt, ähnlich wie ihre Landsmänner Thomas Bernhard und Peter Handke.
      Schöne Grüße. Herbert Steib.
      Finbarsgift gehört schon als festes Accessoire zu meinem Tag!

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