Klassiker-Neuuebersetzungen-Schwemme

Seit einiger Zeit erleben wir in Deutschland einen regelrechten Boom von Neuübersetzungen, vornehmlich von Klassikern oder als solche eingestufte. Als Literaturliebhaber fragt man sich sorgenvoll: habe ich etwa jahrelang das Falsche gelesen oder gar nichtwissend falsch gelesen und verstanden?

Gibt es so viele neue Erkenntnisse, so viel mehr sprachliches Einfühlungsvermögen, dass man zum Beispiel Gontscharows Oblomow oder Faulkners Als ich im Sterben lag neu interpretieren muss? Ich glaube der Mehrwert liegt hauptsächlich bei den Verlagen, nicht beim Leser. Faulkners fast gefühlsfreie, trockene und schmucklose Satzmelodie, was gibt es daran zu verbessern?

Meistens heißt es in den Werbetexten unisono, dass eine „längst fällige Neuübersetzung“ nun vorliege. Das Buch erhalte eine „sprachlich zeitgemäße Gestalt“…

Warum ist das angeblich ein „Muss“(Motto: längst überfällig) bei fremdsprachigen Texten, nicht aber bei deutschen?

Warum wird nicht endlich Goethe, Hölderlin oder Kleist syntaktisch entschlackt und endlich mal an die Neuzeit angepasst? Läse sich nicht Manches flüssiger und hätte mehr Pep?

Wohlgemerkt: es geht hier gar nicht darum, an der oft großartigen und immer noch nicht hoch genug eingeschätzten Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern herumzukritisieren. Grundsätzlich sind von jedem Buch unendlich viele Übersetzungen möglich.

Gustav Flauberts Madame Bovary erschien 1858.

Die letzte Neuübersetzung von Caroline Vollmann war von 2001. Dann folgte bereits 2012 die wiederum Neue Übersetzung von Elisabeth Edl!

Nach 10 Jahren erfordert ein Werk wie Madame Bovary eine Neuanpassung an Sprache und Stil? Freuen wir uns über die hervorragenden Kritiken, die Elisabeth Edl zuteil wurden(Gelobt wurden in der NZZ vom 31.10.2012 vor allem die Übertragung einzelner Worte, die vielen Anmerkungen und das Nachwort!). 27 deutsche Übersetzungen gab es des als „unübersetzbar“(?) geltenden Werkes zuvor. Sollte man nicht auch all diesen Vor-Übersetzern etwas von diesem Lob zukommen lassen, sie haben doch erhebliche Vorarbeit geleistet, oder?

Warum ich erst jetzt auf diese Neuübersetzungs-Hype aufmerksam mache? Weil ich letzte Woche auf (wie sollte es anders sein)eine neue Übertragung von Aldous Huxleys Schöne neue Welt( Fischer Verlag, 2013, Übersetzung Uda Strätling) stieß und mir mal die Mühe machte, die alte Übersetzung von Herberth E. Herlitschka mit der von Uda Strätling zu vergleichen anhand des Originals von 1931. Ich sage es noch einmal: keinesfalls möchte ich die Leistungen der Übersetzer selbst kritisieren, sondern vielmehr die Hype, welche die Verlage um Neuübersetzungen machen, so als seien sie diejenigen, die mit hehren Absichten dem Leser einen Mehrwert verschaffen wollten.

Es geht doch eigentlich darum, den angestaubten Klassikern zu verbesserten Umsatzzahlen zu verhelfen. Könnte man von diesen Klassikern nicht vielleicht  besser bisher noch nicht übersetzte Werke herausbringen?

Stattdessen muss ich ja direkt die jetzigen und kommenden Schülergenerationen beneiden, die auf Grund der Gnade einer späten Geburt in der Schule die ultimativ übersetzten Werke bearbeiten dürfen, während wir Alten uns mit unzureichendem Schund abgegeben haben. Es mag ja sein, dass es schlechtere Übersetzungen gab in der Vergangenheit, grundsätzlich will ich nicht jede Neuübertragung ins Deutsche kritisieren.

Völlig unnötig und fragwürdig z.B. in der o.a. Übersetzung von Brave New World, dass Herberth E. Herlitschka den Ort der Handlung von London nach Berlin-Dahlem verlegte. Das war verbesserungswürdig.

Doch zum  Ergebnis meines Vergleichs Uda Strätling-Herbert E.Herlitschka im nächsten post mehr.

Über das Thema schrieb auch Dr.Christian Köllerer bereits 2012 und der hervorragende Blog Film und Buch im Januar 2014.

 

 

 

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3 Kommentare zu „Klassiker-Neuuebersetzungen-Schwemme

  1. Spannendes Thema. Übersetzen fasziniert mich ungemein, wobei es einmal um den Sprachfluß geht, dann auch um das Nahebringen der Kultur. Eine tolle Leistung finde ich „Der Schrekelhuck“, Dieter E. Zimmers Übersetzung von Edward Goreys „The Unwanted Guest“.

    Manchmal fängt man an, eine Übersetzung zu lesen, und stolpert schon über das Deutsch. Ich bewundere die Arbeit von Übersetzern sehr, und deswegen fühl ich mich mies dabei, wenn ich Kritik über. Andererseits soll es ja helfen, besser zu werden. Jedenfalls hoffe ich, dass sich Bettina Abarbanell noch mal „Train Dreams“ von Denis Johnson im Original vorknöpft und in dessen fremde Welt eintaucht, den richtigen Ton findet und den lakonischen dunklen Humor nachvollziehen lernt. Auf die Prosa von Judith Hermann, dagegen, wurde ich durch eine Übersetzung in Granta aufmerksam, und beide Lektüren waren es wert. Das sind nur ein paar Beispiele.

    Danke jedenfalls für den Anstoß.

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    1. Sehr aufschlussreicher Kommentar.
      Ja, auch ich fühle mich mies dabei, wenn ich Kritik an Übersetzungen übe. Ich habe aber eher am Verhalten von manchen Verlagen meine Zweifel, wie es in meinem Beitrag vielleicht nicht deutlich genug zum Ausdruck kommt. „Der Schrekelhuck“ ist mir unbekannt, das habe ich vorgemerkt.
      Dieter E. Zimmer ist ja auch ein Unermüdlicher in Sachen Literatur, dem wir zu danken haben. Und Denis Johnson, ja dafür wird es jetzt aber auch einmal Zeit.
      Gleich zwei spannende Anregungen. Vielen Dank dafür und viele Grüße.
      Werde über die Feiertage sicher auch im buchmerkur blättern.

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