Jens Wonneberger: Die Geschichten liegen auf der Straße

Schlagwörter

, , ,

 

Jens Wonneberger, Jahrgang 1960, in Sachsen aufgewachsen, in Dresden lebend, ist mir schon öfter in Feuilletons begegnet. Jetzt habe ich seinen 2014 erschienen kurzen Roman Goetheallee gelesen und es scheint mir angebracht, ein paar Sätze zu meiner Lektüre anzufügen.

Jens Wonneberger

Jens Wonneberger, Quelle: müry Salzmann Verlag

Ein richtig muffiges,  spießiges Umfeld ist es, mit dem man ohne große Umschweife bekannt gemacht wird. Der Ich-Erzähler besucht täglich den Kiosk von Frau Hartmann, um sich seine Zeitung und Zigaretten zu holen. Meist trifft er auch auf den Hausmeister Wehofsky –in dessen Fängen sich die Wohnanlage befindet- der sich als herausgehobene moralische Autorität fühlt. Der schreibende Erzähler hat sich gerade mit der Imagebroschüre der Touristikzentrale herumgequältwährend seine Frau Sabine als Fallmanagerin im Jobcenter arbeitet. Den Schreibauftrag  hat ihm seine Frau verschafft, denn sie versteht sich auf Motivation, also packte ich zuZum Glück gibt es den Vorstadt-Filz, denn Sabine isst auch gelegentlich mit der Touristik-Mitarbeiterin zu Mittag, das kann nicht schaden. Der sensible  Erzähler-Autor-Freiberufler hat Minderwertigkeitsgefühle und hasst sich selbst dafür, solche Auftragsarbeiten annehmen zu müssen… Sabine ist die Dominante, mir ist das recht, manchmal habe ich sogar das Gefühl , sie lebt nur deshalb mit mir zusammen, weil ich als stiller Teilhaber unserer Ehe der Entfaltung ihres Initiativgeistes so wenig Widerstand entgegensetze und zufrieden bin, wenn sie mich an die Hand nimmt, wie einen ihrer Fälle in der Agentur.

Der Unglückliche, ein Bilderbuch-Neurotiker sozusagen,  der sich über sich selbst nicht im Klaren ist, vermutet überall Fallstricke, seine Assoziationen während seiner Streifzüge durch die Stadt verstärken seine prekäre negative Selbsteinschätzung noch. Dabei hätte er beste Voraussetzungen, sind doch laut Freud Tagträumer und Dichter einander „zum Verwechseln ähnliche Persönlichkeiten.“

Immerhin ist er ein guter Beobachter, Sabine ermutigt ihn zum Schreiben, denn die Geschichten lägen doch auf der Straße, und so bummelt er um die Blöcke, um dem Leser das Alltagsleben zu schildern, in dem im Grunde wenig passiert. Aufregend ist dieses Leben nicht, aber die Welt kann bei einer so heiklen Seelenlage wie der des Erzählers zu einem Ungetüm emporwachsen. Er fühlt sich außerdem als Schmarotzer, denn Sabine trägt eindeutig die finanzielle Hauptlast des Haushalts. Viel wird in dieser Vorstadt-Welt gemutmaßt, wenig echte Kommunikation findet statt. Bei jeder Gelegenheit erinnert er sich an seine frühere Geliebte Katharina, er meidet nach Möglichkeit die Goetheallee, denn da befindet sich die Buchhandlung von Frau Wohlgemuth, die seine Bücher nicht führt. sie stellt nur Bestseller aus, die glänzend wie polierte Grabsteine zwischen Trockenblumen und bizarren Totholzarrangements hinter der Scheibe stehen. Er sieht den Spatzen zu, beschreibt die aufblühenden Kastanien, immer mit schlechtem Gewissen unterwegs, wie das in Deutschland denen passiert, die keine rechtschaffene Arbeit haben. Und da ist noch Karls Klosterstube, die Stammkneipe des Erzählers, hier legt der Wirt Karl die Songs seines Privatheiligen Johnny Cash auf, es wird nicht viel geredet, die Musik ist laut, ein Heimatabend für nennt Sabine die trostlose Szenerie. Der Autor beschreibt mit viel Ironie diese antiquierte Männer, die noch immer und auf ewig von der Route 66 träumen, während der Erzähler andauernd in die Vergangenheit abdriftet, sich an Italien-Reisen erinnert  und lange überlegt, welche Farbe denn nun eigentlich Katharinas Augen hatten. Und endlich erfahren wir: es war die Farbe von reifen Holunderbeeren. 

Aber alles, was er anfängt, ist Ersatzhandlung und eine Ausweichstrategie, nicht an den Schreibtisch zu müssen.  Die Unschlüssigkeit und Verunsicherung des Erzählers hat Jens Wonneberger wirklich sehr gut eingefangen, oft in unscheinbaren kleinen sprachlichen Bildern: Über dem Hügel westlich der Stadt braut sich ein Unwetter zusammen, eine graue, tief hängende Wolkenfront ist aufgezogen und verfinstert den Himmel. Nur durch eine kleine runde Öffnung, die wie ein Einschussloch aussieht, fallen noch ein paar Sonnenstrahlen.

Aber im Haus steht ein Monstrum von Schreibtisch und: Ohne Auftrag ist der Tag ein schwarzes Loch. Immerhin rafft der Schriftsteller sich auf und sammelt Stoff über einen ehemaligen Nazi, welcher der Lebens-reformbewegung angehörte und Gedichte schrieb, es war der Großvater von Frau HartmannDoch echte Begeisterung sieht anders aus, es scheint eher ein Alibi-Projekt zu sein zur Rechtfertigung. Vor Sabine und vor aller Welt. Dass Sabine den Hausmeister, den Latzhosenaffen auf einmal mit Vornamen anspricht, ist Grund genug für einen ausgeprägten Eifersuchtswahn des Erzählers. Das Selbstvertrauen scheint endgültig dahin zu sein, die Rituale des Alltags nehmen ihren Fortgang, doch der Erzähler beobachtet seine kleine Welt jetzt noch misstrauischer. 

Schon nach den ersten Seiten erinnerte mich Erzählhaltung und Erzählstil Wonnebergers an Romane von Wilhelm Genazino, in denen er den Flaneur der Neuzeit erschafft und beschreibt. Die Hauptperson, der Anti-Held, der in seinem kleinen vertrauten Biotop Vorstadt die ganze Welt finden will, fand ich von Beginn an sympathisch, mit zunehmender Dauer der Lektüre will man den Akteur dann endlich handeln sehen und -soviel sei verraten- zum Ende hin scheint er ja endlich aus dem Tal der Unschlüssigkeit und Resignation herauszukommen. Dass ausgerechnet die Aufzeichnungen eines Lebensreformers und Altnazis neue brauchbare Erkenntnisse für den Erzähler hervorbringen, sollte vielleicht die Ironie der Geschichte aufzeigen, doch das  kam mir doch sehr bemüht konstruiert vor. Ich habe das Buch gerne gelesen, der diffuse psychische Zustand des Erzählers, der gehend seiner existenziellen Verwirrung Herr werden möchte,  ist überzeugend ausgearbeitet im Hin-und Herwälzen der Gedanken, die Verunsicherung tritt selbst in Landschaftsbeschreibungen zutage: Die von rötlichen Adern durchzogene Erde der steilen Böschung ist an manchen Stellen wie wundgescheuert.

Die ganze banale bundesrepublikanische Alltäglichkeit, in der wir scheinbar so sicher verankert sind, hat einen doppelten BodenIch konnte als Leser dieses Romans von Jens Wonneberger ein Gespür dafür bekommen, in welch starrem System wir uns im Alltag eigentlich bewegen, und wie fremdbestimmt wir Menschen oft sind. Wie oberflächlich unsere Kommunikation im angeblichen Zeitalter der Kommunikation häufig ist, und wie wir Gefahr laufen, in genormten DIN-Idyllen dahinzudümpeln, wenn wir nicht anfangen, eigenständig zu denken und zu handeln. 

Cover_Jens Wonneberger_klein

Cover „Goetheallee“

 

 

 160 Seiten
11,5×18 cm
geb. mit SU
ISBN 978-3-99014-128-1

 

 

 

Marina Büttner schreibt in ihrem empfehlenswerten Literaturblog Literatur leuchtet eine Rezension zu Jens Wonnebergers neuerem Roman „Himmelreich“.

Im Poetenladen gibt es ein längeres Interview mit Jens Wonneberger nachzulesen.

Guillermo Martinez: Roderers Eröffnung

Schlagwörter

, , , , ,

 

Dieser kurze Roman des Argentiniers  Guillermo Martinez (Jhg. 1962)erschien, obwohl bereits 1992 im Original veröffentlicht,  in deutscher Übersetzung erst 2010, als Argentinien Gastland der Frankfurter Buchmesse war.

Guillermo Martinez in Miami 2014; Quelle:Wikipedia

Guillermo Martinez in Miami 2014; Quelle:Wikipedia

Der Titel führt etwas in die Irre: Von Schach handelt das Buch nur am Anfang, als der namenlose Ich-Erzähler, ein junger Mann, der Schriftsteller werden möchte,  in einer zwielichtigen Bar in Puente Viejo, einem kleineren Ort am Meer, den neu zugezogenen Gustavo Roderer trifft, mit ihm eine Partie Schach spielt und verliert. Für den Erzähler eine Demütigung, denn er ist der beste Spieler am  Ort und außerdem Jahrgangsprimus auf dem Gymnasium. Er schildert Roderer zunächst undifferenziert als unsympathischen Sonderling: Roderer hatte etwas an sich, das den geringsten körperlichen Kontakt unvorstellbar machte… 

Und diese erste Schachpartie der beiden jungen Männer eröffnet stellvertretend  für die nächsten 100 Seiten, und über Jahre andauernd, diese Konfrontation, dieses Duell, bei dem ich der einzige Kämpfende war und nichts als Fehlschläge landete, sagt der Erzähler. Als die beiden für ein paar Monate in dieselbe Klasse gehen, braucht der Erzähler allerdings überraschenderweise nicht um seine herausgehobene Stellung zu fürchten, denn Roderer ist ohne jeden Ehrgeiz, die Schule langweilt ihn, er liest während des Unterrichts mitgebrachte Bücher. Hegels Logik, Die Göttliche Komödie auf italienisch, Goethes Faust , Bücher der unterschiedlichsten Disziplinen-und wieder fühlt sich der Erzähler, der doch Schriftsteller werden möchte, beschämt, denn da waren Bücher,in die ich erst sehr viel später Einblick erlangte, und andere, die in schmerzlicher Ferne funkelten, Bücher, die mir, wie ich ahnte, immer fremd bleiben würden.

Der Lehrer Dr. Rago verdeutlicht den Unterschied der beiden Hochbegabten und behauptet, die verschiedenen Arten von Intelligenz ließen sich zu zwei Grundtypen zusammenfassen: da ist zum einen die assimilierende Intelligenz, die ähnlich wie ein Schwamm alles sofort in sich aufsaugt…, die im Einverständnis mit der Welt ist und sich in allen geistigen Domänen in ihrem Element fühlt.

Hier ordnet sich der Erzähler selbst ein, im Bewusstsein, dass sich dieser Intelligenztyp nur quantitativ von den Fähigkeiten jedes beliebigen Menschen unterscheidet: schneller, schärfer, gewandter bei Analyse und Synthese.

Was nun den anderen Intelligenztyp betrifft, so ist er wesentlich seltener und schwieriger zu finden. Es handelt sich da um eine Art Intelligenz, die die gewohnten geistigen Bahnen, die gängigen Argumente, alles Bekannte und Bewiesene als befremdlich oder häufig sogar als feindlich empfindet…Diese Ablehnung ist manchmal so extrem, so lähmend, dass jemand mit dieser Intelligenz riskiert, als willensschwach oder dumm abgetan zu werden. Doch es drohen ihm noch schlimmere Gefahren: Wahnsinn und Selbstmord. 

Klar, wen der Leser in diese Kategorie einordnet: Gustavo Roderer ist der Gefährdete. Er, der sich schon anfangs nach der Schachpartie als „krank“ bezeichnet, zu dem Zeitpunkt noch nicht einzuordnen, scheint an einer Entwicklungsstörung zu leiden irgendwo innerhalb des Autismusspektrums, die Schwäche in der sozialen Interaktion, seine Eigenbrötelei und gleichzeitige Stärke in der Fähigkeit, sich mit ungewohnter Intensität und abnormem Durchhaltevermögen auf ein bestimmtes Spezialinteresse zu konzentrieren deuten darauf hin. Denn Roderer will nichts Geringeres als die Erstellung eines großen Denkystems, das alle bisherigen Philosophien für unzulänglich erklärt und überflüssig macht.

Der angepasste Erzähler dagegen macht seinen Weg, überspringt eine Klasse, studiert in Buenos Aires, macht in den Semesterferien einen Trip durch Peru, wird kurz als Soldat einberufen im Falkland-Krieg und geht später auch noch nach Cambridge, um Vorlesungen über Logik zu hören. Der Autor streift diese ganzen Begebenheiten nur mit kurzen beiläufigen Beschreibungen, die Interesse wecken, Stoff für einen veritablen Roman hätte darin gesteckt, aber der Leser wird immer wieder mit dieser geistigen Auseinandersetzung der beiden so verschiedenen Hochbegabten befasst. Das fand ich schade, diese Rückführung auf die Dualität „gute und schlechte Intelligenz“ gewissermaßen, es werden kaum zu verstehende Theoreme von den beiden ins Feld geführt, die teils fiktiv, teils real sind, um gegenseitige Überlegenheit zu signalisieren. Und erst im letzten Drittel des Romans (Die Einstufung als Novelle wäre angemessener) erfahren wir in einem Brief Roderers an den Erzähler deutlicher -Spinoza, Hegel, Nietzsche müssen „herhalten“- welche Hybris in seinen Bemühungen steckt und welche Tragik.

Doch ich habe mir in diesen Jahren eine Methode erarbeitet, eine Wahrnehmungsfähigkeit, die das Menschliche übersteigt, eine neue Einsicht, die mir die Türen eines anderen Himmels öffnen wird, eines noch leeren Himmels, der auf die Menschen wartet… Wünsche mir Glück; ich trage eine Fackel des bestgehüteten Feuers und ich begebe mich damit in Regionen, die dem menschlichen Denken stets verschlossen waren.

 Es sollte wenigstens noch eine Liebesgeschichte, wenn auch eine misslungene-ich will den Ausdruck „tragisch“ bei all der Tragik gar nicht mehr gerne verwenden-erwähnt werden. Christine, die Schwester des Erzählers, ist schon kurz nach dem Auftauchen Roderers in ihn verknallt, der aber über seinen Büchern die Welt vergisst und keine Notiz davon nimmt. Aber Christine sollte dennoch bis zum Ende, das bitter ist, (ich will nicht das ganze Geschehen explizit darstellen)  einen Einfluss auf Roderer ausüben und maßgeblich daran beteiligt sein, Roderers Leben im Grunde wie eine große armselige rationale Anstrengung aussehen zu lassen.

Ähnlich wie in Doctorows In Andrews Kopf sind auch in diesem Buch die Möglichkeiten  für den Leser, zu den unterschiedlichsten Schlussfolgerungen und Erkenntnissen zu kommen, vielfältig. Eine gesellschaftliche Verweigerungshaltung mit allen Konsequenzen zu leben, führt, wenn sie auch noch zu einem wahnhaften  Groß-Ich aufgeblasen ist, zu einem unguten Ende, zu eiskalter Einsamkeit und die vernachlässigten und unterentwickelten oder gar nicht verwirklichten Seiten der Persönlichkeit bilden im Gefühlsleben  unerklärliche irrationale Stimmungen aus.

An einer Stelle beschreibt sich indirekt auch der Schriftsteller Martinez selbst beim Verfassen dieses Buches: Er (der Schriftsteller) hatte Angst, seine (Roderers) Unterkühltheit zu weit zu treiben und damit eine unmenschliche Figur aus ihm zu machen, ein Symbol, ein abstraktes Wesen. So hat er ihn zwar konzipiert, das ja: als seelenlosen Helden, als Helden, der sich nach einer Seele sehnt…

Und zum Glück auch für den Leser: Im Laufe der Ereignisse wird der Held menschlicher, auch wenn er zu emotionaler Intensität letztlich nicht fähig scheint. 

Martinez hat von Anfang an die Entfremdung und Selbstentfremdung des Menschen im Blick, die Spannung für den Leser steigt bis zum Schluss stetig, das Ganze gelingt in sprachlicher Bravour. Ob man in einem so kurzen Text tatsächlich so viele Anspielungen hineinpacken muss,  Sartres Ekel, Balzacs Louis Lambert, Goethes Faust natürlich, Dalis fließende Uhren, Beweistechniken der Mathematik undundund bei einem ohnehin schon kopflastigen Thema, das habe ich mich schon gefragt, da erkennt man doch eine Verwandtschaft zu den Postmodernen Amerikanern, z.B. Thomas Pynchon, wo ich mir dieselbe Frage gestellt habe. 

Guillermo Martinez ist promovierter Mathematiker. In diesem frühen Werk hätte etwas mehr Weitschweifigkeit nicht geschadet; ich muss zugeben: bei einem lateinamerikanischen Roman hätte ich mir auch etwas mehr Lokalkolorit gewünscht, da scheint doch noch eine unauslöschbare Nostalgie für den magischen Realismus in mir zu schlummern. (Glücklicherweise sind aus dieser Epoche noch ungelesene Schätze im Vorrat.)

Das Buch habe ich aus einer Mängelausgaben-Wühlkiste „gerettet“.  Leider sind viele Bücher des Eichborn-Verlages nach dessen Übernahme dort gelandet.

Buchcover, Eichborn Verlag

Buchcover,
Eichborn Verlag

ROMAN. AUS DEM SPANISCHEN VON ANGELICA AMMAR. EICHBORN.BERLIN VERLAG, FRANKFURT A.M. 2009. 118 SEITEN. 14,95 EURO. ISBN: 978-3-8218-5787-9

Für Interessenten:

http://www.lovelybooks.de/autor/Guillermo-Martínez/Roderers-Eröffnung-568686067-

http://culturmag.de/rubriken/buecher/guillermo-martinez-roderers-eroffnung/838

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Edgar Lawrence Doctorow: In Andrews Kopf

Schlagwörter

, , , , , ,

 

Der 1931 als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in New York geborene und letztes Jahr verstorbene E.L. Doctorow-seine beiden Vornamen verweisen auf Edgar Allan Poe und D.H. Lawrence-gehörte in Amerika zu den großen Schriftstellern der Alten Generation wie etwa Philip Roth, John Updike, Susan Sontag, Saul Bellow oder DeLilloSeine früheren auch verfilmten Romane Ragtime und Billy Bathgate werden noch heute in der ganzen Welt bewundert, diese weit ausholenden Zeitgemälde, in denen er Fiktion mit historischen Fakten und Personen raffiniert und gekonnt vermischt. Was so etwas wie sein Markenzeichen wurde. Und er hat außer dem Literatur-Nobelpreis die bedeutendsten Preise erhalten.

E.L.Doctorow Bildquelle:www.kiwi.de, Gasper Tringale

E.L.Doctorow
Bildquelle:www.kiwi.de,
Gasper Tringale

 

In Andrews Kopf(Originaltitel Andrew’s Brain) hat der Leser gleich zu Anfang einiges zu sortieren und einzuordnen: Der Erzähler, so erfahren wir, der von seinem Freund Andrew, dem Kognitionswissenschaftler, erzählt, ist Andrew selbst. Und er erzählt seine Geschichte einem Gegenüber, einem Psychiater, der als Projektionsfläche dient, der nicht weiter als Charakter entwickelt wird, außer, dass er manchmal Fragen stellt und als Stichwort-Geber fungiert und auch ab und zu an Andrews Berichten zweifelt(Wie der Leser?)

Der unzuverlässige Erzähler

Andrew, der im Laufe des Buches immer wieder von der ersten in die dritte Person wechselt, ist offenbar ein Traumatisierter, wie ein Blinder im fallenden Schnee, dem eine Rede-und Schreibtherapie verordnet wurde. Ein derartiges Setting ist ja in der Literatur nicht unbekannt (vgl. z.B.  Max Frisch: Stiller) und bedient ein amerikanisches Klischee: Wer Probleme hat, heuert sich einen Shrink an. Andrew, als betrachte er sich als ein Fremder, beginnt seine Schilderung damit, wie er mit einem Baby auf dem Arm vor der Tür seiner Exfrau Martha steht; seine neue junge Frau Briony, die Mutter des Kindes  ist gestorben und er kann  die Situation nicht mehr bewältigen  und braucht Hilfe.

Marthas riesiger Ehemann, der Andrew einen Täuscher nennt, Andrew der Täuscher,  ist davon natürlich nicht begeistert und wir erfahren von Andrews „Talent“, bei allem, was er anfängt, eine Spur des Verderbens hinter sich herzuziehen.

Und Andrew erzählt, monologisiert, schweift ab, ohne sich an eine lineare zeitliche Abfolge zu halten, gibt zwischendurch etwas an mit neuen Erkenntnissen der Kognitionswissenschaft, Ihr Gebiet ist die Seele, meins das Gehirn, sagt er. 

Glauben Sie mir, Sie werden arbeitslos. Was können wir, die wir vom Baume der Erkenntnis gegessen haben, anderes tun, als uns zu biologisieren? Schmerzen vertreiben, Leben verlängern…

Andrew berichtet über sein großes Unglück, dass er seinem ersten Kind, das er mit Martha hatte, eine von der Apotheke falsch gelieferte Arznei gab, eine Handlung, an deren Folgen das Baby dann starb. Martha war darauf unheilbar beschädigt,  konnte ihren Beruf als Klavierlehrerin nicht mehr ausüben. Und jetzt ist auch noch Andrews zweite Frau tot. Und Andrew nimmt die ganze Schuld auf sich, das scheint seine Bewältigungsstrategie zu sein. Andrew, der zwischen Schuldanerkenntnis, Trauma, Verdrängungen und Depressionen hin-und hergeschüttelt wird, schildert eindringlich und manchmal widersprüchlich das weitere Geschehen. 

Der ständige Wechsel in die dritte Person zeigt, dass Andrew am liebsten ein anderer wäre, er würde aus seiner Haut schlüpfen, wenn er könnte, alles ungeschehen machen. 

Nach dem Tod der Tochter und der Trennung von Martha  begibt Andrew sich auf die Flucht, das Gehirn zugedröhnt von der Erkenntnis, dass man etwas Unabänderliches getan hat. An einem staatlichen College am Fuße des Wasatch-Gebirges in Utah unterrichtet er einen neurowisssenschaftlichen Grundkurs und verliebt sich in die junge Mathematikstudentin Briony. Na, dachte ich beim Lesen, diese Professor-Studentin-Geschichte ist aber auch schon toterzählt (siehe z.B. Philip Roth: Der Professor der Begierde), doch hier wird gezeigt, bei allem „Talent“ zum Unglück und zu Widrigkeiten und Pannen, dass Andrew durchaus befähigt ist, Glück zu empfinden. Im Leben mit Briony.

Glück besteht darin, in der Alltäglichkeit des Lebens zu stehen und nicht zu wissen, wie glücklich man ist. Wahres Glück kommt davon, dass man glücklich ist, es ist eine animalische Heiterkeit, irgendwo in der Mitte zwischen Zufriedenheit und Freude, eine Beständigkeit des Ichs an seinem Platz in der Welt.

Aber gerade diese Beständigkeit des Ichs geht Andrew ja völlig ab, und so ist es wohl hauptsächlich Wunschdenken, das ihn leitet, als er mit Briony nach New York zieht, wo er Lektor ist für einen Lehrbuchverlag. Andrew gibt uns  herrliche Beschreibungen vom West Village, geradezu lyrische, ja euphorische Ausbrüche an manchen Stellen des Romans, typisch für Manisch-Depressive Erkrankte, und so kam mir Andrew zeitweise auch vor: wie ein Patient mit extremen Stimmungsschwankungen. Ein abnorm depressiver neurowissenschaftlicher Tollpatsch, so bezeichnet er sich einmal selbst, was der Psychiater gerne aufnimmt und als Selbsthass einstuft.

Als das Baby da war, schickte der alte italienische Bäcker uns eine Torte, von den Koreanern kam ein Obstkorb, alle alten Damen aus der Nachbarschaft hatten Brionys Schwangerschaft verfolgt, die werdende junge Mutter war überall bekannt, und als sie an einem Frühlingstag zum ersten Mal mit Willa nach draußen ging, die in einem Tragetuch an ihrer Brust lag, tauchten ständig Leute auf, als hätten sie nur darauf gewartet, es wurde so etwas wie eine königliche Prozession, Mutter und Kind…

Das ist leicht hingesagt im Hochgefühl der Manie. Doch an 9/11 2001, beim Training zum bevorstehenden New-York-City Marathon,  kommt Briony um. Verzweifelt und völlig überfordert bringt Andrew das Baby zu seiner Exfrau Martha und ihrem riesigen Ehemann, und es sieht aus, als könnte das Kind  einen „Ersatz“ darstellen für Martha für die  durch das Medikamentenunglück verstorbene Tochter. Andrew wirkt wie einer, der sich im Leben verlaufen hat, es aber nicht merkt.

Es passiert noch viel Erstaunliches, um nicht zu sagen Groteskes, viele Anspielungen auf Literatur und  Politik und Zeitgeschichte sind nach Doctorowscher und postmoderner Manier auch in diesen Roman verwoben.  Mark Twain, von Doctorow sehr geschätzt, scheint im Hintergrund manchmal verschmitzt zu lächeln, wenn auch noch George W. Bush mit seinen Ministern Chaingang und Rumbum auf der Bühne erscheinen.  Andrew gibt zwar dem Leser den Eindruck, als hätte er ein Konzept realistischer Darstellung, aber der Leser zweifelt , leidet mit, glaubt ihm dann dann wieder, lacht und trauert: was ist das nur für ein genialer Meister, dieser E.L. Doctorow. Da erinnert sich Andrew an eine Europa-Tour als Yale-Student, an die Fehlgeburt einer Freundin, belehrt seinen Psychiater (und den Leser) über Schwarmgehirn und Staatenhirn, kommt unvermittelt auf Wittgenstein oder Walt Whitman zu sprechen, um im nächsten Satz Emerson zu kritisieren. Das alles auf höchst spannende und unterhaltsame Weise. Da nicht ohne Weiteres zu erkennen ist, was an den Darstellungen Andrews Realität ist, was erfunden oder konfabuliert, bietet der Roman vielerlei mögliche Lesarten an:

Wir können an das amerikanische Standardmodell denken der Problembewältigung, an eine Rede-und Schreibtherapie des traumatisierter Andrew, der sich sozusagen neu erfindet, um überhaupt weiterleben zu können und nach den  durchstandenen Dramen nicht in totaler Versteinerung zu enden.

Wir könnten erkennen, dass, wenn Welt-und Sinnhaltigkeit im persönlichen Erleben verloren sind, die Kognitionswissenschaft oder auch eine andere Wissenschaft nicht weiterhelfen. Denn auch Andrew kommt mit seiner Wissenschaft schnell an Grenzen:

Wer Wissenschaft betreibt, muss tapfer sein. Es hat mich sehr mitgenommen, als experimentell nachgewiesen wurde, dass das Gehirn eine Entscheidung treffen kann und wir uns dessen erst Sekunden später bewusst werden… Es werden noch raffiniertere Experimente kommen, und dann ist erwiesen, dass der freie Wille eine Illusion ist. 

Man kann den Roman ebenso lesen als Zeitsatire auf die Neuro-Wissenschaften, die mit angeblich so bahnbrechenden Erkenntnissen in erster Linie mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Tatsächlich streiten ja heutzutage verschiedene Wissenschaften darum, wer denn die Deutungshoheit besitze zum Thema  Bewusstsein und Welterklärung.

E.L. Doctorow hat in seinem letzten Roman gezeigt, welch artistische erzählerische Möglichkeiten er beherrscht; mit Humor, Ironie und Schlitzohrigkeit gewürzt, nicht so weit ausholend wie in Ragtime zwar, mit weniger Personal, dafür umso konzentrierter, beschreibt er den Menschen auf der Suche , nach sich, nach Orientierung, nach dem Glück. Nichts Besonderes, oder? Das Besondere ist die kunstvolle Art des Erzählten, die in der Diktion und Struktur des Textes direkt fühlbare Suchbewegung und Ratlosigkeit Andrews über das ungleichgewichtig verteilte Leid. Und die brillante Schreibweise. Es ist ein positives Buch. Auch wenn Andrew als Vater und Ehemann versagt hat,  berichtet er am Ende von  Mark Twain, wie er Geschichten erfindet, damit seine kleinen Mädchen besser einschlafen. Wie er ihr Beschützer ist und die Welt ist ein behaglicher und sicherer Ort, wie sie sich, wenn sie erwachsen sind, an seine Geschichten erinnern und lachen vor lauter Liebe zu ihrem Vater.Wie das seine Erlösung ist.

Und damit wird auch deutlich: wir sind nicht nur ein Produkt unseres Gehirns, einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen, das wäre eine schreckliche Vorstellung von unserem Selbst, gefangen in unserem Kopf. Vielmehr ist das Bewusstsein  ein mit der Welt verbundener dynamischer Vorgang,  das verdeutlicht uns Doctorow im oben angeführten abschließenden Satz dieses wunderbaren Romans: die Welt, die uns umgibt, ist keine Illusion.

Buchcover, Verlag Kiepenheuer & Witsch

Buchcover, Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

 

 

 

 

Titel der Originalausgabe: Andrew’s Brain
Aus dem amerikanischen Englisch von Gertraude Krueger
ISBN: 978-3-462-04812-4
Erschienen am: 17.08.2015
208 Seiten, gebunden